Ohne Paradigmenwechsel geht es nicht | Harald Welzers Beitrag für die Sommer-Akademie der Grünen

Ein Leser dieses Blogs, der die Gelegenheit hatte, die Sommer-Akademie der österreichischen Grünen in Vorarlberg zu besuchen, hat uns einen interessanten Artikel von Harald Welzer übermittelt, den der am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen tätige Professor für die Sommer-Akademie verfasst hatte.

Der Text bringt viele aktuelle Probemstellungen für die Zukunft unseres Planeten in leicht lesbarer Form auf den Punkt und unterstreicht einen Aspekt besonders: In einer globalisierten Welt gibt es kein „Außen“ mehr, von wo Ressourcen bezogen werden, die verschwenderische Wirtschaftssysteme benötigen – auch wenn phantasievolle Konzernlenker darüber nachdenken, Rohstoffe vom Mond zu holen.

Gute Lektüre!

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Harald Welzer
ZU SPÄT FÜR PESSIMISMUS.
DIE POLITIK DER KONKRETEN UTOPIEN

Die Nachrichten des Sommers 2010: Die Wirtschaftskrise ist überwunden, die Autoindustrie brummt, besonders in der Luxusklasse. Der Export läuft, dem schwachen Euro sei Dank, auf Hochtouren, Fachkräfte, besonders Ingenieure, sind Mangelware. BP hat die unkontrolliert sprudelnde Ölquelle im Golf von Mexiko angeblich abgedichtet, der Konzern bereitet eine neue Tiefseebohrung im Mittelmeer vor. DAX und Dow Jones sind auf permanentem Höhenflug.

Das Jahr ist das heißeste, seit Temperaturen aufgezeichnet werden. In Pakistan gibt es die größte Überschwemmungskatastrophe seit Menschengedenken, 14 Millionen Menschen sind betroffen. In Russland und in der Ukraine brennen 170.000 Hektar Land; rund um Tschernobyl wird durch die Brände Radioaktivität freigesetzt. In Moskau sterben wegen des Rauchs doppelt so viele Menschen wie normalerweise. In Chile sind vor ein paar Wochen wegen der extremen Kälte Menschen und Vieh erfroren. In Deutschland war an der Neisse Land unter, in China ist eine halbe Stadt durch einen starkregenbedingten Erdrutsch verschwunden.

Diese Ereignisse sind nur jedes für sich Teil ein- und desselben Vorgangs: der erste Teil der Nachrichten beschreibt, wie die im zweiten Teil genannten Probleme erzeugt werden. Diese Probleme nennt die Klimaforschung „Extremwetterereignisse“, aber bislang haben die Leute gedacht, die kommen erst 2050. Sie sind aber schon da. Wie ungünstig, dass wir, nach dem gerade abgeschlossenen Treffen von 2500 Klimaunterhändlern in Bonn, jetzt schon wissen, dass der nächste Klimagipfel in Cancun scheitern wird. Die Experten fliegen aber alle trotzdem hin; das ist ja ihr Job. Dort werden sie ergebnislos diskutieren, welches transnationale Abkommen gegen den Klimawandel nötig wäre und weshalb es das nicht gibt. Dann fliegen sie wieder nach Hause zurück.

Dieses Gesamtkunstwerk aus Ökonomie, Umweltdesastern und absichtlich scheiternder Politik zeigt, dass ein 250 Jahre lang extrem erfolgreiches Lebens- und Wirtschaftsmodell an seine Funktionsgrenze gekommen ist. Unter anderen Bedingungen hatte es prächtig funktioniert und unglaubliche zivilisatorische Errungenschaften ermöglicht: Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Sicherheit, Bildung, Wohlstand, grenzenlosen Konsum. Die anderen Bedingungen

– das war die Verfügbarkeit eines ganzen Planeten für einen kleinen Teil der Menschheit und seine Wirtschaftsform. Mit Hilfe von Ressourcen aus aller Welt konnten die Industriestaaten eine phantastische Zivilisationsmaschine betreiben: eine Maschine, die mit fossilen Energien läuft und die Vorstellung erzeugt und verfestigt hat, dass es von allem

immer mehr geben könne, mehr Konsum, mehr Gesundheit, mehr Mobilität, mehr Lebenszeit.

Dass diese Maschine unser Klimasystem aus dem Gleichgewicht bringen würde, konnte niemand ahnen. Etwas anderes allerdings hätte man schon sehen können: dass diese Form des Wirtschaftens, das immer ein Außen braucht, aus dem es Ressourcen bezieht, in dem Augenblick kollabiert, in dem sie sich globalisiert. Nun ist diese Wirtschaftsform nicht mehr partikular, sondern hat sich weitgehend universalisiert: Bald werden in China mehr Autos fahren als in Europa, der neue Mittelstand wird auf hohem Niveau konsumieren, reisen und so intensiv am Niedergang der Überlebensbedingungen weiterarbeiten, wie die frühindustrialisierten Länder es vorgemacht haben.

