Nicht überall, wo „Bio“ draufsteht, ist auch Bio drin | Das Märchen von den Bio-Kraftstoffen

von Markus Lobis
(erschienen im OEW-Rundbrief Februar 2011)

Das Südtiroler Wochenmagazin „FF“ hat kürzlich ein Schlaglicht auf die in Südtirol boomenden Blockheizkraftwerke gerichtet, die mit Biodiesel, Raps- oder Palmöl und anderen Brennstoffen betrieben werden. Anhand von neun Aggregaten, die in einer Halle des Sandner Bürgermeisters Helmuth Innerbichler ihren Dienst versehen, hat das Südtiroler Magazin vorgerechnet, dass nur der Raps, der jährlich zum Brennstoff für die neun Motoren in Sand in Taufers verarbeitet wird, eine Ackerfläche von 5.600 Hektar benötigt, um heranzuwachsen. Zum Vergleich: In Südtirol gibt es weniger als 4.000 Hektar Ackerland.


Rodungen für eine Palmölplantage in Südostasien (Quelle: Greenpeace)

Da in Italien, wie in anderen Ländern Europas, die Produktion von Strom aus so genannten „regenerativen Energieträgern“ mit Hilfe eines garantierten Einspeisetarifs gefördert wird, schießen zur Zeit auf Initiative örtlicher Investoren Blockheizkraftwerke wie die Pilze aus dem Boden. Der Betrieb dieser Anlagen ist in erster Linie eines: ein Mega-Geschäft. So spielt eine Blockheizkraftanlage nach einer Studie der Bauakademie Bergmeister die Investitionskosten schon in 2 bis 3 Jahren herein und liefert Renditen, die selbst mit allen Wassern gewaschene Kapitalisten ins Schwärmen bringen.

Südtiroler mischen mit
Die Südtiroler mischen bei diesem Geschäft in der ersten Reihe mit. Monat für Monat gehen in Südtirols Gemeinden Dutzende Anträge auf Baugenehmigungen für Blockheizkraftwerke ein. Dabei ist ein Trend erkennbar, der zumindest in Sachen Umweltverträglichkeit eine kleine Verbesserung darstellt: Der Anteil an billigem und ökologisch bedenklichem Palmöl als Kraftstoff stagniert, so genannter Biodiesel und vor allem Rapsöl werden als Brennstoff bedeutender. Aber auch diese vermeintlich ökologischen Brennstoffe, die gemeinhin als Bio-Kraftstoffe bezeichnet werden, sind nicht unproblematisch, wie weiter unten dargestellt wird.

Der Begriff „Bio-Kraftstoff“ führt in die Irre
Der Begriff „Bio-Kraftstoff“, der gerne für alle Treibstoffe verwendet wird, die aus nachwachsenden Rohstoffen produziert werden, führt dabei vollkommen in die Irre. Denn mit biologischem Anbau hat die Produktion der Energiepflanzen absolut nichts zu tun. Energiepflanzen-Monokulturen zerstören riesige Landstriche und werden mit großem Aufwand an Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Maschineneinsatz betrieben. Die Grundstoffe benötigen auch bei der Umwandlung in Kraftstoffe Energie – aus fossilen Energieträgern zumeist – sodass in den besten Fällen mit Hilfe einer Einheit fossilen Kraftstoffes zwei bis maximal drei Einheiten der Treibstoffe hergestellt werden können, die korrekterweise als Agro-Treibstoffe bezeichnet werden sollten. Das grüne Mäntelchen, das sich Konzerne und Energiemultis mit dem Wörtchen „Bio“ gerne umhängen, klingt aber wohl zu schön, um durch einen korrekteren Begriff ersetzt zu werden.

Verheerende Ökobilanz: Palmöl
Agro-Treibstoffe können verheerende Öko-Bilanzen aufweisen. Ein Beispiel: Palmöl. Dieses Öl aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme ist auch in Südtirol als Brennstoff für Blockheizkraftwerke bedeutend. So verbrennt beispielsweise die Anlage der Fa. EMACON bei der Ziegelei Gasser in Schabs bei Vollbetrieb rund 45 Tonnen Palmöl am Tag. Eine weitere Anlage ähnlicher Größe wird in Graßstein betrieben.

Die Ökobilanz von Palmöl ist bei Betrachtung der gesamten Produktions- und Lieferkette schlecht bis katastrophal und sowohl der Einsatz von Palmöl für die Energieerzeugung als auch als billiger Füllstoff in Menschenfutter (mit dieser zynischen Einstellung arbeiten die Konzerne!) kann mit Fug und Recht als Fehlentwicklung bezeichnet werden. So erzeugt eine Tonne Palmöl bei der Rodung der benötigten Flächen und beim gesamten Produktionsprozess bis zu acht Tonnen CO2 und schneidet in der Ökobilanz wesentlich schlechter ab als fossile Brennstoffe.

