Zum Tod von Karl Nicolussi-Leck | Opferrolle als Südtiroler Lebenslüge

AUS DEM ARCHIV: erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 1.9.2008)

Gerade in diesen Tagen habe ich mit Freunden diskutiert und in Zusammenhang mit dem neuen Buch von Gerald Steinacher („Nazis auf der Flucht“ Studienverlag ISBN: 978-3-7065-4026-1) ist dabei auch der Namen von Karl Nicolussi-Leck gefallen.

Heute lese ich in den Zeitungen, dass Karl Nicolussi-Leck am Wochenende gestorben ist. Meine Befürchtung, dass das wichtige Buch des in Innsbruck lehrenden Historikers Gerald Steinacher um 20 Jahre zu spät kommt, hat damit neue Nahrung bekommen. Ich hatte mir fest vorgenommen, in diesen Tagen das Steinacher-Buch im Blog zu besprechen und einige sehr kritische Fragen in Richtung Karl Nicolussi-Leck zu stellen.

Steinacher geht in seinem Buch auf die Fluchtwege hochrangiger Nazis ein, die sich nach der Kapitulation Deutschlands der Strafverfolgung entzogen. Südtirol war dabei eine wichtige Drehscheibe. So konnte sich unter anderen auch Adolf Eichmann in Tramin ein neue Identität verschaffen und in der Folge untertauchen. Das Rote Kreuz und kirchliche Organisationen spielten eine herausragende Rolle bei der Organisation der Passage entlang der „Rattenlinie“ wie die Fluchtroute für die Nazigrößen vom amerikanischen Geheimdienst genannt wurde.

Ich habe Steinachers Buch noch nicht lesen können, werde aber in den nächsten Wochen noch detaillierter darauf eingehen.

Karl Nicolussi-Leck war in seiner Jugendzeit ein engagierter und sehr aktiver Nationalsozialist und wurde im Krieg als SS-Obersturmführer des SS-Panzerregiments 5 „Wiking“ für seinen Einsatz beim Ausbruch des deutschen Heeres aus dem Kessel von Kowel an der Ostfront hoch dekoriert.

karl nicolussi-leck im jagdpanzer
Karl Nicolussi-Leck (1. von links) hatte den Ruf eines „legendären“ Panzerkommandanten. Hier sieht man den SS-Obersturmführer und Ritterkreuzträger in einem Jagdpanzer des Typs „Panther“

Schon lange vor dem Krieg betätigte sich Karl Nicolussi als Organisationsleiter des „Völkischen Kampfringes“ am Aufbau des Nationalsozialismus in Südtirol und tat sich durch besonderen Eifer hervor. Auf diesen Abschnitt seines Lebens werde ich in den nächsten Tagen noch näher eingehen.

Nach dem Krieg war Nicolussi-Leck erfolgreicher Alt-Nazi-Networker und nutzte die Verbindungen aus den „glorreichen Zeiten“, um eine solide Existenz zu gründen. Nach einem Aufenthalt in Südamerika, kehrte er Anfang der 50er-Jahre nach Südtirol zurück und gründete das „Südtiroler Bildungszentrum“ und auch den Verein „Museion“, von dem hier auf dem Blog in anderen Zusammenhängen die Rede ist. Über gemeinsame Unternehmen und Kooperationsprojekte war Nicolussi-Leck beispielsweise auch mit dem bekennenden Altnazi Paul Hafner eng verbunden, dem Günter Schwaiger in den Mittelpunkt seines Films „Hafner’SS Paradise“ gestellt hat.

Es ist davon auszugehen, dass diese Nazi-Zirkel ihren wirtschaftlichen Aufstieg nicht nur den Seilschaften mit Wirtschaftsbossen, geheimen Diensten und neuen Kameradschaften zu verdanken haben, sondern dass dabei auch eingezogene und geraubte Vermögen von Kriegsopfern eine Rolle gespielt haben dürften. Der Gedanke ist nicht abwegig, dass diese Herrschaften in ihren Firmenverbünden auch das Vermögen von Menschen gewaschen haben, die unter dem Nationalsozialismus ermordet wurden.

Ich habe Nicolussi-Leck kennen gelernt als Mitte der Neunziger-Jahre die Debatte um die große Stahlkugel hochwogte, die er oberhalb seiner Villa in Hochfrangart installieren ließ. Mit primitiven Argumenten wurde das grandiose Werk damals angefeindet und nicht wenige setzten sich in hitzigen Leserbriefen und öffentlichen Wortmeldungen für einen Abriss des Kunstwerkes ein.

Karl nicolussi-leck und amadeus bortolotti
Hier sieht man den honorigen Direktor des Südtiroler Bildungszentrums, Karl Nicolussi-Leck, bei einer Veranstaltung im Jahre 2003 mit dem Künstler Amadeus Bortolotti

Ich verteidigte das Werk in einem Leserbrief an die damals im Athesia-Verlag erscheinende „WAS“ (Wochenanzeiger Südtirol) und wurde daraufhin von Nicolussi-Leck in sein Haus eingeladen. Ich erlebte einen faszinierende Begegnung mit einem abgeklärten alten Kunstfreund und Kulturmensch.

Erst in den letzten Jahren habe ich immer wieder über die gesellschaftspolitische Entwicklung in Südtirol nachgedacht und dabei ist mir bewusst geworden, dass die Verdrängung des Nationalsozialismus im Sinne von Magnagos „Lei net rogeln“ (nur nicht herumrühren) eine enorme Hypothek für die Südtiroler Gesellschaft ist. Die Tatsache, dass wir diese schlimme Zeit und die vielfältigen Verstrickungen vieler Südtiroler in tiefe Schuld aus Opportunitätsgründen nicht aufgearbeitet haben, fällt nun immer deutlicher auf uns zurück. Im November 2007 hat es auf diesem Blog eine rege Debatte in diesem Sinne gegeben, die in Zusammenhang mit dem Tod von Josef Rampold im Dezember des letzten Jahres neue Nahrung erhielt.

Ich werde in den nächsten Tagen wieder auf dieses Thema eingehen. Ich denke, dass auch die hysterischen Auswüchse in der Froschdebatte ihre Wurzeln in der Lebenslüge des Südtiroler Volkes haben, das sich immer und überall nur als Opfer sieht und seine Verantwortung für die Täter abstreift wie ein altes Hemd.

Der gesellschaftspolitisch sehr engagierte Verein „HEIMAT Brixen, Bressanone, Persenon“ wird das Buch von Gerald Steinacher „Nazis auf der Flucht“ am 8. September um 20.00 Uhr in der Cusanus-Akademie in Brixen vorstellen.

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