Nachdenkliche Gesichter in Brixen | Gerald Steinacher stellt sein neues Buch vor

AUS DEM ARCHIV: erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 9.9.2008

Gestern Abend hat Gerald Steinacher in der Brixner Cusanus-Akademie sein Buch „Nazis auf der Flucht“ vorgestellt. Hans Heiss – brillant, sachkundigst, anregend wie immer – führte in die Thematik ein und steckte den historischen und gesellschaftlichen Rahmen ab, in den sich Steinachers Buch einfügt.

Gerald Steinacher, Hans Heiss, Stephanie Risse - Foto Martin Stampfl
Hans Heiss bei der Einführung, Moderatorin Stephanie Risse und Historiker und Buchautor Gerald Steinacher (Foto Martin Stampfl)

Steinacher ging dann selbst auf einige Aspekte seiner Arbeit ein und entzauberte eingangs den Mythos, der sich um den Begriff „Odessa“ rankt. In den Siebziger-Jahren wurde Frederik Forsyths Roman „Die Akte Odessa“ ein Bestseller, der auch verfilmt wurde. Der Romanautor griff darin einen Mythos auf, der sich schon bald nach dem Krieg zu bilden begann. Landauf landab grassierten Geschichten über die „Organisation Der Ehemaligen SS-Angehörigen“. Dabei, so munkelte man, handle es sich um einen mächtigen Bund früherer SS-Granden, die mit besten Kontakten und viel Geld ausgestattet, den Kameraden dabei halfen, sich vorzugsweise nach Südamerika und nach Kanada abzusetzen.

Keine Anhaltspunkte für ODESSA
Gerald Steinacher hat in seiner akribischen sechsjährigen Arbeit keine Anhaltspunkte für die Existenz einer solchen Organisation gefunden. Die belasteten Nazi-Größen schlugen sich in den meisten Fällen irgendwie durch, auch wenn sie in den Gefangenenlagern, in denen der Großteil von ihnen vorher eingesessen hatte, die Information bekamen, dass einer der wenigen Wege nach Südamerika über den Brenner und die Häfen Genua und La Spezia führte.

Während die Flüchtenden in Nordtirol stets mit Verhaftung rechnen mussten, wenn aufflog, wer sie waren, konnten sie sich südlich des Brenners recht sicher fühlen. Die Alliierten hatten sich bald nach 45 aus Italien zurückgezogen, als 1947 die Schiffsrouten nach Übersee von Italien aus wieder in Betrieb genommen wurden und zahlreiche hochrangige Nazis in den großen europäischen Migrantenströmen mit schwammen, die damals durch Europa zogen.

Vertriebene Volksdeutsche, überlebende Juden, Kriegsheimkehrer, Kollaborateure ? Hunderttausende Menschen waren damals in Bewegung und strebten Passagen nach Übersee an, um sich nach den fürchterlichen Wirren des Krieges eine neue Existenz aufzubauen.

Südtirol – die rettende Insel
Für die Nazis auf der Flucht erwies sich Südtirol alsrettende Insel. Von Schleusern über den Brenner gebracht, die sich auf diese Weise ein lukratives Zubrot verdienen konnten, wurden viele von ihnen am Brenner oder in Sterzing von Pfarrer Corradini abgeholt und weitergeschleust:Einige kamen in Hotels und Gasthäusern unter, andere in den Klöstern, meist bei den Franziskanern und den Kapuzinern in Brixen.

Pfarrer Corradini war ein enger Vertrauter des Generalvikars derDiözese Brixen, Alois Pompanin, der dem Nationalsozialismus aufgeschlossengegenüber gestanden hatte – auch unter dem Einfluss von Bischof Alois Hudal, der in Rom am deutschen Priesterkolleg „Santa Maria dell’Anima“ wirkte. Pompanin hatte großen Einfluss auf Bischof Johannes Geisler, der nationalsozialistischem Gedankengut nahe stand.

Alois Hudal - Portrait und Buchseite
Bischof Alois Hudal stand dem Nationalsozialismus nahe und versuchte in seinem Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ nach eigenen Angaben eine Brücke zwischen der katholischen Kirche und der Nazi-Ideologie zu schlagen

In der „Anima“ in Rom war auch der kroatische Priester Krunoslaw Draganovíc als Fluchthelfer der Nazis tätig und verhalf vor allem kompromittierten Mitgliedern des kroatischen Ustascha-Regimes nach Südamerika und in den Nahen Osten. Ein wichtiger Brückenkopf der „Rattenlinie“ war auch der Erzbischof von Genua, Giuseppe Siri. Steinacher führte in der Folge aus, wie leicht es damals vorallem in Südtirol für die Nazi-Verbrecher war, sich eine Identität zu verschaffen. Der Großteil der SüdtirolerInnen war nach der Option (1939) staatenlos, 75.000 SüdtirolerInnen hatten das Land verlassen, bevor die Kriegswirren die Umsetzung des Optionsabkommens zwischen Hitler und Mussolini massiv verzögerten und schließlich ganz zum Stillstand brachten.

