The day after | Haben die Indignados ihre Unschuld verloren?

Leider konnte ich auf Grund einer privaten Verpflichtung am Samstag nicht in Bozen sein. Von dem, was ich erfahren habe, bin ich angetan: Friedliche Atmosphäre, guter Besuch und gute Stimmung – auch wenn der Ansturm empörter „Normalbürger“ ausgeblieben ist. Aber es wäre zuviel gewesen, dies zu erwarten. Südtirols BürgerInnen gelten ja nicht gerade als protestaffin, um es freundschaftlich zu formulieren.

Ein Eindruck von der Versammlung auf den Talferwiesen (Foto: Facebook)

Ich hatte allerdings kurz Zeit, in Bruneck vorbeizuschauen, wo eine Allianz von Organisationen und Initiativen zu einer Versammlung geladen hatte. Aber dazu später.

Ein erster Eindruck vom weltweiten Geschehen am „Occupy-Day“ ist durchaus positiv. Von Australien bis nach Amerika haben hundertausende Menschen ihr Missfallen gegenüber dem aktuellen Wirtschafts- und Finanzsystem bekundet. Es waren nicht die üblichen Randgruppen-Schreier. Nein, man kann mit Recht behaupten, dass nun die Mitte der Gesellschaft in ihren vielfältigen Ausprägungen und Heterogenität in Bewegung kommt.

Die Hilflosigkeit des Establishments, das diese Bewegung so gar nicht in die üblichen Abwehr-Schubladen schieben kann, äußert sich auch darin, dass der Beifall und das „Verständnis“ von allen Seiten kommen. Ein schaler Beigeschmack stellt sich bei mir ein, wenn das „Verständnis“ von Leuten kommt, die vor und nach den entsprechenden Erklärungen nichts anderes tun, als unser perfides Finanzsystem zu zementieren: Draghi, Trichet und compagnia bella haben sich ja auch von ihrer verständnisvollen Seite gezeigt. Wohl um nicht als Bannerträger von Wallstreet und Co. ins Visier zu gelangen haben sie ihre Arbeitgeber verleugnet. Das wirft kein gutes Licht auf sie und nährt den Eindruck, es ginge jetzt darum, die BürgerInnen einzulullen und „hintenrum“ wieder „das einzig Richtige“ zu machen und die Banken zu stützen.

Den Beweis, dass es ihnen mit Reformen und der Entschärfung der Gefahren der Finanzwirtschaft Ernst ist, hätten Politiker und Bankengrößen schon nach ihren entsprechenden Erklärungen während und nach der ersten großen Bankenkrise 2008 antreten können. Nichts ist geschehen! Gar nichts! Also: Nicht mehr hinhören, wenn die Vertreter des Establishments ihre Wortspenden abgeben.

Leider ist es am Rand der Versammlungen in Rom zu schlimmen Ausschreitungen gekommen, die dazu geeignet sind, die Bewegung der empörten Bürger in Verruf zu bringen. Auch wenn dies nicht gelingen wird, müssen schnellstens Strategien gefunden werden, die eine Wiederholung derartiger Szenen unwahrscheinlicher werden lassen.

Die Berufschaoten suchen eine Bühne – und finden sie! (Quelle: Facebook)

Denn: Dass die black blocks auf den Plan treten, müssten die Verantwortlichen gewusst haben. Ich meine dabei weniger jene, die sich in der Empörten-Bewegung versammeln, sondern die Verantwortlichen für die Sicherheit, die jedes Mitglied der Black Blocks aus den Centri Sociali kennen und die meines Erachtens ein völlig verfehlte Eskalationsstrategie fahren, wenn es zur Konfrontation zwischen den Ordnungshütern und den Berufsrowdies kommt. Martialische Gehabe und planloses Herumgeschwirre wie in Rom geschehen, lädt die Atmosphäre nachgerade mit Kampfeslust auf und ist gegenüber den Mitarbeitern des Sicherheitsapparates unverantwortlich.

Als Organisator einer kleinen Protestaktion gegen den BBT anlässlich des Besuches von Präsident Napolitano in Franzensfeste weiß ich aus eigener Erfahrung, wie arrogant und hart die Sicherheitskräfte mit BürgerInnen umgehen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben wollen – auch wenn die Suppe dann in der Praxis nicht so heißt gegessen wird, wie sie von Wichtigtuern hochgekocht wird.

Martialisches Gehabe anstatt Deeskalation – eine falsche Sicherheitsstrategie (Foto: La Repubblica)

Ich erinnere mich auch an NO-TAV-Demos in Trient und in der Val di Susa, wo Hundertschaften von hochgerüsteten und düsteren Kampfmaschinen dazu aufgeboten wurden, die Menschen einzuschüchtern. Für mich ist das ganz klar auch eine Form von Gewalt, die das Bewußtsein, sich für die gute Sache auch radikal einzusetzen, stärkt und über weite Strecken eine manifeste Provokation darstellt.

Dies kann das Vorgehen der Chaoten nicht entschuldigen, aber der Staat müsste hier nicht Stärke demonstrieren sondern Intelligenz. Das ist aber nicht der Sinn der Sache, denn ich vermute Kalkül hinter der sicherheitspolizeilichen Aggressionsstrategie: Wer lässt sich schon gern mit einer Chaotentruppe identifizieren? Wenn dann auch noch die Medien mitspielen, kann der Eindruck entstehen, die Empörten-Bewegung sei ein kurzes Aufwallen der üblichen Mistmacher und man könne bald wieder zur Tagesordnung übergehen und die armen Banken retten.

Dass dem nicht so ist, werden wir in den nächsten Wochen und Monaten sehen!

Übrigens: In Bruneck wurde das Ganze wohl falsch aufgezogen. Eine Versammlung von Empörten kann man nicht abführen wie eine x-beliebige BürgerInnen-Versammlung, mit Einstiegsreferat, Moderation und allem Drumherum. Das hatten wir schon mal und bringen tut das nicht viel, auch im Sinne der Theorie von der „Postdemokratie“ von Colin Crouch. In Bozen wurde die Abwicklungstechnik gewählt, die von den spanischen Indignados entwickelt wurde – mit gutem Erfolg, wie mir scheint.