„Und jetzt kommen wir zu Österreich, Ihrem Vaterland!“ | Prof. Steininger über den Umgang mit dem Holocaust nach 1945

AUS DEM ARCHIV: erschienen auf Markus-Lobis-Blog am 29.1.2009

Am 28. Jänner hat Prof. Rolf Steininger in der Brixner Cusanus-Akademie einen Vortrag zum Theme „Der Umgang mit dem Holocaust nach 1945“ gehalten.

Steininger stieg mit einem drastischen Verweis auf die aktuellen Entwicklungen im Gaza-Streifen in das Thema ein, um dann in einer historischen „Rundreise“ auf die einzelnen Länder einzugehen, die in besonderer Weise mit dem Holocaust in Verbindung gebracht werden.

Rolf Steininger
Prof. Rolf Steininger hielt einen interessanten Vortrag in der Cusanus-Akademie

In Polen, wo mit 3,75 Millionen Menschen rund 80% der polnische Juden ermordet wurden, hat es lt. Steininger auch in der Nachkriegszeit weiterhin einen offenen Antisemitismus gegeben, der sich auch in pogromartigen Übergriffen manifestierte. Steininger verwendete dabei den für mich problematischen Begriff des „traditionellen Judenhasses“, der in mir nach einer Art historischen Rechtfertigung klingt, so à la: „Das hat es immer schon gegeben“ (was ja nicht falsch ist, es darf nur nicht der Eindruck entstehen, der Holocaust sei eine „logische“ und unausweichliche Folge des Antisemitismus).

auschwitz leichengräben
Wer kann die Dimension des Grauens fassen? Leichenberge in Auschwitz (1945)

In der Tschechoslowakei wurde bis Ende der Vierziger-Jahre eine judenfreundliche Politik betrieben, dann nahm der Antisemitismus wieder zu, parallel zur Verschärfung der Situation in der Sowjetunion. In Ungarn wirkte der Schock der 400.000 ungarischen Juden, die 1944 in 46 Tagen nach Auschwitz transportiert und dort vernichtet wurden, länger nach und dämpfte den Antisemitismus nachhaltig. In diesem Zusammenhang betonte Steininger die logistische Effizienz der Vernichtungsmaschine, die in Kriegszeiten und nur in Ungarn in rund eineinhalb Monaten 400.000 Menschen dem Tod zuführte.

Wenn man sich vor Augen halte, dass die Alliierten über die Tötungsmaschine der Nazis in Osteuropa Bescheid wussten, müsse man auf deren Seite zumindest von Zynismus und Heuchelei sprechen. Es hat keine nennenswerten Versuche der Alliierten gegeben, die für die Juden-Vernichtung genutzte Infrastruktur – beispielsweise im Bahnbereich – zu beeinträchtigen, während in jener Zeit täglich Tonnen um Tonnen von Sprengstoff auf Städte geworfen wurden.

In Frankreich trug das Vichy-Regime zur Vernichtung der Juden bei, auch in anderen Ländern wie Holland und Dänemark sorgten Kollaborateure und örtliche Nazi-Freunde dafür, dass Juden deportiert wurden. Steininger thematisierte auch das Schweigen und die aktive Kooperation von katholischen und evangelischen Bischöfen mit dem Hitler-Regime und führte aus, dass in all den Jahren des Nationalsozialismus nie ein Bischof verhaftet wurde, während einzelne Priester auf Grund persönlicher Gewissensentscheidungen schlimme Konsequenzen bis hin zur Ermordung hinnehmen mussten.

Ausführlich kam Prof. Steininger dann auf die Rolle Deutschlands in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust zu sprechen und attestierte den Deutschen ehrliche Bemühungen in diese Richtung, auch wenn viele zweifelhafte Einzelfälle – wie beispielsweise die Berufung von Hans Globke zum Staatsekretär unter Adenauer – ein schiefes Licht auf die Breite und Tiefe des Aufarbeitungsprozesses wärfen.

Dann kam Österreich an die Reihe und Prof. Steininger zerpflückte detailreich und bildhaft den dort lange Zeit gepflegten Mythos, Österreich sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen und als Staatswesen nach dem Anschluß handlungsunfähig und daher nicht verantwortlich. Wenn man weiß, dass 40% des KZ-Personals, 75% der KZ-Kommandanten und 80% der „Eichmann-Männer“ – der zentralen Organisationseinheit der Judenvernichtung – Österreicher waren, wird einem die ganze Verlogenheit dieser These bewußt. Nur in Wien wurden 65.000 Wohnungen arisiert, in ganz Österreich wurden 30.000 jüdische Unternehmen enteignet, darunter die Hälfte der österreichischen Apotheken.

