Die „Er-AG“ Südtirol | Überlegungen zu einem ewigen Sonderfall

Kürzlich ist mir wieder mal ein Impulsreferat in die Hände gefallen, das ich bei der Jahresversammlung 2007 des Tiroler Geschichtsvereines halten durfte und das sich mit dem Selbstbild Südtirols und den Beziehungen zu den Nachbarländern und der viel zitierten und wenig gelebten „Europaregion Tirol“ beschäftigt.

Immer noch sehr aktuell, denke ich, und setze es als Reprise auf diesen Blog.

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JAHRESVERSAMMLUNG des Tiroler Geschichtsvereines am 12.12.2007, Uni Bozen

Anbei veröffentliche ich den Text eines Impulsreferates, das ich bei diesem Anlass gehalten habe. Die Veranstaltung stand unter dem Thema „Ein gemeinsames Tirol? Perspektiven einer wirtschaftlich-sozialen und einer kulturell-wissenschaftlichen Zusammenarbeit“

Die anderen Referenten und Diskussionsteilnehmer am Podium waren Wendelin Weingartner, Franz Pahl und Remo Ferretti.

Vielen Dank für die Einladung, zum sehr interessanten und vielschichtigen Thema „Ein gemeinsames Tirol? Perspektiven einer wirtschaftlich-sozialen und einer kulturell-wissenschaftlichen Zusammenarbeit“ zu sprechen.

Das Thema kommt so harmlos daher, hat es aber in sich. Der dankbare Füller für Sonntagsreden hat – wie schon im Titel angeführt – viele Dimensionen: Historische, geographische, soziale, wirtschaftliche, politische. Emotionale, persönliche, nostalgische, visionäre.

Und es hat mit Lebensfragen, aber auch mit Lebenslügen des modernen Südtirol zu tun. Aus diesem Sichtwinkel möchte ich mich an das Thema heranpirschen. In der anschließenden Diskussion kann ich dann ja noch weitere Aspekte einbringen, die im an- und vielleicht auch aufregenden Einstiegsstatement zu kurz kommen müssen. Zu vieles kann nur angerissen werden.

Bevor wir uns also mit Perspektiven einer überregionalen Zusammenarbeit beschäftigen, wollen wir einmal analysieren, welche charakterlichen Züge, menschlichen Eigenschaften und welche kulturellen und materiellen Voraussetzungen die Brautleute mitbringen, die da nach dem gütigen Willen wohlmeinender Verwandter zusammengeführt werden sollen, möglichst zu einer würzigen „menage a trois“.

Wer oder was ist der potenzielle Regionalkooperationspartner Südtirol eigentlich?

Südtirol ist ein kleines Land, das geführt wird wie ein Familien-Unternehmen mit einem sehr schmalen Vorstand aus ausgewählten Mitgliedern der Gründerfamilie und Vertretern befreundeter Clans. Wenn auch formell ein Vorstand vor sich hin werkelt, trifft eher das Bild der „Er-AG“ zu , in der „er“ unumschränkt schaltet, waltet und gestaltet.

Es gibt einen „Landesbeirat für Demokratie und rhetorische Übungen“, im Volksmund auch fallweise als Landtag bezeichnet. Der ist für die einen die demokratiepolitische Endstation, wo sie vor leeren Rängen leere Reden zu nicht wirklich wichtigen Themen halten können, die niemanden wirklich interessieren. Für die anderen ist der Landtag eine gut dotierte Warteschleife in Richtung höherer Aufgaben oder zum Ritterschlag der Vorstandsberufung, wenn Clan und Familie zusammenpassen. Wohlverhalten und treue Parteidienlichkeit vorausgesetzt, natürlich.

