Hannes Heer über die Verbrechen der Wehrmacht | Was eine Ausstellung alles bewirken kann

AUS DEM ARCHIV (erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 13.12.2007)

Der gestrige Vortrag von Hannes Heer an der Uni in Brixen war ein wirkliches highlight. Nicht nur inhaltlich, auch rhetorisch. Aber der Reihe nach.

Nach einem kurzen Einstieg durch Prof. Pallaver sprach Poldi Steurer zur Aufarbeitung des Nazionalsozialismus in Südtirol. Dabei arbeitete er heraus, dass die kompromittierten Südtiroler zwar gleich nach Kriegsende etwas leiser auftreten mussten und nicht zu den Gründern der SVP gehören konnten. Aber schon nach einigen Jahren waren die allermeisten von ihnen auch dank lascher Epurationsverfahren wieder obenauf und konnten weitgehend ungestört an ihren zivilen Karrieren arbeiten. Dabei profitierten sie auch von einem großherzigen Umgang Italiens mit den alten Faschisten, der aus wahltaktischen Gründen sogar von Togliatti gefördert worden war. Was für die Faschisten Recht war konnte für die Nazis auch nur billig sein.

Poldi Steurer hatte auch interessantes Anschauungsmaterial mitgebracht und zitierte aus den Tagebucheinträgen des ersten SVP-Sekretärs Josef Raffeiner. Ein bezeichnendes Licht auf die Qualität der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Südtirol werfe der Umstand, so Steurer, dass der jüngst verstorbene Josef Rampold verschiedene „Randnotizen“ verfassen und publizieren konnte, die in Deutschland oder Österreich eindeutig unter das Verbotsgesetz gefallen wären. Anhand von Todesanzeigen aus „der Zeitung“ dokumentierte Leopold Steurer, wie stolz noch heute manche Verblichenen auf ihre große Zeit gewesen sein müssen, wenn in den Anzeigen als besondere Lebensleistung vermerkt wird, der Verstorbene sei bei der SS-Division Brandenburg gewesen oder wenn die Schützenkameraden Wert darauf legen, die Kriegsauszeichnungen verblichener Mitmarschierer in den Todesanzeigen aufzulisten.

Dann sprach Hannes Heer. Er stieg mit Zitaten aus Kriegstagebüchern von Landsern ein, die klar belegen, dass die Wehrmachtsangehörigen genauestens mitbekommen hatten, was da abging und auch die Teilnahme der Wehrmacht an willkürlichen Erschießungen von Zivilisten im allgemeinen und von Juden im besonderen dokumentierten. Dann ging Heer auf die Voraussetzungen für das völker- und kriegsrechtswidrige Morden beim Ostfeldzug, dem „Unternehmen Barbarossa“ ein. Die sog. „verbrecherischen Befehle“ hatten schon im April und Mai 1941 für den Ostfeldzug das Kriegsrecht außer Kraft gesetzt und sich dabei darauf berufen, dass beim Krieg gegen „Bolschewiken und Asiaten“ auf Grund deren spezifischer Prädisposition nicht mit deren fairem Verhalten zu rechnen sei und daher sofort mit besonderer Härte und ohne Rücksicht auf das Kriegsrecht vorzugehen sei. Systematisch hatte Hitler das Bild des asiatischen Untermenschen gezeichnet, der ausgerottet werden müsse, um Lebensraum für das deutsche Volk zu schaffen.

 
hannes heer
Der Historiker und Soziawissenschaftler Hannes Heer

Heinrich Himmler hatte sogar Pläne vorbereiten lassen, in denen zu lesen ist, dass im Zuge des Unternehmens Barbarossa 32 Millionen „Bolschewiken“ vernichtet und rund 10 Millionen als Arbeitskräfte „verbraucht“ werden sollten.

Die Wehrmacht wurde angewiesen, „bolschewikischen Kommissare, Partisanen, Juden und Verdächtige mit der Waffe zu erledigen“, gleichzeitig wurde die Militärgerichtsbarkeit angewiesen, Exzesse der Truppe beim Umgang mit der Zivilbevölkerung nicht zu ahnden.

