Die Agrar- und die Finanzindustrie tötet jede Minute zwei indische Bauern | “Good food bad food” rüttelt auf

Gestern habe ich mir im Ökozentrum im schönen Kloster Neustift den Film “Good food, bad food” angeschaut und habe dann die Podiumsdiskussion mitverfolgt, die nach der Filmvorführung angeboten wurde. Der Film ist handwerklich schlecht gemacht, die vermittelten Inhalte sind aber durchwegs interessant bis aufrüttelnd.

Was ich zwar wusste aber erst langsam in seinem ganzen Ausmaß erfasse, ist der mörderische Einfluss der großen Agro-Konzerne auf die landwirtschaftliche Produktion und die verheerende Komplizenschaft zwischen diesen gewissenlosen Konzernen und nicht minder gewissenlosen Politikern, die den Rechtsstaat zum Selbstbedienungsladen der Konzerninteressen gemacht haben. Das wird besonders an den im Film zitierten Urteilen gegen die Hüter der Biodiversität von Kokopelli, einer privaten Organisation, die sich um freies Saatgut und die Förderung der Biodiversität bemüht: Da das von Kokopelli vertriebene Saatgut nicht im nationalen Saatgut-Katalog enthalten sind, gibt es Verwaltungsstrafen für die Verantwortlichen – während staatliche Forschungsstellen das Saatgut von Kokopelli beziehen.

Sehr interessant sind die Aussagen des Ehepaares Borguignon. Die Mikrobiologen beschäftigen sich mit der Bodenbeschaffenheit und weisen nach, dass die Böden durch die Pestzide und Düngemittel der Agro-Industrie aber auch durch falsche Bearbeitungstechniken systematisch abgetötet werden und dadurch nur mehr jene Nährstoffe weitergeben können, die industriell eingetragen werden.

Wichtige Passagen des Films, der zu viele Themenschwerpunkt auf einmal behandelt, beschreiben interessante Projekte der Landlosen-Bewegung in Brasilien und die Aktivitäten von Vananda Shiva, die in Indien unter anderem eine Farm betreibt, auf der Saatgut gewonnen wird, das den Bauern kostenlos zur Verfügung gestellt wird – mit der Auflage doppelt soviel Saatgut zurück zu bringen oder dies an zwei weitere Bauern weiter zu geben. In Indien besteht enormer Handlungsbedarf: Jede Minute töten sich zwei Bauern, weil sie durch Pestizide, Düngemittel, Maschinenkosten und Hybridsamen in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale geraten, die nur dem Profit der Konzerne und Banken dient.

Durch den ganzen Film zieht sich ein Aspekt, der gleich bestürzend wie wahr ist: die Industrialisierung der Landwirtschaft und die systematische Zerstörung der Lebensgrundlagen die damit verbunden ist, ist ein typisch männliches Phänomen. Frauen gehen umsichtig mit Saatgut um, bewahren das Wissen, das sie von ihren Müttern erworben haben und geben es weiter. Sie sind die Hüterinnen des Lebens. Wo Männer in die Landwirtschaft eingreifen, beginnt Technikgläubigkeit, Zerstörung und Niedergang. Vananda Shiva aber auch andere InterviewpartnerInnen des interviewlastigen Filmdokuments orten darin in seltener Eintracht ein zentrales Problem der Entwicklung unseres Planeten.

Die Überlänge des Films, die miserable Kameraführung (Leute, Video-Stative gibt’s ab 100.- €!) und die Häufung von Themenschwerpunkten sowie große thematische Sprünge sorgen für ein mühevolles Seh- und Aufnahmeerlebnis. Gleichzeitig bekommt der Betrachter aber eine Fülle von Informationen mit, die seine Sensibilität als mündiger Konsument auf jeden Fall erheblich stärken und die Empörung und den Zorn über die Praktiken der Konzerne und der weltweit korrupten Regierungen steigern dürften.

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