Antifaschismus als Einbahnstraße? | Hans Heiss debattiert mit Paul Bacher

AUS DEM ARCHIV: erschienen auf dem Markus-Lobis-Blog am 11.11.2008

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Pro & Contra im Sender Bozen der RAI, 4. November 2008

Landtagsabgeordneter Hans Heiss im Disput mit Schützenkommandanten Paul Bacher

Natürlich bin ich befangen. Ich kenne und schätze Hans Heiss seit vielen Jahren. Was er sagt, ist druckreif und wird von mir Länge mal Breite geteilt. Und es ist bekannt, dass ich kein Schützen-Fan bin. Muss man ja auch nicht sein, oder?

Aber kaum einmal ist mir die dumpfe Nabelschau vieler Südtiroler aus der rechten Reichshälfte so bewußt geworden, wie bei diesem Pro & Contra.

Dieses Herbeiraunzen schlechter Verhältnisse, diese Sehnsucht nach Leiden, diese perfide und lachhafte Opferrolle, die da immer wieder herausgezogen wird, um zu begründen, warum man glaubt, sich aus der Verantwortung für die eigene Geschichte stehlen zu können – all das sind Züge, die mir an meinen gefiederten Landsleuten nicht und nicht gefallen wollen.

Erfrischend dagegen die Positionen und Aussagen von Hans Heiss, der den Beweis antritt, dass auch ein Bewohner der Kernalpen ein Weltbürger sein kann. Der mit klarem Verstand und enormem Wissenshintergrund Wege in die Zukunft sucht und aufzeigt, während Bacher & Co. die Zeiten herbeisehnen, in denen man noch Feinde haben durfte. Gar nicht so wenige brauchen das nachgerade.

Ich kann mir nicht helfen: Die Märsche der Oranier während der „Marching Season“ in Nordirland gehen mir auf die Nerven, ich mag es nicht, wenn die Nordkoreaner in Reih und Glied Stärke demonstrieren, ich kann auch den Militärparaden am 14. Juli in Paris nichts abgewinnen und genauso empfinde ich ein beklemmendes Gefühl, wenn ich die Schützen marschieren sehe. Es ist immer eine Machtdemonstration, ein marzialisches, männliches Imponiergehabe – eine Platzbesetzung und ein Versuch der Kopf-Besetzung, wenn sich Menschenmassen wie auf geheimen Befehl, wie von einem eigenem Rhythmus getrieben – dem Herzschlag eines Körpers gewisser Maßen – zu einer raffiniert und ästhetisch ansprechend strukturierten Masse erheben und den Einzelnen zum kleinen Rädchen machen.

Zum Rädchen, das funktionieren muss. Indem es das Denken einstellt und seine Individualität verleugnet. Indem es seine Dienstbarkeit durch Gehorsam und wohlgetaktetes Mitmarschieren offenkundig macht. Wir sind viele, wir funktionieren, wir marschieren alles platt…

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich vor allem der Faschismus – von rechts wie von links – des Mittels des Marsches bedient. Damit kann man auch sehr viel Begeisterung auslösen und gruppendynamische Prozesse fördern, die es dem Einzelnen auch erlauben, sich aus der Verantwortung zu stehlen und sich als Teil eines großen Ganzen zu fühlen, unabhängig von den Intentionen, die von denen gehegt werden, die den Marschrhythmus vorgeben.