Empört Euch – über Euch selbst… | Blogger-Kollege songrider trifft den Punkt. Millimetergenau!

Bei einer Recherche über neue Aussagen von Harald Welzer bin ich auf einen exzellent geschriebenen Blog-Beitrag von Mike Schaefer gestoßen und übernehme ihn in meinen Blog. Man muss nicht alles selber schreiben…

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(Quelle: Mike-Schaefer-Blog)
Der Titel dieses Beitrags ist übernommen von einem Essay des Soziologen Harald Welzer, der im aktuellen „Spiegel“ (28/2011) erschienen ist. Welzer zitiert mit diesem Titel die politische Streitschrift „Empört Euch!“ des Ex-Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel.

Schon lange nicht mehr habe ich etwas so schonungslos Kluges, Wahres und gleichzeitig Witziges gelesen. Ein „Plädoyer gegen die Leitkultur der Verschwendung“ hält Welzer, und er tut es im besten Stil, den man in deutscher Sprache schreiben kann. Zunächst greift er das Wort von der „Ökodiktatur“ auf, mit dem die „Welt“ unlängst die geplante Energiewende kritisiert hat. Der „Welt“-Schreiber behauptet, diese Energiewende verlange von den Menschen „ein Höchstmaß an Idealismus, Altruismus und Opferbereitschaft“. Der erste linke Haken von Welzer dazu: „Tatsächlich besteht das ‚Höchstmaß an Opferbereitschaft‘ unter Deutschlands Eliten heute wohl vor allem darin, bis zu zwölf Monate auf die Auslieferung des bestellten Porsche Cayenne warten zu müssen.“

Das „gefühlte Menschenrecht auf einen Lebensstandard, der vier Urlaubsreisen pro Jahr, drei Autos pro Familie und das tägliche Wegwerfen von Nahrungsmitteln in aller Selbstverständlichkeit voraussetzt“, habe die UNO nicht gemeint, als sie 1948 ihre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedete. 20 Prozent mehr SUV als 2009 hätten die Deutschen im Jahre 2010 gekauft, diese „Kampfwagen gegen das Weltklima“, um damit „durch die deutschen Innenstädte zu pflügen“. Der damit erreichte neue Rekord: „Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurde mehr Energie verbraucht. Um 5,6 Prozent stieg der globale Energiekonsum an, die damit einhergehenden klimarelevanten Emissionen sogar um 5,8 Prozent.

Energiewende? Das kann man so nicht sagen.“ Und warum? Weil immer mehr konsumiert, immer mehr Material verbraucht und immer mehr Müll verursacht wird. War zum Beispiel „ein Mini vor 50 Jahren tatsächlich klein und transportierte mit 34 PS und 617 Kilogramm Gewicht immerhin vier Personen, gibt es ihn heute als Kompaktwagen, Cabrio, Kombi, Coupé und SUV mit bis zu 211 PS und 1470 Kilogramm Gewicht.“ Die „Ikearisierung der Welt, also die Verwandlung langlebiger Konsumgüter in kurzlebige, schreitet mit irrsinniger Geschwindigkeit voran. Die Nutzungszeit bei elektronischen Geräten verkürzt sich rasant, den unermüdlichen Steve Jobs und Bill Gates sein Dank, und mittlerweile werden in der USA 40 Prozent und in Europa 30 Prozent der Nahrungsmittel als Dreck entsorgt, weil sie nur noch gekauft, aber nicht mehr gegessen werden.“ (Ganz kurz darf man hier mal dran denken, mit welchem unsäglichen Leid in den Massen-Tier-KZs unsere „Fleischproduktion“ erkauft ist…)

Jetzt kommt die rechte Gerade: „All dies mit sich machen zu lassen und seine Welt mit Plunder vollzustellen darf in den reichen Gesellschaften als Menschenrecht gelten.“ Tief verwurzelt sei diese Vorstellung, es stehe einem einfach zu, „was die Benutzeroberfläche der Konsumgesellschaft feilbietet. Tut es aber nicht, denn es ist mit Raubbau an den Überlebensressourcen anderer Menschen und vor allem künftiger Menschen erwirtschaftet.“

Und wenn man dann „davon spricht, dass die Leitkultur des Verbrauchs und der Verschwendung, der die westlich geprägten Industrieländer frönen, zurückgeführt werden müsse auf ein überlebensverträgliches Maß, kriegt man zu hören, man könne doch den nachrückenden Gesellschaften nicht den Lebensstandard verwehren, den man für sich selbst in Anspruch nehme.“ Das sei aber „eine psychologisch leicht durchschaubare Legitimation unseres idiotischen Lebensstils: Wenn alle das nachmachen, muss es richtig sein, auch wenn die Zukunft dabei draufgeht. Denn das ist ja, was der Fall ist.“ Zwischendurch referiert er kurz den Stand der Dinge: „Ein Siebtel der Menschheit ist unterernährt, zwei Milliarden Menschen haben keine ausreichende medizinische Versorgung, eine Milliarde hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, mehr als 200 Millionen Kinder sind Soldaten, Prostituierte, Wanderarbeiter und Teppichknüpfer… Ungefähr 1200 Menschen verfügen gegenwärtig über rund drei Prozent des weltweiten Privatvermögens, die Hälfte der Menschheit dagegen nur über weniger als zwei Prozent.“

Der Schluss aus all dem ist politisch, und ich zitiere ihn in voller Länge: „Aus diesem Grund sind unsere Gegenwartsgesellschaft und ihre Politik so antiquiert: weil sie darauf verzichten, Privilegien der Ressourcennutzung so einzuschränken, wie es in der Geschichte der Moderne immer der Fall war. Die Politik tritt auf der Stelle, weil Privilegiensicherung zum einzigen Inhalt des Politischen geworden ist. Man kann das als Diktatur der Gegenwart auf Kosten der Zukunft bezeichnen. Oder als Gegenteil von Intelligenz. Aber auf keinen Fall als Menschenrecht.“

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