Ballast für kommende Generationen | Nazi-Vergangenheit verdrängen?

AUS DEM ARCHIV (erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 26.11.2007)

Die Südtiroler schleppen viel historischen Ballast mit sich herum. Trotz einiger mutiger Versuche von Historikern wie Poldi Steurer, Marta Verdorfer und Politologen wie Günther Pallaver, tiefer in die Zeit des Faschismus und des Nationalsozialismus hineinzublicken, ist es in unserem kleinen Land noch zu keiner systematischen Aufarbeitung dieser Epoche gekommen.

Südtirol gefällt sich weiter am besten in einer ewigen Opferrolle als bedrohtes Volk in den Bergen und so konnte es auch passieren, dass Landeshauptmann Durnwalder vor einigen Jahren ohne Aufschrei aus der Bevölkerung erklären konnte, die Südtiroler seien gegenüber den Juden zu keiner besonderen Demutshaltung verpflichtet, da sie ja selbst Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus geworden seien.

Dabei waren viele, viele Südtiroler unter den Tätern und die deutschsprachige Bevölkerung tendierte in überproportionalem Maß in Richtung Nationalsozialismus. Der Völkische Kampfring Südtirol als stramme Nazi-Vorfeldorganisation hatte in Südtirol schon ab 1933 viele begeisterte Anhänger, die sich – und das kann die Nazibegeisterung auch in gewissem Sinne relativieren – vom „Reich“ vor allem die Befreiung vom italienischen Faschismus erwarteten.

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Nazi-Parade in Berlin – auch viele Südtiroler dienten dem Nazi-Regime

Was damals viele erfasste und wie die Mechanismen im Detail funktionierten ist leider noch nicht systematisch aufgearbeitet worden, obwohl viele Südtiroler Historiker wichtige Grundlagenforschung geleistet haben. Die Arbeiten dieser engagierten Forscher wurden von Gesellschaft und Medien systematisch ignoriert, die Historiker selbst als linke Heimatverräter ausgegrenzt, während Rampold, Gruber und andere „ehrenwerte“ Vertreter des Südtiroler Establishments für die Darstellung der „Wahrheit“ sorgten, den Nationalsozialismus verniedlichten, den italienischen Faschismus zum übermächtigen Dämon hochstilisierten und die Kritik an der „sauberen“ Wehrmacht entrüstet und mit Hinweis auf eherne Werte wie Treue und Pflichtbewußtsein zurückwiesen. Alte Nazis wie beispielsweise Willy Acherer hatten stets viel Platz auf den Leserbriefseiten der „Dolomiten“ und konnten dort ungestört an der Mythenbildung arbeiten.

Option - Inserat Hartmann

Die Option – neben Immobilienprofiteuren machten auch Frächter gute Geschäfte

Die nach der Option und dem Krieg durchgepeitschte „Schwamm-drüber-Mentalität“ hat es nicht zugelassen, Opfer und Täter zu benennen und auf dieser Grundlage ein neues Südtirol aufzubauen. Widerständler, Antifaschisten und Deserteure wurden von nazi-belasteten Hintermännern instrumentalisiert, um beispielsweise die SVP aufzubauen.

Als es dann für die alten Nazis nicht mehr nötig war, sich zu verstecken und die Fäden aus dem Hintergrund zu ziehen und zahlreiche staatenlose Optanten wieder die italienische Staatsbürgerschaft erhalten hatten, entledigte man sich der „Drückeberger, Volksverräter, Feiglinge“ wieder und ließ sie die Verachtung der „pflichtbewußten“ Landser und SSler spüren. Es war wieder schick, dabeigewesen zu sein, das „gesunde Volksempfinden“, das nicht zuletzt in Rampolds spitzer Feder einen mächtigen Anwalt fand, setzte sich über jeden Anflug von Schuldbewußtsein oder Sühneeinsicht durch.

Landser
Deutsche Landser – treue Pflichterfüller?

Diese Verlogenheit und die miese Opfermasche werden die gesellschaftspolitische Entwicklung Südtirols in Richtung einer offenen und pluralistischen Entwicklung weiter hemmen.

Am Schicksal des Brixners Hans Egarter (1909 – 1966) kann man festmachen, mit welcher Perfidie die lieben MitbürgerInnen es den Widerständlern und Antifaschisten dankten, nicht mitgemacht zu haben.

hans egarter - nstz
Hans Egarter (1909-1966), Leiter des Andreas-Hofer-Bundes und lebenslanges Opfer der Nazis

Die Neue Südtiroler Tageszeitung hat am 23. November einen interessanten Beitrag von Siegfried Stuffer abgedruckt, einem linken Urgestein in Südtirols Polit-Landschaft. Der ehemalige Herausgeber der Zeitschrift „Die Brücke“ erinnert sich darin an Hans Egarter, der zusammen mit Friedl Volgger während des zweiten Weltkrieges den „Andreas Hofer Bund“ geleitet hat, in dem sich einige katholisch geprägte Widerständler zusammengeschlossen hatten.

Hier der interessante Beitrag von Siegfried Stuffer:
NSTZ 23.11.07 Hans Egarter - Stuffer erinnert sich

Zur Vertiefung: Zwei interessanter Artikel von Gerald Steinacher

FF34-07 Tiroler Partisanen
in der FF Nr. 34/07 „Tiroler Partisanen“
FF38-07 - Widerstand, Egarter, Andreas Hofer Bund
und in der FF Nr. 37/07 „Der Volksverräter“

Mehr zum Thema:
– Gerald Steinacher: Südtirol und die Geheimdienste 1943-1945. (Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte Band 15) Studien-Verlag, Innsbruck; Bozen; Wien; München 2000, ISBN 3-7065-1346-3

– Leopold Steurer/ Martha Verdorfer / Walter Pichler: Verfolgt, verfemt, vergessen lebensgeschichtliche Erinnerungen an den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Krieg ; Südtirol 1943-1945 2. Aufl., ed. sturzflüge, Bozen/Bolzano und StudienVerlag, Innsbruck 1997, ISBN 3-7065-1191-6

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