Noch mehr von Rampold | Mister X zum Fall Mayr-Nusser

AUS DEM ARCHIV: erschienen in Markus-Lobis-Blog am19.12.2007)


DIE RANDBEMERKUNG
von Mister X, „Dolomiten“ 4.12.1979

 

Vom Heldentum

Das Erscheinen des Buches „Keinen Eid auf diesen Führer“, das sich mit Person, Schicksal, Bedeutung und Nachwirkung der Person des ehemaligen Diözesanjugendführerers Josef Mayr-Nusser  befasst, hat – wie zu erwarten war – eine überaus rege Diskussion ausgelöst.

Dem Schreiber dieser Zeilen sei es erlaubt, dazu aus eigener Sicht einiges zu sagen – einmal, weil er in der fraglichen Zeit wegen aktiver Beteiligung in einer katholischen Jugendgruppe (nicht in Bozen) mit den Behörden große Schwierigkeiten hatte und zur Pflichthitlerjugend eingezogen worden war, weil er seinen Beitritt zu HJ verweigert hatte – zum anderen weil er die letzten drei Kriegsmonate an der Oderfront und südlich von Berlin als Angehöriger eines Kriegsschulregimentes erlebt hat.

Die Bewertung Mayr-Nussers steht – im genannten Buch wie in zahlreichen Leserbriefen – zwischen Nuancen, nicht Extremen; denn hohen persönlichen und bewundernswerten Mut hat ihm keiner der beteiligten Gesprächspartner auch nur im leisesten aberkannt. Wer diesen Mut allerdings mit dem eines Ritterkreuzträgers verglich, hat gewiss nie einen Schuss Pulver gerochen: Das war ein militärische Agieren mit bewusstem, aber nicht aussichtslosen Risiko und war sich der Bewunderung aller – auch des Gegners – sicher. Was jedoch Mayr-Nusser tat war so ziemlich das Einsamste und Schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Die Eidesverweigerung – auch mit der „Klausel“, das er, Mayr-Nusser, auf die Wehrmacht schwören würde – war bewusster Opfertod, und Mayrs Vorgesetzte haben durch die von Augenzeugen bestätigten goldenen Brücken, die dem Eidesverweigerer gebaut wurden (Aufschub, Bedenkzeit, schriftliche Formulierung usw.) selbst einiges riskiert; aber anscheinend hat Mayr-Nusser durch seinen Mut allen so imponiert, dass der „kurze Prozess“ (Erschießung laut Urteil durch ein Feldgericht wegen Wehrdienstverweigerung) nicht angewandt wurde.

Seine Bereitschaft, den Wehrmachtseid – und eben nicht jenen der Waffen-SS – zu schwören, hat hier kaum eine Rolle gespielt, beide Formeln lauteten persönlich auf Hitler (daher ist der Titel des Buches „Keinen Eid auf diesen Führer“ unsinnig!). Nein, Mayr-Nusser wusste genau, was er tat. Ihm ging es einfach um die Konsequenz eines bis zum letzten Opfer durchgeführten religiösen Lebens. Obwohl nun eigentlich diese einsame Gewissenentscheidung mit der Problematik dieser letzten Kriegsmonate nichts zu tun hat, soll darauf eingegangen werden besonders weil sie im Buch mehrfach angeschnitten worden ist und sich die Entscheidung Mayr-Nussers immerhin in diesem Rahmen vollzog.

Wie stand es damals um die „anderen“? Der Krieg war schon längst verloren, aber Deutschland noch nicht völlig preisgegeben. Immer mehr – und bis in die höchsten Führungsschichten – geisterte die Parole herum, man solle sich mit dem Westen arrangieren und die Flut im Osten dämmen. Die Ardennenoffensive ließ dann klar werden, dass Hitler selbst von dieser Lösung nichts hielt – aber es gab damals schon fingierte Regimentsbefehle an die Ostfront, etwa des Inhalts: „Kameraden, haltet aus – bald marschieren wir mit den Westmächten gegen die Sowjetunion!“

Denn mittlerweile war die Rote Armee schon in Deutschland, und was sich dort abspielte, liest man am besten bei Lew Kopelew, einem russischen Major der damaligen Tage nach („Aufbewahren für alle Zeit“, dtv), der das Vordringen der Roten Armee schildert (mit dem Zitat Ehrenburgs: Tötet sie, wo ihr sie nur findet, brecht den Rassenhochmut der germanischen Frauen“!) – man lese dies also bei der Gegnerseite nach und bedenke, das Kopelew wegen der Kritik am grausamen Vorgehen „seiner“ Armee Straflager bekam.

