„Es gibt kaum mehr reiche Länder. Bloss sehr reiche Menschen“ | Die WOZ druckt auszugweise eine Rede von Naomi Klein vor der Occupy-Wallstreet-Bewegung

Quelle: WOZ
© 2011 Naomi Klein. Die Rede erschien erstmals im «Occupied Wallstreet Journal». Aus dem Englischen übersetzt von Lotta Suter.

(Danke für den Hinweis von Daniel Häni auf Facebook)

Occupy Wall Street
Die wichtigste Sache der Welt

Von Naomi Klein

Was Mitte September als kleine Demonstration vor der Wall Street begann, hat sich mittlerweile zu einer US-weiten Protestwelle entwickelt. Die prominente Globalisierungs­kritikerin Naomi Klein hat kürzlich vor den Protestierenden in New York eine Rede gehalten. Ein Auszug.

Das eine Prozent liebt die Krise. Wenn die Leute in Panik und Verzweiflung geraten und niemand recht weiss, was zu tun ist, dann ist das die ideale Zeit für dieses eine Prozent, seine Wunschliste von wirtschaftsfreundlichen Massnahmen durchzusetzen: die Privatisierung der Bildung und der Sozialversicherungen, die Zerstörung des Service public, die Beseitigung der letzten Schranken für die Machtgier der Grossunternehmen. Das ist in der Wirtschaftskrise weltweit passiert.

Es gibt bloss eine Sache, die diese Pläne stoppen kann. Zum Glück ist es eine sehr grosse Sache, nämlich die übrigen 99 Prozent. Diese 99 Prozent gehen jetzt auf die Strasse, von Madison bis Madrid, um klarzustellen: «Nein, wir werden nicht für eure Krise bezahlen.»

Dieser Slogan nahm 2008 in Italien seinen Anfang. Er sprang auf Griechenland, Frank­reich und Irland über und hat endlich dahin zurückgefunden, wo die Krise begann.

«Wieso protestieren die?», fragen die verblüfften ExpertInnen am Fernsehen. Währenddessen fragt der Rest der Welt: «Wieso erst jetzt?»

Viele haben Occupy Wall Street mit den sogenannten Antiglobalisierungsprotesten ver­glichen, die 1999 in Seattle die Weltöffentlichkeit aufrüttelten. Das war das letzte Mal, dass eine weltweite, von jungen Menschen angeführte, dezentrale Bewegung sich mit der Wirtschaft anlegte. Und ich bin stolz, Teil dessen gewesen zu sein, was wir «die Bewegung der Bewegungen» nannten.

Aber es gibt auch wichtige Unterschiede. Zum Beispiel haben wir damals die Wirtschaftsgipfel ins Visier genommen: die Zusammenkünfte der Welthandelsorganisation, des Internationalen Währungsfonds, der G8. Gipfeltreffen sind aber von Natur aus eine kurzlebige Angelegenheit. Und das machte uns ebenfalls kurzlebig. Wir tauchten auf, machten international Schlagzeilen, dann verschwanden wir wieder. Und im Rausch des Superpatriotismus und Militarismus nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war es zumindest in Nordamerika sehr einfach, uns wegzufegen.

Occupy Wall Street hat einen festen Standort ausgewählt. Und eure Präsenz an diesem Ort ist unbefristet. Das ist weise. Nur wenn ihr ausharrt, könnt ihr Wurzeln schlagen. Und das ist äusserst wichtig. Es ist ein Kennzeichen des Informationszeitalters, dass zu viele Bewegungen wie schöne Blüten aufgehen, aber schnell wieder absterben. Weil sie keine Wurzeln haben. Und weil sie ihr längerfristiges Überleben nicht planen. Wenn der Sturm kommt, werden sie weggeschwemmt. Gleichberechtigt und demokratisch zu sein, ist sehr schön. Diese Prinzipien lassen sich aber durchaus mit der Knochenarbeit des Aufbaus von tragfähigen und sturmresistenten Strukturen und Institutionen verbinden. Ich glaube fest daran, dass dies hier geschehen wird.

Die Verhältnisse umdrehen

Und noch etwas macht diese Bewegung richtig: Ihr habt euch zur Gewaltfreiheit bekannt. Ihr habt euch geweigert, den Medien die Bilder von zerbrochenen Scheiben und Strassenkämpfen zu liefern, nach denen sie so begierig lechzten. Dank dieser enormen Disziplin war es immer wieder die abstossende und grundlose Polizeibrutalität, die negative Schlagzeilen lieferte. Während die Unterstützung für die Bewegung wuchs und wuchs.

