In memoriam Giuseppe D’Avanzo, der vor zwei Monaten verstorben ist.

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„La Repubblica“ 8. August 2009
(Übersetzung von Markus Lobis)

Analyse
Wenn die Politik nur mehr so gemacht wird wie die Werbung – die wunderbare Welt des Cavaliere zwischen Macht und Lügen

von Giuseppe D’Avanzo

Stellen wir uns Silvio Berlusconi vor, wie er gerade seine Abende im Palazzo in Rom oder in einer seiner Villen organisiert. Er telefoniert mit seinen Kupplern, bis zu zehn Mal am Tag, wie von einer Obsession getrieben. Er informiert sich über weibliche Gäste. Sind Damen dabei, die er noch nicht kennt?

Er schreibt vor, wie alles arrangiert werden soll. Vergewissert sich, dass sie über seine sexuellen Vorlieben informiert werden. Verspricht Politkarrieren, TV-Engagements, Geschenke und „Kuverts“, gefüllt mit fünftausend Euro oder zehntausend, je nach Zufriedenheitsgrad.

Er kontaktiert Minderjährige die er nicht kennt, nachdem er ihre Gesichter und Körper in den Dossiers in Augenschein genommen hat, die Mediaset-Leute ihm vorgelegt haben (Mediaset ist die TV-Holding von Berlusconi, Anm. d. Ü.). Die Aussagen seiner Tochter Barbara (aber nicht jene unserer Liberalen) haben ihm jüngst etwas zugesetzt, als sie ihn daran erinnerte, dass es für einen Politiker, für jemanden der regiert, kein Privatleben gibt.

Nun beobachten wir ihn, wie er im Palazzo Chigi sitzt (Sitz des Ministerratspräsidiums in Rom, Anm. d. Ü.) und sehr darum bemüht ist, das vergessen zu machen, was die internationale öffentliche Meinung über ihn weiß und was nur drei von zehn Italienern über ihren Ministerpräsidenten wissen (sieben von zehn Italienern werden von TV-Sendern informiert, die Berlusconi kontrolliert und wissen folglich gar nichts davon). Das Szenario ist bizarr für uns Italiener und mehr als überraschend für jene, die keine Italiener sind.

Allein, im Palazzo Chigi, redet und redet Berlusconi über sich und füllt jeden nur erdenklichen Rahmen mit seiner Person aus: den planetarischen, den europäischen, den nationalen, den städtischen. Sein Ego kennt keine Grenzen. In seiner Selbstdarstellung, die er uns anbietet, ist er selbst die Welt. Aus nichts anderem besteht diese Welt als aus dem vitalen, optimistischen, charismatischen, humanen, weisen, gewitzten, unvergleichlich fleißigen Silvio Berlusconi. Der Egokrat listet eine beeindruckende Bilanz auf: hundertachtundfünfzig Treffen auf internationaler Ebene in vierzehn Monaten, zweiundzwanzig multilaterale Gipfeltreffen, zehn bilaterale Gipfeltreffen. Sprichwörtlich sein Arbeitseifer: Ich war, erzählt er, auch schon vierundvierzig Stunden ununterbrochen auf den Beinen – und das alles nur mit Hilfe von 21 Tässchen Kaffee.

Berlusconi entblödet sich nicht, zu behaupten, er habe die russischen Truppen in Georgien aufgehalten

Überall Erfolge. Nur Erfolge. Mehr noch: ein einziger riesiger und ununterbrochener Erfolg, ohne Pausen, immerwährend, fleißerkauft, in jedem Winkel dieser Erde. Wenn Moskaus Truppen fünfzehn Kilometer vor Tiflis angehalten werden konnten und ein langwieriger Krieg zwischen Russland und Georgien beendet werden konnte, so ist es, tönt er selbst, ein Erfolg Berlusconis, der damit auch eine neue Phase eines Kalten Krieges verhindert hat. Wenn Barack Obama in Moskau einen Vertrag zur Begrenzung von Atomwaffen unterschreibt, dann ist es das Verdienst des großen Silvio, der „die Annäherung“ zwischen der amerikanischen Regierung und dem Kreml bewerkstelligt hat.