Nur hat eine globalisierte Welt, die dem Prinzip der grenzenlosen Ressourcennutzung folgt, kein Außen, aus dem sie den nötigen Treibstoff beziehen könnte. Deshalb wächst nicht nur die internationale Konkurrenz um die Rohstoffe und ihre Transportwege, deshalb wird nicht nur tiefer und gefährlicher nach Öl gebohrt, deshalb verlagert sich auch die Ausbeutung des Planeten zunehmend vom Raum in die Zeit. Es ist die Zukunft derjenigen, die heute Kinder

oder Jugendliche oder noch gar nicht geboren sind, an der Raubbau betrieben wird. Die Gegenwart konsumiert die Zukunft, und das zeigt der Sommer 2010 mit aller Gewalt.

Was die Klimaforscher sachlich und kompliziert „Extremwetterereignisse“ nennen, sind ökosoziale Katastrophen: Denn Pakistan wird ja nicht nur überschwemmt, sondern die Not und das politische Versagen der Regierung öffnet Gelegenheitsstrukturen für die Taliban.

Russland brennt nicht nur, sondern zeigt die desaströsen Folgen der von Putin betriebenen Privatisierung der Waldwirtschaft. Dazu zeigen alle Ereignisse des Sommers, dass Umweltkatastrophen sequentielle Folgen haben: Den Erdrutschen folgen politische Eruptionen, mit dem Hochwasser wird genauso Vertrauen in Institutionen weggeschwemmt wie mit den dreisten Lügen, mit denen das Öl aus dem Golf von Mexiko unsichtbar gemacht wird.

Doch das eigentlich Irritierende bei all dem ist die offensichtliche Folgenlosigkeit für das Bewusstsein der Menschen. Das Gefühl für die Dringlichkeit einer zupackenden und ernsthaften Klimapolitik, wie es 2007 nach dem Erscheinen der aufrüttelnden IPCC-Berichte kurzzeitig vorhanden war, scheint völlig verschwunden. Die Diskreditierung der wissenschaftlichen Klimaforschung aufgrund marginaler Fehler konnte auf enorm fruchtbaren Boden fallen, und nach den Schockwellen der Finanz- und Wirtschaftskrise kommt dem Klimawandel kaum noch Besorgnis zu. Warum nur? Die Antwort ist paradox: Je näher die Einschläge kommen und je rasanter sich bewahrheitet, was die Forschung in den pessimistischsten Szenarien prognostiziert hat, desto deutlicher wird, dass der notwendige Wandel der Wirtschafts- und Lebenspraxis nicht einfach eine Korrektur von ein paar Verbrauchsgewohnheiten bedeutet, sondern eine tiefgreifende Veränderung von Produktions- und Konsummustern.

Die will aber niemand; schließlich hat man sich in jeder Hinsicht – von der Mobilität bis zur Lebensplanung – eingerichtet in der Komfortzone des scheinbar unendlich gepachteten Rechts auf Wohlstand.

Je klarer wird, dass diese Komfortzone mit den fortschreitenden Folgen des Klimawandels umkämpfter werden wird, dass die Schrumpfung der weltweit verfügbaren Ressourcen bei gleichzeitig sich vergrößernder Nachfrage und einsetzenden Katastrophenfolgen des Klimawandels zu einer failed globalisation führen wird, desto mehr hält man am Status quo fest – solange es noch irgend geht. Der Klimawandel wird zusammen mit den wachsenden Ressourcenkonflikten zu einer rapiden Sortierung von globalen Gewinnern und Verlierern führen.

Die Idee der transnationalen Abkommen stammt noch aus der Zeit einer naiven Auffassung dessen, was Globalisierung heißt: als man mit dem romantischen Begriff der Weltgesellschaft die Perspektive einer vernünftigen und gerechten global governance nach dem Modell der demokratischen Gesellschaften verband.

Mit der Naivität schwindet auch das Bemühen: man lässt transnationale Abkommen intentional scheitern, weil das Standortvorteile im Konkurrenzkampf um die verbleibenden Ressourcen sichert. Jedes andere Verhalten gefährdet die Aufrechterhaltung des Status quo, weshalb der frühere deutsche Umweltminister Siegmar Gabriel die Klimaverhandlungen treffend als Mikado-Spiel bezeichnete: Wer sich als erster bewegt, verliert.

[Dieser Text wurde vom Autor anlässlich der Grünen Sommerakademie 2010 verfasst.]

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