Südtirol grenzt sich historisch bedingt gegen Italien ab. Die Sprache und Kultur des Landes wird als Bedrohung für die eigene deutsche Minderheiten-Hochkultur gesehen, die täglich, stündlich, minütlich mit Klauen und Zähnen gegen die brachialen Assimilierungsversuche durch die von alten Faschisten durchseuchten nationalen Südtirol-Vernichtungsämter in Rom verteidigt werden muss. Die Nachbarprovinz Trient ist von dieser kulturell bedingten Aus- und Abgrenzung in besonderer Weise betroffen: durch die programmatische Zuspitzung der politischen Mission Südtirols auf das markige „Los von Trient“ im Jahre 1957 wurde das Trentino gewissermaßen en bloc zum Feindesland erklärt.

Aus- und Abgrenzung sind die konstituierenden Säulen der Südtiroler Verfasstheit. Denn auch Österreicher und Deutschländer, Deutschschweizer und andere Teutonen sind nicht „miar“. Sie fallen, zusammen mit den deutschsprachigen SüdtirolerInnen, die ihren restlichen Lebensweg in der Opposition gegen „die Partei“ abschließen wollen und mit allen weiteren Menschen des Planeten in die Kategorie „die anderen“. Italienischsprachige SüdtirolerInnen sind ganz besonders „andere“, es sei denn sie loben ein Leben lang „die Partei“, kommen positiv in „der Zeitung“ vor und akzeptieren es, als allerhöchsten Zenit ihrer Laufbahnen, irgendwann, irgendwo einen „Vice“-Posten bekleiden zu dürfen. Quotenitaliener sind im Autonomiestatut vorgesehen, dass müssen die „miar“ zähneknirschend zur Kenntnis nehmen.

In Südtirol wird nicht integriert. Es wird gezählt und zugeordnet. Und auf dieser Grundlage verwaltet.

Wenn nun die Aus- und Abgrenzung das Grundprinzip der Verfasstheit Südtirols nach innen ist – können wir dann überhaupt nach außen hin integrierend wirken?

Südtirol präsentiert sich zwar weltweit gerne als autonomiepolitisches Musterland und Mehrsprachigen-Reservat, das Verhältnis der Sprachgruppen ist aber mehr von einem nicht-kriegerischen Miteinander als faktische Entwicklung geprägt, als von einer wie immer gearteten Lust auf Interkulturalität. Dabei kommt es zu einer immer größer werdenden Kluft zwischen den Postulaten der selbstbezogenen und antiquiert wirkenden Politik und den tatsächlichen Entwicklungen in der Gesellschaft. Da sich die Politik in Südtirol aber nicht an der Sachpolitik messen lassen muss, sondern kurz vor Wahlen immer der wohl inszenierte Untergang der Autonomie und der armen deutschsprachigen Minderheit droht und das „Z’ammhalten“ zur real empfundenen Überlebensstrategie hochgeputscht wird, ist es praktisch ausgeschlossen, dass sich der gesellschaftspolitische Wandel auch graduell in den Wahlergebnissen niederschlägt und somit sich die Kluft zwischen den politischen Instanzen und der Südtiroler Gesellschaft wieder etwas schlösse.

Dabei ist es gerade das italienische Element in unserem Land, das Südtirol für Nordtiroler in gewisser Weise sexy macht. Nicht zuletzt kann man dass daran erkennen, dass Südtiroler Studenten in Innsbruck sich sehr oft sehr italienisch gebärden, wenn es auf die abendliche Pirsch geht.

Auf Südtirol kommt in allernächster Zeit ein grundlegender Prozess zu: Es gärt in der Gesellschaft, es gärt in den Institutionen, es gärt in der Politik und trotz all der guten Zahlen (die weniger guten verdrängen wir) und täglich zelebriertem Jubel darüber, wie gut wir sind, lässt es sich nicht verleugnen – wir wissen nicht, wohin wir wollen!

Die player im Südtirol-Sandkarten haben keine gemeinsamen Ziele. „Er“ und die anderen Vertreter der offiziellen Südtiroler Politik werden immer zorniger über das undankbare Volk, für das man sich Tag und Nacht abmüht und das immer nur zu Kritisieren hat. Das Abstraktionsvermögen und der Planungshorizont des Landeshauptmanns reichen gerade mal bis 2010, wie man in der zur Zeit laufenden Haushaltsdebatte erkennen kann. „Macher“ haben keine Visionen. Sie „machen“.

