Rampold im O-Ton | Randbemerkung vom 5. März 1985

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Tagblatt „DOLOMITEN“ 5. März 1985

DIE RANDBEMERKUNG

 

Von Dir redet keiner …

 

Jetzt ist es also vorbei. Wir hatten ein Jahr Bedenkzeit, und die wurde gut genützt. Es gab nur wohldosierten Heldenmythos, und man konnte auch hören und lesen, dass die Tiroler rückständige Bauerntölpel waren, die den französisch-bayerischen Fortschritt nicht begriffen (wie Tiroler überhaupt zuweilen den Fortschritt schwer begreifen – was sich nicht selten als Vorteil erwiesen hat). Aber sonst kamen sie mit einem blauen Auge davon, der Anderle Hofer, der Speckbacher oder – am wenigsten – der Haspinger, denn der war ein ganz Arger.

Rampold mit Waffe
Josef Rampold und seine Waffe für die alten Tage 
              (Scan aus „Dolomiten“)


Man versäumte nicht, die Brücke zur Gegenwart oder zur jüngeren Geschichte zu schlagen. Da durften die Verteidiger Tirols von 1915/18 gerade noch mitzockeln, aber das Schwergewicht lag auf Option und Widerstand. Die Jugend wurde über „wahres“ Heldentum belehrt, und so war es auch ein Belehrjahr.

 

Nur von Dir, mein Freund, redete kaum einer. Du hattest höchstens die Chance, dann und wann – wenigstens in den Landgemeinden – in die „Gefallenen aller Kriege“ eingeschlossen zu werden, denn dann brauchte man nicht das sagen, was Du warst.

 

Du warst ein deutscher Soldat im zweiten Weltkrieg, und darüber redet man besser nicht, sind wir doch alle, auch Du mein Freund und ich, mit Hurra hinausgezogen ins Feld der Unehre.

 

Oder nicht? Wenn ich so an unsere Maturaklasse denke, dann hat überhaupt keiner Hurra geschrieen. Einige waren sogar wegen der damals unter den verschiedenen Jugendgruppen ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten eingelocht worden, wie Du, mein Freund.

Aber dann sah man, dass das Soldatsein auch eine Art innere Emigration sein konnte, denn wir konnten nicht wie Stauffenberg in Adolfs Hauptquartier eine Bombe deponieren. Aber wir hielten unsere alten Ideale hoch, wir planten für spätere Zeiten, anfangs noch – dann nimmer. Das große Inferno begann. Wir wussten, dass alles einem furchtbaren Ende zustrebte, zustreben musste. Oft hielt uns nur mehr das Band der Kameradschaft zusammen – und der Blick auf die hellen Bombennächte, in denen die Alten und unsere Mütter und Geschwister zu Grunde gingen, als lebende Fackeln verbrannten.

 

Von ihnen, mein Freund, redet auch kaum einer mehr.

 

Auch von unseren Freunden nicht, die in ihren Panzern verbrannten, im Luftkampf fielen, in den eisernen Särgen der U-Boote am Meeresgrund ruhen, im Sand Afrikas oder im Eis des Nordens – oder die in den Gefangenenlagern verhungert sind. Von ihnen redet kaum einer mehr – höchstens jene, die unsere Generation mit einer relativ kleinen – aber unheimlich wirksamen – Verbrecherclique gleichsetzen, der wir selbst das Lebenslicht ausgeblasen hätten, wären wir noch einmal zu Wort gekommen.

 

Du, mein Freund, bist nicht mehr zu Wort gekommen. Damals, als wir uns beide im Osten schützend vor die Flüchtlinge stellten und gegen die Rote Armee ankämpften, damals bist Du noch in den letzten Tagen gefallen, in Schlesien.

 

So hast Du nicht mehr erlebt, dass man uns, die wir nur Deutsche waren, pauschal als Anhänger einer Weltanschauung bezeichnete, der tatsächlich viele Irregeleitete im guten Glauben gefolgt waren, die aber niemals mit dem Wort „deutsch“ gleichgesetzt werden darf. Das ist Betrug – genauso wie die Mär von der „Kollektivschuld“.

 

Aber das alles hast Du nicht mehr erlebt. Du hast Ruhe. Wir haben übrigens auch nicht das Wort bekommen, das übernahmen andere. Viel Gutes haben sie über uns nicht gesagt, bestenfalls seien wir Opfer gewesen, oder Trottel.

 

Sei froh, mein Freund, dass Du das alles nicht mehr erlebst. Deutsch sein zu wollen, würde Dir als Nationalismus ausgelegt. Sei auch froh, dass Du nicht mehr erleben musst, wie geldgierige Gangster unser schönes Land zerstört haben, von dem wir in langen Nächten geträumt haben, sei froh, dass Du nicht mehr die vergiftete und verpestete Welt erlebst, in der wir vegetieren, außen vergiftet und vor allem innen.

 

Sei froh, dass Du noch Musik erlebtest und nicht das Gegröle von ,,Liedermachern“, dass Du noch die großen Werke unserer Klassiker auf der Bühne gesehen hast und nicht erleben musst, wie sich jeder Dahergelaufene heute einfach als Hanswurst austoben kann, weil dieser Zeit nichts Neues mehr einfällt und kaum mehr etwas heilig ist.  

 

Es ist gut, dass Du manche ,,Kunst“ nicht sehen, und dass Du nicht miterleben musst, wie man vor einer angeblich geförderten Jugend ganz offen Geschäfte mit der Pornographie macht.

 

Sei froh, dass Du nicht erlebt hast, wie man die Generation unserer Kinder gegen uns aufgehetzt hat, dank Gott, dass Du den Irrsinn der „antiautoritären“ Erziehung und die Verhöhnung der großen Leistungen unseres Volkes nie erlebt hast und es ist auch gut, dass Du Dein Bild als deutscher Soldat in den Filmen der Sieger – und noch erbärmlicher in den eigenen, in den „deutschen“ Filmen – nie gesehen hast.

 

Da ist Dir, mein Freund, viel erspart geblieben – auch die Tatsache, dass Deutsche von Deutschen durch Zäune und Schussapparate getrennt sind und dass in unserem Heimatland leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird, was die Generation unserer Väter als heiliges Erbe übernommen und durchgekämpft hat.

 

Aber von Dir – wie gesagt – und von einer einstmals anderen Zeit redete kaum einer, Du hast nicht in das Festprogramm gepasst.

 

Sei froh. Es wurde so manches gesagt und geschrieben, worüber ich mich an Deiner Stelle geschämt habe.

 

Und denk daran, dass Dich diejenigen die reinen Gewissens durch den Feuerofen gegangen sind, niemals vergessen werden.                        X.

  

Tagblatt „Dolomiten“, 5. März 1985

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