Man wird mir entgegen halten: Es war Rache für Hitlers Überfall! Mag sein – obwohl auch ein Rachefeldzug anders geführt werden kann – und vor allem bleibt die Frage stehen: Was konnte der Frontsoldat dafür, was der Flüchtling mit Kind und Kegel, was die Frauen in den Luftschutzkellern oder heraußen in den Feuerstürmen der zerbombten Städte – was konnten sie für die falsche Politik? Sie konnten genauso viel dafür wie die russische Zivilbevölkerung oder der Sowjetsoldat damals, als der Krieg nach Osten rollte – aber warum darf man heute jene Opfer bemitleiden, und unsere Vertriebenen, Flüchtlinge, Toten und Gequälten nicht? Nur weil Hitler „angefangen“ hat?

Da liegt die eigentliche Tragik: Mayr-Nusser und die meisten Frontsoldaten wollten damals – so seltsam es klingen mag – das gleiche: dem Antichrist entgegentreten. Mayr-Nusser sah, dass der Teufel Beelzebub bekämpfte, und sagte sich vom Teufel los. Die Frontsoldaten pfiffen eins auf alle „Ismen“ sie hielten ihre Schädel her, damit nicht aus ganz Europa eine DDR werde, das war es doch – und man dachte höchstens daran, all denen dann nachher das Handwerk zu legen, die hinter der kämpfenden Truppe – und zu dieser gehörte auch die Waffen-SS – weit vom Schuss Verbrechen begangen und den guten deutschen Namen geschändet hatten, dem ganzen Gesindel der Geheimdienste, der KZ-Schergen und dergleichen mehr.

Mayr-Nusser hätte vermutlich leicht emigrieren, sich verstecken können – er tat es nicht. So mancher andere hätte damals desertieren können, in letzter Sekunde – und er tat es nicht. Schließlich hörte er von den anderen ja immer nur, dass bedingungslose Kapitulation gefordert wurde und dass man einen Morgenthauplan bereit halte, um die Besiegten wie das Vieh auf die Weide zu treiben – und wer das nicht glaubte, der konnte es schon nachher hören, die Sache mit der Kollektivschuld, und dass jeder ein Verbrecher wäre, der „einen Eid auf diesen Führer“ geschworen hatte.

Der Fall Mayr-Nusser ist so komplex, dass er eine Lösung nur für zwei Seiten hat. Und da scheint mir der Leserbrief Kühebacher einfach großartig, der da besagt: Er selbst, dieser Held, hätte keinen Streit gewollt. In diesem Sinne haben auch jene gedacht, die nach dem Krieg die Ärmel aufkrempelten, den alten, unseligen Zwist begruben – wie etwa ein Kanonikus Gamper, der selbst von der Gegenseite verfolgt war – und sich sagten: Wenn wir überleben wollen, dann müssen wir einig bleiben. Die Zeit hat ihnen recht gegeben.                              X.

 

Dienstag, den 4. Dezember 1979

Tagblatt „Dolomiten“

Wikipedia.de:
JOSEF MAYR-NUSSER

Josef Mayr-Nusser (* 27. Dezember 1910 in Bozen; † 24. Februar 1945 bei Erlangen) war ein Südtiroler Familienvater und Märtyrer.
Josef Mayr wurde 1910 auf dem Nusserhof am Stadtrand von Bozen geboren. In einem religiösen Umfeld aufgewachsen, schloss sich Josef den katholischen Jungmännern seiner Diözese (Trient) an (damals war die Katholische Jugend noch nach Geschlechtern getrennt) und wurde bald zu ihrem Vorsitzenden gewählt. In jener Zeit begann auch die enge Beziehung zu Jugendseelsorger Josef Ferrari.

Nach dem Optionsabkommen entschied sich Josef wie 90 % der Priester für das Bleiben und schloss sich dem Südtiroler Andreas-Hofer-Bund an. Dieser Vorläufer der 1945 gegründeten SVP warb unter der Leitung von Michael Gamper (1885-1956) und Friedl Volgger (1914-1997) für das Verbleiben in Südtirol und versuchte, die Dableiber vor den Übergriffen Nazi-gesinnter „Optanten“ zu schützen.

Am 26. Mai 1942 heiratete er Hildegard Straub und hatte mit ihr einen Sohn, Albert Mayr.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht und der Errichtung der Operationszone Alpenvorland wurde Josef Mayr 1944 mit vielen anderen Dableibern zum deutschen Militär eingezogen (die Deutschland-Optanten waren schon vorher eingezogen worden). Er wurde dabei der Waffen-SS zugeteilt. Nachdem er am 4. Oktober 1944 den SS-Eid verweigert hatte, wurde er zum Tode verurteilt. Auf dem Weg ins Konzentrationslager Dachau starb Josef Mayr am 24. Februar 1945 in einem Viehwaggon bei Erlangen an den Folgen der Haft.

Josef Mayr ist in Lichtenstern am Ritten begraben. 2005 hat die (zuständige) Diözese Bozen-Brixen seine Seligsprechung beantragt. In Bozen, Meran, Ritten, Truden, Innsbruck und Erlangen sind Straßen nach ihm benannt. Die Mittelschule von Vintl im Pustertal und die Fachakademie der Caritas in Erlangen tragen seinen Namen.

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