Geschichte - Hitler mit Stabsoffizieren
Hatte viele Fans in Südtirol: Adolf Hitler. Manche sind es heute noch/wieder…

Da die geopolitische Situation und strategische Überlegungen in Zusammenhang mit dem Vordringen des Kommunismus im Vordergrund standen und Österreich als Staat erhalten und nicht an Deutschland angeschlossen bleiben sollte, kam den westlichen Alliierten die Opferrolle Österreichs zupaß und wurde von diesen offiziell sanktioniert. Sogar Israel wurde von Österreich zu Beginn der Fünfziger-Jahre mittels Kreditzusage erpresst, den Status Österreichs als Opfer anzuerkennen. Da Israel damals am Rande einer Hungersnot stand und die Wiedergutmachungsverhandlungen mit Deutschland erst anliefen, war Israel dazu bereit.

Makaber auch die Verwicklung österreichischer Banken in das Nazi-Regime. So lagerten 1944 in den Tresoren der Länderbank 400 Tonnen Zahngold von KZ-Insassen. 400 Tonnen!

Es sind diese Details, die die Dimension der Vernichtung veranschaulichen. Ich erinnere mich an meinem Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Das Grauen ist allgegenwärtig, die Zahlen und die Leichenberge erschlagen einen. Aber so richtig geschockt war ich beim Betrachten eines großen Fotos, auf dem man sieht, wie ein Soldat mitten in Berlin einem alten Juden vor einer johlenden Menge den Bart abschneidet oder vor einem Haufen Schuhe und Brillen, der in einer Ecke der Gedenkstätte liegt. Der Einzelfall, die brachiale Demütigung im Alltag, das erschlagene Kind – das kann man sich vorstellen und das geht unter die Haut. Sechs Millionen tote Juden ist außerhalb des menschlichen Vorstellungsvermögens und öffnet jenen Arschlöchern Tür und Tor, die glauben, mit ein paar Hundertausend Leichen weniger oder mit dem Hinweis auf „eigene“ Opfer, ließe sich die Dimension des bestialischen Tötens relativieren.

Prof. Steininger ging parallel zur Behandlung der Rolle Österreichs immer wieder auf Südtirol ein, wo auch nach dem Krieg noch erhebliche nazi-freundlichen Aktivitäten stattfanden und verwies in diesem Zusammenhang auf die Arbeit seines Kollegen Gerald Steinacher ein, über die ich in diesem Blog bereits geschrieben habe (hier und an anderen Stellen).

Steiningers Vortrag brachte für mich im Prinzip wenig Neues, der Detailreichtum und die zahlreichen interessanten Dokumente, die Steininger zitierte verfestigten in mir das Bild der Ereignisse und meine Überzeugung, dass gerade wir SüdtirolerInnen ein verlogenes und feiges Völklein sind. Denn wir haben Österreichs Nachkriegs-Opferwahn getoppt – und halten es bis heute so.

In einem Statement habe ich meiner Beschämung und meiner Verärgerung Ausdruck verliehen, dass wie SüdtirolInnen es bisher nicht geschafft haben, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, der von sehr, sehr vielen Mitgliedern unserer Gemeinschaft gefördert und genutzt wurde.

In diesem Blog habe ich mich schon verschiedentlich zu diesem Thema geäußert, zum Beispiel hier, und der Vortrag von Prof. Steininger ist für mich der Anlass, mich wieder intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen.

Nach bester Südtiroler Manier gingen die Anwesenden trotz einer ausführlichen Antwort von Prof. Steininger nicht näher auf meinen Vorstoß ein und versuchten die Debatte auf die faschistischen Symbole oder die Völkerrechtsverstöße Israels im Gaza-Streifen zu lenken. Zu beiden Themen wusste Steininger treffend zu antworten.

Vor allem in Israel-Fragen ist Steininger außergewöhnlich versiert und hat dazu auch verschiedenes publiziert. Im Kern führte er aus, dass die heutige Situation in Israel absolut problematisch sei, dass es aber nicht zur Gründung des Staates Israel gekommen wäre, wenn Theodor Herzl und die zionistische Bewegung nicht einen Ausweg aus dem europäischen Antisemitismus hätten suchen müssen, der im Holocaust eine perverse und unfassbare Bestätigung gefunden hat.

Prof. Steininger hat eine sehr übersichtlich Website, die einen hervorragenden Überblick über seine wissenschaftliche Arbeit vermittelt, die ihrerseits von beträchtlichem Umfang ist.

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