Was gesagt werden muss | Günter Grass provoziert – in erster Linie Hysterie

Es ist kein berührendes Gedicht, es wühlt nicht durch sprachliche Mittel, seinen Rhythmus oder starke Bilder auf. Günter Grass‘ „Was gesagt werden muss“ ist eher eine kleine Rede, es sind die Überlegungen eines alten Mannes, der sich Gedanken über den Weltfrieden macht und im Drängen des Netanjahu-Regimes endlich losschlagen zu dürfen, eine große Bedrohung für die Welt sieht.

Grass hat ganz einfach Recht. Was ihm jetzt entgegenhallt, geht im wesentlichen an seinem Gedicht vorbei. Es ist mehr ein instinktiver Verdammungsreflex jedweder Kritik an Israel, der hier Platz greift, als eine Kritik an den Inhalten des Gedichtes von Günter Grass.

Ich habe eine ausführliche Studienreise durch Israel unternehmen dürfen und hege große Sympathien für das Land. „We don’t have a second chance“, das ist mir klar: Wenn es den zahlreichen erklärten Feinden Israels gelingt, die Isralis – so wie sie schon oft erklärt haben – ins Meer zu drängen, dann gibt es kein Israel mehr. Das ist ein fürchterlicher Gedanke und ich verbinde zwei meiner intensivsten Lebensmomente mit dem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Dachau – als Vierzehnjähriger – und mit dem Besuch von Yad Vashem in Jerusalem.

Die leidvolle Geschichte des jüdischen Volkes und die zahlreichen Verbrechen, die auch in meinem Namen dem Volk zugefügt wurden, müssen ein ewiger Makel, ein schmerzhaft Wunde im Herzen aller bleiben.

Dies kann aber nicht zum Vorwand genommen werden, fragwürdige Einstellungen und politische Entscheidungen in Israel a priori von jeder Kritik auszunehmen. Von meinem Besuch in Israel und meinem ständigen Interesse am faszinierenden Land weiß ich, dass die Mehrheiten im Land stets sehr knapp sind und dass mit allen Tricks gearbeitet wird, um den politischen Einfluss zu vergrössern (So wurden in den letzten Jahren extrem viele Neu-Einwanderer aus Russland ins Land gelassen, von denen man sich ein konservatives und tendenziell radikales Wahlverhalten erwartet). In Israel gibt es viele sehr progressive Menschen, die die Kriegstreiberei Netanjahus kritisieren. Die sich für eine Aussöhnung mit den Palästinensern, das Ende der aggressiven Siedlungspolitik und gegen einen „Erstschlag“ gegen den Iran aussprechen.

Alle, die jetzt so schnell und unreflektiert dem politischen System Netanjahu zu Hilfe eilen und ein Gedicht und einen alten Dichter in den Boden stampfen wollen, erweisen sich als unkritische Niederprügler der demokratischen Dialektik eines Landes, sie stärken einem fragwürdigen Kriegstreiber den Rücken, der auch im eigenen Land nicht unumstritten ist.

Im diffusen Hau-den-Grass gehen die Argumente leider unter.

Hier das Gedicht:

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Was gesagt werden muss

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

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2 Kommentare zu „Was gesagt werden muss | Günter Grass provoziert – in erster Linie Hysterie

  1. „Was gesagt werden muss“ (von Günther GRASS) –
    kann man auch anders sagen (von Dr. Wilhelm Geisler)

    Der liebe Günther GRASS:
    nun hat er seinen wohlverdienten Hass!

    Allein die Sorge um den Frieden,
    hat GRASS zum Schreiben
    des Gedichts getrieben –
    sagt er nun so im Nachhinein;
    mit dieser Meinung steht er wohl allein!

    GRASS hat bis jetzt – sagt er – geschwiegen,
    das ist sein gutes Recht:
    Doch seine vorgebrachten Argumente,
    das kann man nicht verschweigen,
    die sind – ganz abgesehen
    von der literarisch miserablen Qualität –
    absurd und wirklich schlecht!

    Ich folge hier nicht wörtlich
    dem „Gedicht“, nur sinngemäß:
    Wenn auch der Bau
    von Bomben und Raketen
    im Iran vermutet wird,
    so sei nicht auszuschließen,
    dass man sich wohl gewaltig irrt;
    Ahmadinedschad sei nicht mehr als
    ein großer Maulheld,
    der willkürlich nurmehr ausposaunt,
    was ihm gefällt.

    Wie dem auch sei, –
    so fragt man sich:
    Warum dann diese Geheimniskrämerei?
    Und was soll dann noch das tägliche Geschrei,
    mit dem Staate Israel sei es nun bald vorbei.

    Der iranische Präsident
    verkündet mit großer Eloquenz,
    was für Israelis ist
    bitter ernste Evidenz:
    Er will es nämlich baldigst wagen,
    den Staat ganz einfach
    zu zerschlagen,
    zu vernichten,
    zu vertilgen und zu zerstören –
    Das ist doch, was wir bei uns in Deutschland
    schon seit Jahren hören!

