Zu wenig Pietät? | „Dolomiten“-Redaktion verweigert Abdruck eines Leserbriefes

AUS DEM ARCHIV: erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 7.9.2008

Schritt 1) Leserbrief von Markus Lobis, übermittelt an das Tagblatt „Dolomiten“ über das Internetportal der Athesia am Mittwoch, 3.9.08

Ein typischer Südtiroler?

Mit Karl Nicolussi-Leck ist ein großer Südtiroler verstorben. War Nicolussi-Leck gar ein typischer Südtiroler, denen man ja nachsagt, aus jeder Situation jeweils das Beste zu machen?

VKS-Chef und glühender Nazi seit der Anfangszeit der „Bewegung“ ging Nicolussi-Leck 1940 zur SS, wurde zum ritterkreuztragenden Panzerkommandanten und Hauptsturmführer in der SS-Division Wiking im 2. Weltkrieg und nach dem Krieg dann Nazi-Schleuser im Reisebüro zum Hakenkreuz.

Dann – eher untypisch für Südtiroler – ein paar Jahre in Südamerika. Dort erfolgt Nicolussis märchenhafter wirtschaftlicher Aufstieg, dessen Grundlagen nie hartnäckig hinterfragt werden. Dann die Rückkehr in den warmen Schoß der Heimat. Fortan segensreiches Wirken in Bildung, Kultur, Wirtschaft und Politik. Als ob vorher einfach nichts gewesen wäre. Ein schönes Leben in einem schönen Land. Dem Land der Opfer.

Lei net rogeln!

Schritt 2) Antwort der Leserbriefredaktion des Tagblattes am Donnerstag, 4.9.08, nachmittags:

Sehr geehrter Herr Lobis,

wir haben Ihren Leserbrief erhalten, können ihn aber in der vorliegenden Form nicht veröffentlichen, weil einige darin enthaltene Aussagen ehrenrührig sein könnten.

Mit der Bitte um Verständnis grüßt Sie freundlich
XXX YYY (vom Blogverfasser anonymisiert)
Leserbrief-Redaktion

Schritt 3) Nachfrage von Markus Lobis per Email an die Leserbriefredaktion am Donnerstag, 4.9.08, nachmittags, kurze Zeit nach Eintreffen der obigen Nachricht:

Können Sie mir freundlicher Weise mitteilen, um welche Aussagen es sich dabei handelt?

Mit freundlichen Grüßen

Markus Lobis

Schritt 4) Antwort der Leserbriefredaktion des Tagblattes am Freitag, 5.9.08., am frühen Nachmittag:

Sehr geehrter Herr Lobis,

die Redaktion hat Ihren Leserbrief nochmals durchgelesen und ist der Ansicht, dass der ganze Brief beleidigend wirkt. Sie ist der Ansicht, dass ein eben erst Verstorbener etwas mehr Pietät verdient.

Mit der Bitte um Verständnis grüßt freundlich

XXX YYY (vom Blog-Verfasser anonymisiert)
Leserbrief-Redaktion

Schritt 5) EMail von Markus Lobis an die Leserbriefredaktion am Freitag, 5.9.08, am späteren Abend:

Weiß die ganze Redaktion, dass Herr Nicolussi-Leck Kompaniekommandant und somit Offizier der Waffen-SS war und dass die Division Wiking in Kriegsverbrechen verwickelt war?

Weiß die ganze Redaktion, dass Herr Nicolussi-Leck nach dem Krieg aktiv dazu beigetragen hat, namhafte Nazi-Kriegsverbrecher durch Südtirol zu schleusen?

Ich nehme zur Kenntnis, dass der Geist von Wehrmachts-Saubermann Josef Rampold und seine heldenhaften Tugenden noch über der Redaktion schweben.

Wenn der Nationalsozialismus in Südtirol noch nicht aufgearbeitet wurde und dies als Hypothek über künftigen Generationen lasten wird, ist das auch ein „Verdienst“ Ihres Tagblattes, das damit einem verlogenen Umgang mit der Geschichte Vorschub leistet.

Hut ab vor solchen „Redaktionen“.

Bitte bringen Sie dies der Redaktion zur Kenntnis.

Mit freundlichen Grüßen

Markus Lobis

Ob da noch mal was kommt?

AKTUALISIERUNG: Die Neue Südtiroler Tageszeitung hat den Leserbrief am 11. September abgedruckt. Ich überlege, einen Nicolussi-freundlichen Leserbrief an die Dolomiten zu schicken. Mal sehen, ob mir da was einfällt.

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