Topaktuelles aus dem Jahr 2003 | Mateo Taibon zum Thema Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Südtirol

Aus dem ARCHIV: erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 6.3.2009

Vergessen, verdrängt
Das jüdische Südtirol

Von Mateo Taibon

Bozen, 18. Dezember 2003

Es ist jedes Jahr das gleiche, beschämende Theater. Kein politischer Exponent des Landes will für die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors eine offizielle Entschuldigung, keiner ein Wort des Bedauerns aussprechen, keiner auch nur stumm an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Seit 60 Jahren verdrängt Südtirol seine Mittäterschaft am Holocaust. Die Südtiroler hatten 1943 die Truppen der deutschen Wehrmacht überschwänglich begrüßt; gewöhnlich wird dies damit begründet, dass die Südtiroler nach 20 Jahren Unterdrückung durch den italienischen Faschismus die Befreiung gekommen sahen. Eine zu kurze und zu einfache Erklärung, die generelle Gutgläubigkeit voraussetzt und den Umstand übergeht, dass der Nationalsozialismus in Südtirol eifrige Anhänger fand. Nach dem Einmarsch begann der Leidensweg für die jüdische Gemeinde in Meran, aber auch für Sinti und Roma, Wehrdienstverweigerer und Dissidenten. Der Südtiroler Ordnungsdienst SOD und der SS-Sicherheitsdienst verhafteten Juden, die im KZ von Auschwitz ermordet wurden. Die Wohnungen der Juden wurden von den Nachbarn geplündert, jüdisches Eigentum wurde „arisiert“.

Meraner Juden - Lotti Goliger Steinhaus mit Federico
Lotti Goliger Steinhaus und der kleine Federico kamen nach dem Krieg wieder nach Meran zurück – die meisten anderen Meraner Juden wurden umgebracht

In der gesamten Nachkriegszeit hat sich die Südtiroler Politik so aufgeführt, als wäre das Eigentum der Meraner Juden nie geraubt, als wären keine Juden in die Todeslager des Dritten Reichs deportiert worden. Es gab nie eine Entschädigung, keine moralische Wiedergutmachung, kein Zeichen der Reue und der Versöhnung. Den von den Nazis ermordeten 50 Meraner Juden wurde sogar das Andenken verweigert: Sie scheinen in der Südtiroler Opferliste nicht auf. Die offizielle Geschichtsschreibung hüllte einen Mantel des Schweigens um die NS-Mittäterschaft und deren jüdische Opfer. Es wurden zwar, nach einem langen Anlauf, deutschsprachige Wehrdienstverweigerer wie Josef Mayr-Nusser gewürdigt oder aber der KZ-Insasse Franz Thaler, doch von den ermordeten Juden kein Wort, kein Wort auch über die Südtiroler Täter. NS-Mittäterschaft war kein Hindernis für eine politische oder wirtschaftliche Karriere. Unter dem Deckmantel des Minderheitenschutzes für die deutsche Sprachgruppe (die ladinische wurde meist ausgeklammert) hatte man allzu große Nachsicht mit dem deutschen Nationalismus bis hin zur Nazi-Ideologie – man war auf einem Auge blind.

olimpia carpi
Diese kleine Südtirolerin – Olimpia Carpi – musste im Alter von 3 Jahren  im KZ Auschwitz sterben, weil ihre Eltern Juden waren

Auch juridisch hat die Aufarbeitung nicht stattgefunden: Keine der Südtiroler Lager-Wachen wurde bestraft, keiner der Dorf-Hitlers zur Verantwortung gezogen. Das Bozner Sondergericht beschäftigte sich zwischen 1945 und 1947 mit 518 Fällen von NS-Kollaboration, es gab aber nur 63 Urteile, 27 davon waren Freisprüche.