Der grösste Unterschied zu 1999 ist aber, dass wir uns vor gut zehn Jahren auf dem Höhepunkt einer fiebrigen Hochkonjunktur mit dem Kapitalismus angelegt hatten. Die Arbeitslosigkeit war gering, und die Aktienbestände waren angeschwollen. Damals ging es um Neugründungen von Firmen, nicht um Schliessungen.

Wir wiesen darauf hin, dass die Deregulierung, die zu diesem Rausch geführt hatte, ihren Preis hatte. Sie ruinierte die Arbeitsbedingungen. Sie ruinierte die Umwelt. Grosskonzerne wurden mächtiger als die Regierungen, und das ruinierte unsere Demokratien. Aber ehrlich gesagt war die Kritik am Kapitalismus in diesen erfolgsverwöhnten Zeiten ein äusserst zähes Geschäft. Jedenfalls war das in reichen Ländern so.

Zehn Jahre später gibt es kaum noch reiche Länder. Bloss sehr reiche Menschen. Leute, die reich geworden sind, weil sie auf der ganzen Welt gesellschaftlichen Reichtum geplündert und die natürlichen Ressourcen ausgebeutet haben. Alle können heute sehen, dass das Sys­tem ungerecht und ausser Kontrolle geraten ist. Blanke Gier hat die globale Wirtschaft ver­wüs­tet. Und sie verwüstet auch die Natur. Wir überfischen unsere Ozeane, verschmutzen unser Wasser mit zweifelhaften Bohrtechniken und wählen immer schmutzigere Energieformen. Die Atmosphäre erwärmt sich in gefährlichem Ausmass. Die neue Normalität sind Desaster der ökonomischen und ökologischen Art.

Wir alle wissen oder ahnen wenigstens, dass die Welt auf dem Kopf steht. Wir tun so, als ob das, was endlich ist, endlos verfügbar wäre: nämlich die fossilen Brennstoffe und die Atmosphäre, die unsere Emissionen auffangen muss. Andererseits tun wir so, als ob es enge und unverrückbare Obergrenzen gäbe, für etwas, was eigentlich reichlich vorhanden ist: die finanziellen Ressourcen, um die Gesellschaft aufzubauen, die wir brauchen.

Die grosse Aufgabe unserer Zeit ist es, die Verhältnisse umzudrehen. Wir müssen die künstliche Verknappung anfechten und darauf bestehen, dass wir uns eine menschenwürdige, inklusive Gesellschaft leisten können. Sogar wenn wir gleichzeitig die wirklichen Grenzen respektieren, die uns die Erde vorgibt.

Der Klimawandel bedeutet, dass wir nicht viel Zeit haben. Diesmal dürfen wir uns als Bewegung nicht ablenken und auseinanderdividieren lassen. Wir dürfen nicht vorzeitig aufgeben oder uns von anderen Aktualitäten beiseitedrängen lassen. Dieses Mal muss es uns gelingen. Und ich meine nicht nur die Regulierung der Banken und die Erhöhung der Steuern für Reiche, so wichtig das auch ist.

Grundlegende Werte

Ich rede über die Veränderung der grundlegenden Werte, die unsere Gesellschaft steuern. Das ist kaum in eine einzige medienfreundliche Forderung zu fassen. Es ist eine schwierige Aufgabe. Aber ich sehe, dass sie auf diesem Platz bereits angepackt wird. Mein Lieblingsposter hier an der Wall Street heisst: «Du bist mir wichtig.» In einer Kultur, die die Leute dazu erzieht, den Blick voneinander abzuwenden und zu sagen: «Lasst sie doch krepieren», ist das eine radikale Aussage.

Wir haben die Auseinandersetzung mit den mächtigsten wirtschaftlichen und politischen Kräften auf diesem Planeten gewagt. Das macht auch Angst. Wenn diese Bewegung stärker wird, wird die Sache noch beängstigender werden. Da kommt immer die Versuchung auf, sich schwächeren GegnerInnen zuzuwenden – zum Beispiel der Person, die neben dir sitzt.

Gebt dieser Versuchung nicht nach. Dieses Mal wollen wir einander so pfleglich behandeln, als ob wir planten, für viele, viele Jahre Seite an Seite zu kämpfen

Betrachten wir diese wunderschöne Bewegung als wichtigste Sache der Welt. Das ist sie nämlich. Ganz bestimmt.

WOZ vom 13.10.2011

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