Hannes Heer kam dann auch auf die sog. „Wehrmachtsausstellung“ zu sprechen, die vom Hamburger Institut für Sozialgeschichte konzipiert worden war und vom März 1995 bis November 1999 in 33 größeren Städten in Deutschland und in Österreich zu sehen war. In dieser Zeit kam es zu wütenden Protesten und zahlreichen Eklats, die von Kameradschaftsverbänden und Neonazis provoziert und durchgeführt wurden. Eine Reihe von Politikern, vor allem aus Kreisen der CDU, der CSU, der FPÖ und der ÖVP waren sich nicht zu schade, sich in den Chor der Ausstellungskritiker einzureihen und kräftig Stimmung gegen die Ausstellung zu machen, die trotzdem oder wohl gerade deshalb massiv besucht und zu einen großen Publikumserfolg wurde.

Nach vielen nutzlosen Diskreditierungsversuchen durch revisionistische Historiker und Wissenschaftler gelang es Bogdan Musial und Krisztián Ungváry schließlich, Artikel in wissenschaftlichen Journalen zu publizieren, in denen Zweifel über die Zuordnung einiger weniger der über 1.400 Fotos geäußert wurden, die bei der Ausstellung zu sehen waren.

Daraufhin beschloss Jan Philipp Reemtsma, Leiter und Mäzen des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die Ausstellung zurückzuziehen und beauftragte eine hochrangige Historikerkommission, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Die Historikerkommission bestätigte zwar die Zweifel an der Zuordnung einiger weniger Bilder, hielt aber auch fest, dass sie gesamte Ausstellung auf Grundlage einwandfreier wissenschaftlicher Arbeit entstanden sei und dass Inhalte und Aussagen der Ausstellung jeder kritischen wissenschaftlichen Prüfung standhielten.

Hannes Heer war davon ausgegangen, dass nach der Bewertung durch die Historiker-Kommission die Ausstellung wieder gezeigt würde. Aber: Fehlanzeige! Jan Philipp Reemtsma hatte in der Zwischenzeit eine entschärfte Version anfertigen lassen, aus der, so Heer, die Täter wieder weitestgehend verschwunden waren und der individuelle Ansatz der Beteiligung der Soldaten an den Kriegshandlungen wieder der Betrachtung einer entfesselten, amorphen Kriegsmaschine weichen musste.

Hannes Heer führte den Zuhörern im vollen Hörsaal detailreich und brillant vor Augen, welche Mechanismen Hitler und seine Stäbe in Gang gebracht hatten, um das blindwütige Morden ideologisch zu hinterlegen und wies nach, dass die Soldaten, aber auch die Angehörigen in der Heimat sehr wohl über Intentionen und die systematischen Gräuel an Juden und an der Zivilbevölkerung im allgemeinen informiert gewesen seien.

Die Wirkungsmacht der Ausstellung beruhte vor allem auf der Verwendung der Fotos der Soldaten, die diesen bei der Gefangennahme oder bei der Auffindung von Gefallenen abgenommen und in die Staatsarchive in Moskau und Belgrad integriert wurden.

In einem eigenen Kapitel ging Hannes Heer dann auf die Wirkung der Ausstellung ein und konnte mit Recht darlegen, dass sie die Wahrnehmung der Wehrmacht und die Erinnerungskultur in Deutschland und Österreich sowie in der Wissenschaftswelt wesentlich verändert hat.

Der Vortrag von Hannes Heer hat mich sehr beeindruckt. Unaufgeregt und wissenschaftlich sauber erfuhren die Anwesenden schwer fassbare Details über das große und verbrecherische Schlachten und Heer ließ wenig Platz für Heldenmythen und Befehlsnotstandsargumente. Ich bin gespannt, ob es nun in der Südtiroler Öffentlichkeit entsprechende Reaktionen und Debatten geben wird. Wehrmachtsanwalt Rampold kann sich daran auf jeden Fall nicht mehr beteiligen.

Leider konnte ich die an den Vortrag anschließende Diskussion nicht mehr mitverfolgen, weil ich zur Familienarbeit eingeteilt war. Vielleicht kann der/die eine oder andere BlogleserIn die wesentlichen Inhalte der Debatte in Form eines Kommentars anfügen.

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