Seit Ihrer Gründung weist die Gesellschaft für bedrohte Völker auf die NS-Mitschuld Südtirols hin und fordert von der Politik Schritte zu deren Aufarbeitung. Die Antwort war bisher nur Schweigen. Oder aber peinliche Ausreden. Anlässlich des 60. Jahrestages des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Südtirol (8. September 1943) machte die GfbV erneut auf den verdrängten Abschnitt Südtiroler Geschichte aufmerksam. Erbärmlich war die Reaktion des Obmanns der Südtiroler Volkspartei Siegfried Brugger, der mit Umdeutung der Presseaussendung der GfbV reagierte: Seine Partei habe immer die Initiativen der GfbV unterstützt (was nicht stimmt) und fühle sich nicht verpflichtet, auf die „Behauptungen der GfbV“ zu antworten – die NS-Mittäterschaft ist aber nicht eine Behauptung der GfbV. Eine Verurteilung des von Südtirolern an den Juden verübten Unrechtes brachte er nicht über die Lippen. Auf die Südtiroler Mittäterschaft am Holocaust angesprochen meinte Brugger, man müsse vom Faschismus sprechen und bestätigte noch einmal die Unart, Geschichte ethnisch zu schreiben: Es werden jeweils nur die bösen Taten der anderen Seite angeführt, die eigenen Untaten aber werden verschwiegen. In dieser Geschichtsinterpretation werden die deutschen Südtiroler – gemeinhin als „die Südtiroler“ bezeichnet – ausschließlich in der Rolle der Opfer gezeichnet, Täterschaft und Mittäterschaft in Abrede gestellt oder ignoriert.

Erstaunlich ist neben diesem Starrsinn die Heuchelei, mit der sich die Südtiroler Politik zu Wort meldet, wenn es um das Unrecht geht, das andere begangen haben. Nur wenige Tage nach diesem unwürdigen Auftritt meldete sich Siegfried Brugger entrüstet zu Wort, als Berlusconi Benito Mussolini mit den Worten verteidigte, dieser hätte „niemanden umgebracht“. Nun belehrte er Berlusconi über die „Verfolgung der Juden auch in Italien“. Davon, dass Südtiroler Juden von Südtiroler Nazis in die KZs geschickt worden waren, wieder kein einziges Wort. Die GfbV warf daraufhin Brugger Scheinheiligkeit vor und forderte ihn auf, einmal zu erklären, warum Mittäter am Holocaust in seiner Partei unbehelligt politische Karriere machen konnten. Auch diesmal erhielt die GfbV keine Antwort.

Die Krönung in der Angelegenheit blieb allerdings Landeshauptmann Luis Durnwalder vorbehalten. Für die Erinnerung hätte man „zu wenig Zeit“, meinte Durnwalder. Jener Durnwalder, der bei zahlreichen Volksfesten zugegen ist und somit zeigt, dass ihm Bier anzapfen wichtiger ist als die Erinnerung an die Südtiroler Juden. Wie er diesen Geschichtsabschnitt wertet, hatte Luis Durnwalder schon vorher eindrücklich in einem Skandalinterview bewiesen, dem jedoch kein Skandal folgte. „Die Südtiroler haben gelitten wie die Juden“, hatte er einem italienischen Journalisten gegenüber behauptet. Die GfbV kritisierte diese Verharmlosung des Holocaust (Südtiroler haben vielmehr jüdische Mitbürger in den Tod geschickt), blieb jedoch weitgehend allein und vor allem unbeachtet, denn der größte Teil des Journalismus tat so, als wäre nichts geschehen. Verharmlosung des Holocaust geht in Südtirol als Kavaliersdelikt durch. Auch Durnwalder brachte kein Wort des Bedauerns für das Unrecht über die Lippen, das den Meraner Juden angetan wurde, und kein Wort der Verurteilung der Südtiroler Mittäter, nicht einmal das Eingeständnis des Unrechtes. Beim jährlichen Gedenktag der jüdischen Gemeinde in Meran war der Landeshauptmann bisher nicht anwesend. Er sei nicht eingeladen gewesen, so die Begründung. So wird denn seit Jahren auf privater Ebene der Meraner Juden gedacht, die in den KZs ermordet wurden. Die Politik hat sich bis heute dem Thema verweigert.

Aus „pogrom / bedrohte Völker“ (Nr. 221 – 5/2003).