Ist ein bestimmter Energieaufwand unter Umständen noch rechtfertigbar, um Nahrungsmittel herzustellen, ist die Förderung der Verbrennung von Palmöl für die Energieerzeugung ein energetisches Nullsummenspiel: Fachleute haben errechnet, dass die Herstellung eines Kilos Palmöl – neben der CO2-Problematik durch die Urwaldrodung – einen Kilo fossilen Brennstoffes kostet.

Dabei sind Langzeitschäden in den ausgewaschenen und erosionsgefährdeten Plantagenböden Südostasiens nur ungenügend mitberücksichtigt, genauso wie die sozialen Folgen, die durch den Entzug der Lebensgrundlage für zehntausende von Menschen entstehen, wenn jahrhundertealte Regenwälder kurzfristigem Profitdenken zum Opfer fallen. Nach spätestens zehn bis zwölf Jahren ziehen die Ausbeuter im Namen des Profits und neuerdings auch des „grünen“ Energiebusiness weiter und hinterlassen ausgelaugte und vergiftete Wüstenböden – in Asien genauso wie in Südamerika, wo Soja-Monokulturen sich wie ein Krebs in den Regenwald fressen. Auch Soja und Zuckerrohr zählen neben ihrer Rolle als global eingesetztes eiweißreiches Tier-Futtermittel zu den Energiepflanzen, genauso wie Mais und Raps.

Schneiden andere Energieträger besser ab?
Sind Soja, Raps, Mais und Zuckerrohr besser als das Palmöl, für dessen Erzeugung riesige Regenwälder gerodet werden und große Energiemengen erforderlich sind, nicht zuletzt, um die Treibstoffe über weite Strecken zum Endabnehmer zu transportieren?

Objektiv gesehen ist es so, dass Soja, Raps, Mais, Zuckerrohr und andere Energiepflanzen leichter als Palmfett zu Treibstoffen verarbeitet werden können und bis zu zwei Drittel weniger Prozess-Energie brauchen als letzteres. Und: Sie wachsen auch auf Böden, die nicht in den Tropen liegen und daher theoretisch nicht tropische Regenwälder verdrängen. Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Denn landwirtschaftliche Flächen sind nicht beliebig vermehrbar und – wie das Beispiel am Anfang des Artikels zeigt – braucht nur das Kraftwerk in Sand in Taufers mehr Raps-Anbaufläche, als Südtirol an Ackerland aufweist.

Der Energiehunger in der Welt, die Kaltschnäuzigkeit und Arroganz des globalen Turbokapitalismus und die absehbare Konkurrenz zwischen Energie- und Nahrungspflanzen haben in den letzten Jahren zu einem wahren Run auf landwirtschaftlich nutzbare Flächen geführt. 2009 kauften beispielsweise spekulierende Finanzgesellschaften über 20 Millionen Hektar fruchtbaren Ackerlandes im Süden der Sahara. Cargill, ein Grundstoffkonzern, besitzt jetzt neben riesigen Ländereien in der ganzen Welt 600.000 Hektar in Äthiopien, Jarch Capital, ein anderer großer Konzern, 400.000 Hektar im Sudan. Der Konzern Addax Bioenergy erwarb soeben 20.000 Hektar in Sierra Leone, dem zweitärmsten Land der Welt, und will dort riesige Zuckerrohrplantagen anlegen, um Agroethanol zu produzieren. Und das sind nur einige Beispiele im Rennen um die „Energie der Zukunft“.

Ein anderes Beispiel: Seit die Amerikaner in das Agrosprit-Geschäft eingestiegen sind und Ethanol aus Mais gewinnen, kaufen sie jedes Maiskorn, das sie bekommen können, und treiben damit die Preise für dieses – beispielsweise in Mexiko unentbehrliche – Grundnahrungsmittel in die Höhe. Die Energie, die in einen Autotank gepumpt wird, entspricht dem Jahreskalorienbedarf eines Menschen, und der Energiehunger des reichen Nordens führt immer mehr zu einer Konkurrenz zwischen der Lebensmittelherstellung und dem Anbau von Energiepflanzen, die bessere Preise erzielen.

Wärme, Strom, Mobilität für reiche Menschen werden mit den Überlebensaussichten armer Menschen aufgewogen – wer diesen Kampf gewinnt, können wir auf der Autobahn oder in den Blockheizkraftwerken unserer Energie-Investoren mit eigenen Augen sehen. Auch in Südtirol.

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