Adolf Eichman - Papiere auf Klement
Adolf Eichmanns neue Identität – Ricardo Klement – kam aus Tramin. Hier sein Pass vom Roten Kreuz

Vor diesem Hintergrund verschafften sich viele namhafte Nazi-Größen in Südtirol neue Papiere: Adolf Eichmann wurde in Tramin zu Ricardo Klement, Franz Stangl, der Leiter von Treblinka, bekam ebenso eine neue Identität wie Erich Priebke.

Die Geschichte holt alle ein
Als Eichmann 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad inBuenos Aires entführt und nach Israel gebracht wurde, wurde man in Tramin nervös und riss kurzerhand einige Seiten aus den betreffenden Meldeamtsregistern. Man könne aber, so Steinacher, die Geschichte nicht durch das Herausreißen einiger Seiten ungeschehen machen. Sie hole einen halt dann später wieder ein.

Mit der neuen Identität oder einem Empfehlungsschreiben der päpstlichen Flüchtlingskommission oder anderer kirchlicher Stellen ausgestattet, war es für die Flüchtenden ein leichtes, einen Pass des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zu bekommen. Krunoslaw Draganovíc betrieb in Rom sogar de facto eine eigene IKRK-Delegation, die Pässe ausstellte. Es war sehr spannend zu verfolgen, wie detailreich und genau Steinacher die Zusammenhänge und Verstrickungen zwischen den verschiedenen Akteuren des Nazi-Hilfswerkes darlegen konnte.

Wie schon ausgeführt, konnten sich die flüchtenden Nazigrößen in Südtirol recht unbehelligt aufhalten und blieben – einige auch mit Familie – teilweise sogar einige Jahre im Land an der Etsch. Steinachers vorsichtig formulierte Annahme, dies sei vor allem dem Umstand zu verdanken, dass man hier allem Deutschen positiv gegenüber gestanden habe, wurde von Hans Heiss deutlich in die Richtung korrigiert, dass wohl noch sehr, sehr viele Landsleute vom Nationalsozialismus vergiftet gewesen seien und das dieser Zustand noch ziemlich lange angehalten hätte.

Steinacher auffallend zurückhaltend
Überhaupt ist mir aufgefallen, dass sich Steinacher sehrvorsichtig ausdrückte und eher zurückhaltend auf Fragen aus dem Publikum reagierte, die die Rolle der damals neu gegründeten SVP und deren Exponenten etwas näher betrachtet wissen wollten oder die das Tagblatt „Dolomiten“ nicht aus seiner Verantwortung entlassen wissen wollten.

Es ist zu vermuten, dass ein gewisser Druck auf dem jungen Historiker Gerald Steinacher lastet, der sich mit der dem Buch zu Grunde liegenden Arbeit in diesem Jahr in Innsbruck habilitieren konnte und der als Archivar am Landesarchiv in Bozen tätig ist.

Gerald Steinacher Vortrag 8.9.08 Brixen Publikum foto stampfl
Steinachers Vortrag und die Diskussion in der Cusanus-Akademie verursachten viele nachdenkliche Gesichter (Foto Martin Stampfl)

Die Diskussion im bis auf den letzten Platz gefülltenVortragssaal der Cusanus-Akademie war sehr anregend und offen und auch von den Versuchen des im Publikum anwesenden Brixner Domherren Johannes Messnergeprägt, die Verstrickungen von Generalvikar Pompanin, Bischof Geisler und Bischof Hudal in den Nationalsozialismus zu relativieren.Dies gelang ihm nur sehr eingeschränkt, zumal Steinacher stets stichfeste Argumente für seine Annahmen in Feld führen konnte.

Nun kommt endlich die Lektüre des Buches dran.

Die Begegnung mit Steinacher war auf jeden Fall äußerst erkenntnisreich und anregend. Wer in der nächsten Zeit Gelegenheit haben sollte, die nächsten Buchvorstellungen zu besuchen, sollte sich dies nicht entgehen lassen.

– 11. September 2008, 20 Uhr Bibliothek Eppan
– 17. September 2008, 17.30 Uhr, Landesarchiv Ansitz Rottenbuch, Armando Diaz-Straße 8, Bozen

Hohe Wellen
Steinacher Buch schlägt inzwischen hohe Wellen. Nach einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom Sonntag hat sich der Pressesprecher des Internationalen Kommitees vom Roten Kreuz veranlasst gesehen, eine Pressemitteilung herauszugeben.

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