Südtirol hat zu viel mit sich selbst zu tun und verkommt langsam zur Operettenposse, zur sich selbst feiernden Randnotiz in der Alpenstory. Und ich verrate jetzt wohl kein Staatsgeheimnis, wenn ich an dieser Stelle behaupte: Südtirol ist gar nicht so wichtig, wie es die Südtiroler meinen.

Die Selbstüberschätzung eines der potentiellen Partner droht eine unüberwindbare Barriere für eine Regionalkooperation auf Augenhöhe zu werden. Wenn wir als Land nicht wissen, wo wir hin wollen, wenn es keinen gesellschaftlichen und politischen Konsens über die Zukunft Südtirols jenseits von einigen Zahlen im Bruttoinlandsprodukt gibt, wie wollen wir dann überregionale Kooperationen eingehen, die mehr sein sollen als ein medienwirksames Jahrestreffen im Felsenkeller? Ich fürchte fast, dass Südtirol zur Zeit als Partner nicht besonders gut geeignet ist und orte auch und vor allem bei der Politik sehr wenig Interesse an einer lebendigen Europaregion Tirol.

Während das Trentino und das Bundesland Tirol nach meiner Einschätzung der Sachlage recht ehrlich aneinander interessiert sind und sozusagen über unseren Köpfen hinweg interessante Kooperationsansätze aufzeigen, reicht den Herren im Bozner Landhaus die kleine Provinz als Betätigungsfeld absolut aus. Es genügt ihnen, wenn sie in Südtirol weltbekannt sind.

Das Bild, das die Trentiner und die Tiroler von den Südtirolern haben, ist sicher nicht das beste und qualifiziert uns auch nicht als potenzieller Partner. Wir haben es mittlerweile intus, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf die Tränendrüse zu drücken und darauf zu verweisen, dass Südtirol immer und in allen Bereichen ein Sonderfall ist. Südtirol war nach eigenem Selbstverständnis in den letzten paar tausend Jahren immer ein Opfer. Ein potenzieller Partner Südtirols in einer Regionalkooperation müsste diesem bedauerlichen Umstand natürlich Rechnung tragen. Eine Zusammenarbeit mit Südtirol auf Augenhöhe ist nicht möglich.

Denn wir waren, sind und bleiben ein wie immer definierter Sonderfall.

Wir schauen immer nur auf unseren Vorteil und interessieren uns nicht wirklich für das, was außerhalb der – sehr engen – Landesgrenzen vorgeht. Die Feuerwehrübung in Hinterpasseier, der neue Sprengelsitz in unser lieben Frau im Walde, die neuen Bienenstöcke in Steinhaus sind uns wichtiger als der Weltklimagipfel in Bali. Alle Nachrichten, die in unseren Medien auftauchen, werden knallhart auf ihren Südtirol-Bezug hin abgeklopft.

Und während wir hier über ein abstraktes politisches Wunschkind nachdenken und gleichzeitig heimlich fest die Antibaby-Pille schlucken, gibt es tausende von Menschen im Trentino, in Südtirol und Nordtirol, die miteinander zu tun haben und die das tun, was auch die Politik tun sollte: Eine ganz normale Nachbarschaft unter ganz normalen Nachbarn zu pflegen.

Und ich bin sicher, dass wir in der Breite der Beziehungen zwischen den drei Ländern schon viel, viel weiter wären, wenn es uns endlich gelänge, eine menschenwürdige Zugverbindung zwischen Trient, Bozen und Innsbruck zu schaffen. Da brauchen wir keine schwammige Europaregion, die niemand aufgesetzt haben will, da genügt es schon, wenn wir zulassen, dass es die InnsbruckerInnen nach Trient und Bozen ins Theater schaffen, die TrientnerInnen und Bozner zur Ausstellungseröffnung nach Innsbruck und wenn alle anschließend sogar noch heimkommen.

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