Wenn das Atlantische Bündnis noch gesund und munter ist, dann haben wir das der eifrigen Überzeugungsarbeit von Berlusconi zu verdanken, der den türkischen Leader Erdogan dazu überreden konnte, den Weg für die Kandidatur von Rasmussen frei zu machen. Wenn „Europa nie mehr frieren“ müsse, ist das das Verdienst von Berlusconi, der Erdogan und Putin dazu bewegen konnte, sich für das Projekt der Gaspipeline „South Stream“ die Hand zu reichen.

In der wunderbaren Welt des Silvio Berlusconi gibt es weder Schatten noch Krisen. Es gibt keine persönliche Unehrenhaftigkeit und keine öffentlich vorgebrachten Lügen. Es gibt weder Rezession noch Misstrauen. Es gibt keine Leidenden und kein Leiden. Es kommen keine untergetauchten Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung darin vor, es gibt keine Kriminalität in den Städten, es gibt nicht einmal mehr die Mafia.

In Berlusconis wunderbarer Welt herrscht „sozialer Friede“ und „niemand wird zurückgelassen“ und was ihn selbst betrifft, gibt es „nichts wofür ich mich entschuldigen müsste“. Sogar die Alitalia ist im allgemeinen Gefasel zum wahren Effizienzwunder geworden. Dank der Geniestreiche von Berlusconi sind auch die Erdbebenopfer in den Zeltstädten von L’Acquila nachgerade glücklich, denn „viele sind auf Kreuzfahrt oder Gäste an den Küsten und alle sind zufrieden“.

Begegnete man in einer Bar einem „bauscia“ (geifernde Rotznase, speicheltriefender Wirrkopf, Anm. d. Ü.) von derart ausgeprägter verbaler Inkontinenz, würde man sich wohl veranlasst sehen, den barista darum zu ersuchen, den lästigen Zeitgenossen zum Schweigen zu bringen oder aus dem Lokal zu weisen. Aber dieser „bauscia“ ist der Chef unserer Regierung. Im Ausland wird der Protagonismus dieses Egokraten auch angesichts der Art und Weise, wie Berlusconi – vergiftet von seiner Sexsucht – seine Tage verbringt, als letzter Harlekin-Streich eines italienischen Clowns abgetan. Wir, die wir von Berlusconi jetzt und weiterhin regiert werden, wir können das nicht tun und können es nicht dabei bewenden lassen, dieses Verhalten lächerlich zu machen oder Schmähungen auszusprechen.

Anstatt seine Prahlereien aufzudecken und zu entkräften (was die Regierungsbilanz betrifft, hat das Tito Boeri am 3. August auf diesen Seiten schon getan) oder uns angesichts dieses „Ich-Priapismus“ mit einer bösen Miene zum bösen Spiel zu trösten, sollten wir sehr aufmerksam beobachten, was zur Zeit geschieht und was nächstens geschehen wird.

Versuchen wir also das zu enträtseln und beschreiben, was uns erwartet.

Ok, wir werden – wie es sich gehört – Silvio Berlusconi geduldig zuhören. Aus dem unaufhörlichen Redefluss stechen immer wieder – wie uns Franco Cordero dargelegt hat – einige „Eselswahrheiten“ (verità dell’asino – offenkundige, unbestreitbare Wahrheit, die sogar von einem Esel als solche erkannt werden, Anm. d. Ü.) heraus.

Den Eseln eilt ja ein schlechter Ruf voraus. Sie gelten als stumpfsinnig und wenig intelligent. Vernachlässigbare Wesen, eben.

In Wirklichkeit haben die Esel aber eine unbestreitbare Stärke: „sie enthüllen Vorhaben, die hellere Köpfe verschleiern“ (Zitat Franco Cordero, Anm. d. Ü.). Das passiert auch Berlusconi. Ganz allein, im Palazzo Chigi liefert er Beweise für diese Annahme.

