Aus aktuellem Anlass und für alle Zeiten | Vom Umgang mit Geschichte, Verantwortung und Leid – von Berlin bis Bozen

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie das offizielle Deutschland, Deutschlands KulturträgerInnen und die Institutionen mit der Rolle Deutschland im Zweiten Weltkrieg umgegangen sind und umgehen.

Heute konnte man das wieder einmal in beeindruckender Weise erleben. Im Deutschen Bundestag fand in Anwesenheit von Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel eine ergreifende und einer Kulturnation mehr als würdige Feierstunde statt.

Nach einer würdigen, faktenreichen Ansprache von Bundestagspräsident Lammert, die auch klare Bezüge zu Problemen der Jetztzeit herstellte, sprach Marcel Reich Ranicki.

An Marcel Reich Ranicki kann man die magische Kraft und die lebensbestimmende Wirkung von Kultur ermessen. Sie ist stärker als die schlimmste Barbarei, die man sich vorstellen kann – wenn sie sich ehrlich und schonungslos mit sich selbst auseinandersetzt. Wenn sie Platz lässt für Widerspruch, Dialektik und Offenheit.

Österreich hat sich lange um die Schatten des Nationalsozialismus gedrückt und zahlt heute noch einen hohen Preis dafür, der sich immer wieder in Schattengestalten wie Jörg Haider oder Heinz Christian Strache und ihren dumpfbackigen Apologeten manifestiert.

Von Südtirol wollen wir hier gar nicht reden. Es ist eine Schande für die Watt- und Speckrepublik, dass wir uns nie der braunen Vergangenheit gestellt haben, die bei uns wesentlich brauner war als anderswo. Geistige oder menschliche Größe geht unserem politischen Führungspersonal ebenso ab, wie eine kleine Prise Demut oder die Einsicht in die Notwendigkeit von Verantwortungsgefühl. Auch Magnago hat sich bei aller Größe und Breite seiner Persönlichkeit nicht vom Opportunismus lösen können, den man den Südtirolern gemeinhin und vollkommen zu Recht nachsagt.

Nie werde ich meine Eindrücke vergessen, die sich in der israelischen Gedenk- und Dokumentationstätte Yad Vashem tief in mein Fühlen eingegraben haben. Der Schrecken und der Tötungswahn ist dort überall dokumentiert und schockiert. Am meisten hat mich aber ein sehr großes Schwarzweiß-Foto betroffen gemacht. Darauf konnte man sehen, wie auf einem Platz in Berlin ein deutscher Soldat vor einer johlenden Menge einem alten Juden mit einer Schere den Bart abschneidet. Vielleicht ist es die selbe Hand, die dann den Ofen in Auschwitz bediente, die Kinder von Eltern trennte, die Menschen einteilte in schnellen Tod und späteren Tod.

Vielleicht ist es die selbe Hand, vielleicht auch nicht. Unterschied macht das keinen.

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2 Kommentare zu „Aus aktuellem Anlass und für alle Zeiten | Vom Umgang mit Geschichte, Verantwortung und Leid – von Berlin bis Bozen

  1. Ja, ich tu mich mit dem Hörmann gerade etwas hart, obwohl ich noch keine eindeutige Meinung zu dieser eigenartigen Debatte habe. Hörmann verheddert sich in einem Argumentationsknäuel, aus dem er nicht mehr heraus kommt.

    Wäre er dabei geblieben, die Änderungsnotwendigkeiten mit wirtschaftswissenschaftlichen Mitteln zu unterstreichen und auf seine eingängige Weise auch breiten Schichten zu erklären!
    Andererseits werde ich den Eindruck nicht los, dass jetzt einige ganz froh sind, dass sie keine fachlichen Argumente mehr brauchen, um Hörmann zu diskreditieren.

  2. Teile vollkommen Ihre Meinung zur braunen Vergangenheit bzw.Gegenwart in Österreich
    und Südtirol, da gibs noch sehr viel was nie aufgearbeitet wurde!
    P.S. Was sagen Sie zu den jüngsten Aussagen des Prof. Hörmann zum Holocaust?

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