Ein hoffnungsvoller Auftakt | Die Indignados aus Südtirol treffen sich erstmals in Bozen

Ein voller Saal, viele engagierte Beiträge und eine erste Orientierung in organisatorischen Fragen – das sind die wesentlichen Ergebnisse des ersten Treffens der Südtiroler Indignados im Jugendzentrum in der Vintlerstraße in Bozen, an dem ich gestern Abend teilgenommen habe. 


Ein Blick in den Versammlungssaal im Jugendzentrum Vintlerstraße

Ein Facebook-Aufruf von Maximilian Benedikter hatte zur Versammlung geladen, zu der gestern anstatt der erwarteten 30 Interessierten über 80 Südtiroler Indignados in den Theatersaal des Jugendzentrum Vintlerstraße in Bozen gekommen waren.

Nach einer kurzen Einführung und einem Vorschlag für einige Regeln für den Ablauf von Max Benedikter, berichteten Paolo Plotheger und Luca Bizzarri über die Indignados-Bewegung in Spanien. Beide waren verschiedene Male in Barcelona und Madrid gewesen und hatten die bisherigen Höhepunkte der Indignados-Aktivitäten in Spanien miterlebt.

Sie gaben vor allem Einblick in das System der Selbstverwaltung auf den Plätzen Spaniens, die ab 15. Mai von Bürgerinnen und Bürgern besetzt wurden. Die Zubereitung des Essens war genauso selbstverwaltet geregelt wie der akribisch durchgeführt Reinigungsdienst oder die Verwaltung der Rednerlisten. Jede/r, die/der wollte, konnte sich auch als „facilidador“ betätigen und die Versammlungen moderieren.

Die sehr erfolgreichen Aktivitäten des 15. Mai haben der Bewegung auch einen ihrer Namen eingebracht – 15M – für den 15. Mai 2011. Es gibt weder offizielle VertreterInnen noch irgendwelche Form von SprecherInnen und die Kommunikation zwischen den Menschen erfolgt hauptsächlich über das Internet.

Einer der wenigen Politologen, die sich bisher mit dem Aufbau und den Methoden der Bewegung 15M beschäftigt haben ist der an der juristischen Fakultät der Universidad Autónoma de Madrid lehrende Professor und Buchautor Carlos Taibo. Prof. Taibo macht in der Bewegung 15M zwei Seelen aus: Zum einen eine massiv antikapitalistische aber durchaus libertär eingestellte Linke, zum anderen BürgerInnen, die sich aus den verschiedensten Gründen über die Entwicklung von Politik, Gesellschaft, Sozialstaat und Wirtschaft empören. Alles sehr heterogen, aber getragen von Verantwortungsbewußtsein und einer zunehmenden Bereitschaft, der Empörung und konkrete Handlungen folgen zu lassen. In seinem Aufsatz „Nada será como antes“ (Hier auf spanisch zu lesen), warnt Taibo davor, sich Hoffnungen zu machen, dass nach den aktuellen Krisen wieder zur gewohnten Tagesordnung übergegangen werden könne.

Nach den Ausführungen von Plotheger und Bizzarri oblag es mir, eine kurze Einführung zu Stéphane Hessel vorzutragen und ich beschränkte mich darauf, einige zentrale Aussagen aus Hessels Werk „Empört Euch“ vorzulesen (Textvorlage und Biographie von Stéphane Hessel) und kurz auf die Biographie des großen Alten einzugehen.

Anschließend konnten die Anwesenden in maximal 3-minütigen Statements darlegen, warum sie empört sind. Junge und Alte, Männer und Frauen, Italienisch- und Deutschsprachige sowie Einwanderer und Angehörige von Minderheiten meldeten sich zu Wort und legten in ungeahnter Breite dar, wo die Menschen heute der Schuh drückt. Von komplexen globalen Problemstellungen bis zu ganz konkreten Situationen in Südtirol reichten die Empörungsgründe und allen war gemeinsam, dass es an der Zeit ist, die Empörung zu verbreiten und anschließend auch gemeinsam politisch zu handeln.

Während der Diskussion wurde auch beschlossen, dass es keine formelle Zusammenarbeit mit den Medien geben wird, keine VertreterInnen und SprecherInnen und ein anwesender Fotograf einer Bozner Zeitung wurde gebeten, keine Fotos zu machen.

Im zweiten Teil der Diskussion, die sehr diszipliniert und geordnet über die Bühne ging, wurde debattiert, was nun zu tun sei. Breiten Raum nahm die Debatte ein, ob eine Gruppe ein Flugblatt erarbeiten solle oder ob die Versammelten durch intensive Nutzung der elektronischen Medien für die Verbreitung der Anliegen der Versammlung sorgen sollten.

Nach dreistündiger Debatte wurde festgelegt, dass der 15. Oktober für Aktionen in Südtirol ins Auge gefasst wird und dass sich die Versammlung bald wieder treffen wird, um organisatorische Aspekte zu behandeln.

Ich werde auf diesen Seiten weiter berichten.

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