Der Redefluss des Egokraten enthüllt, wenn man ihn genau betrachtet, eine Art der Herrschaftsausübung, ein Machtinstrument. Die Selbstdarstellung von Berlusconi und die Darstellung der Arbeit seiner Regierung entsprechen auf frappierende Weise den Mitteln und der Sprache der Werbung, ganz im Sinne eines früheren Bekenntnisses von Berlusconi: „Ich schaffe es nicht, auf das Verkaufen zu verzichten. Ich schaffe es einfach nicht! Ich kann einfach nicht aus meiner Haut als Verkaufsdirektor!“ (D’Anna, Moncalvo, Berlusconi in concert).

Der seichte, für den Augenblick geschaffene und sofort wieder vergessene Werbeslang eignet sich dafür, die Realität ganz einfach auszublenden.

In den Worten des Premiers kann man das an vielen Stellen gut erkennen: Wirtschaftsabschwung? Den haben wir hinter uns. Die Arbeitslosen werden gut betreut und haben ein ordentliches Einkommen. Die Unternehmen blicken vertrauensvoll in die Zukunft. Die Erdbebenopfer sind zufrieden. Die Städte sind sicher, während Obama, Putin, Merkel, Erdogan – die ganze Welt – an den Lippen unseres Premiers hängen und seine Taten bewundern.

In den Ausdrucksformen der Werbung fällt die Grenze zwischen dem, was wahr ist und dem was man sich vorstellen kann, zwischen dem Hier und Heute und dem Vorhaben, das man voranbringt. Für Berlusconi ist klar, dass man jedes Problem mit etwas kreativer Vorstellungskraft und einem ordentlichen Schuss Optimismus lösen kann. Wenn das Problem dann doch wider Erwarten weiter bestehen sollte, ist dies den Mächten des Bösen zuzuschreiben, die den Chef nicht lieben und mit ihm das ganze Volk. Jede abweichende Meinung ist daher ein Anschlag auf den Führer, eine Aggression gegen das Volk, ein Komplott gegen die Italiener und gegen Italien.

Es ist sogar anti-italienisch, daran zu erinnern, wie der Ministerpräsident seine Zeit im Palazzo und in den Villen verbringt.

Dieses Szenario ist mehr als grotesk, aber keineswegs harmlos. Denn es wirkt dann überzeugend, wenn es Informationskanäle gibt, die diese Denk- und Darstellungsweise gegenüber der öffentlichen Meinung als zulässig und plausibel darstellen. Dies und nichts anderes fordert Berlusconi von den italienischen Medien. Sie sollen keine lästigen Fragen mehr stellen, wie dies die braven Kollegen vom Sport schon tun. Sie sollen dem „Negativen“ keinen Platz mehr einräumen, dies soll vor allem in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten „nicht mehr geduldet“ werden.

Die Medienleute sollen sich verinnerlichen, dass es „anti-italienisch“ ist, über die Probleme und Schwierigkeiten eines Landes im wirtschaftlichen Abschwung zu schreiben, über das Leiden derer, die davon betroffen sind: Unternehmen, Familien, Arbeiter. Es ist „anti-italienisch“ daran zu erinnern, wie und mit wem der Ministerpräsident seine Zeit in den Palazzi und Villen verbringt.

Wir werden es immer mehr mit den Waffen des potentesten Mediums zu tun bekommen, das aus der Mischung von Werbung und Fernsehen besteht. Wir müssen mit der Welt der bunten Bilder abrechnen, die an die Stelle der Realität getreten sind. Wir müssen diese Welt demaskieren, wir müssen uns mit den Auswirkungen einer Kommunikationstechnik beschäftigen, die uns die Möglichkeit nimmt, selbst Erfahrungen zu sammeln und Position zu beziehen, die die Grenzen zwischen Realität und Scheinwelt verwischt, die uns Gewohnheiten aufzwingt, welche uns zusehends infantilisieren.

Wenn man es genau betrachtet, besteht die Art und Weise Berlusconi, Politik zu machen, ausschließlich aus der Kombination von Werbung und Fernsehen. Nur das hat Berlusconi im Sinn, zwischen einem Abendessen im Palazzo Grazioli und einer „bezahlten“ Nacht in der Villa Certosa.

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