    Die Vernichtungshetze gegen Israel
    ist schrankenlos, beispiellos,
    verantwortungslos;
    oder, glaubt Günther GRASS,
    Ahmadinedschad droht Israel
    doch nur zum Spaß?

    Und wie soll Israel
    den Todesdrohungen nun begegnen?
    Soll es gar den angedrohten Terror
    gnädig segnen?

    Oder ist es ratsam,
    dass Israel blind vertraut,
    bis der Iran
    – unkontrolliert und ganz geheim –
    dann schließlich doch
    die Bombe baut?

    Es ist – Herr Günther GRASS – nichts weniger
    als pure Heuchelei zu schreiben:
    „Doch warum untersage ich mir,
    jenes andere Land beim Namen zu nennen“,
    (das wir – weiß Gott – doch alle kennen)
    in dem seit Jahren
    – wenn auch geheimgehalten –
    ein wachsend nukleares Potential verfügbar –“
    (das wäre doch nicht tragbar!)
    „aber außer Kontrolle,
    weil keiner Prüfung zugänglich ist?“

    Soll das im Klartext heißen,
    dass Irans Atomprogramm –
    oh, welch eine List,
    – im Gegensatz zu Israel –
    der Kontrolle und Prüfung
    wirklich zugänglich ist?

    Was hat Iran doch
    immerfort ein falsches Spiel getrieben
    solange, bis alle Kontrolleure
    frustriert zu Hause blieben.

    Haben Sie vergessen,
    sehr geehrter Günther Grass,
    wie vermessen
    Ahmadinedschad
    die ganze Welt verhöhnt,
    man hat sich leider mit der Zeit
    an dieses üble Spiel gewöhnt.

    Im Text spricht GRASS ganz ungeniert
    von Heuchelei, indem er sagt:
    „Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
    weil ich der Heuchelei des Westens
    überdrüssig bin.“

    Oh, welch ein Scharfsinn:
    Nur der Westen heuchelt?
    Der (Nahe)Osten nicht?
    Soll das heißen:
    Nur der Westen ist der Bösewicht?
    Dies ist doch wohl
    eine sehr eingeschränkte Sicht!

    Das hat Günther Grass
    im Alter wohl vergessen,
    dass es nun wirklich nicht die Israelis sind,
    „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“
    zu gefährden,
    sondern die Iraner sich
    seit eh und je mit ihrem
    undurchsichtigen Atomprogramm
    wie Provokateure gebärden.

    Wer ist nun strenggenommen
    – ganz unvoreingenommen –
    hier schlichtweg unbesonnen?

    Nun schweigt GRASS nicht mehr,
    „den Verursacher der erkennbaren Gefahr
    zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
    gleichfalls darauf bestehen,
    dass eine unbehinderte und permanente
    Kontrolle des israelischen atomaren Potentials
    und der iranischen Atomanlagen
    durch eine internationale Instanz
    von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.“

    Doch, Günther GRASS, wie ist das machbar?
    Realisierbar? In die Tat umzusetzen?
    Ohne die Souveränität des Staates zu verletzen?

    Ich meine:
    Solches überhaupt zu denken,
    kann man sich schenken;
    denn es ist illusionistisch
    und – politisch betrachtet –
    höchst unrealistisch!

    Aber:
    versteht man GRASS richtig,
    so ist es ihm höchst wichtig,
    trotz seines Makels,
    dem Land Israel verbunden zu bleiben;
    genau das war doch auch der Sinn,
    dies alles in seinem Prosa-Gedicht zu schreiben.

    Wie dem auch sei – hier kann man nur fragen:
    Wusste er denn nicht, dass man
    mit einem solch (nach Reich-Ranicki) „ekelhaften“ Gedicht,
    nur verlieren kann, – sowohl seinen guten Namen
    als auch sein Gesicht?!

    Zu unser aller Glück,
    ist das hier angesprochene Prosa-Gedicht
    nun wirklich nicht sein Meisterstück!

    Nachwort

    Verehrter Nobelpreisträger –
    Sie haben sich mächtig verstiegen:
    Ach, hätten Sie doch geschwiegen;
    dann wären Sie mit Sicherheit
    – zumindest für mich –
    der weise GRASS geblieben!

    So aber sind alle Kritiker drauf versessen,
    der Sache, über die Sie schreiben,
    völlig übertrieben und unangemessen,
    aber nichtsdestotrotz zu schelten
    und Ihnen zu vergelten,
    welch tödliche Beleidigung Sie losgelassen,
    und außerdem, wie viele Menschen meinen,
    und in der Tat, – man kann es nicht verneinen,
    ein solch literarisch wertloses Gedicht sei nicht zu fassen!

    Sie, Herr GRASS, leben zwar – so mag es scheinen –
    unter einem demokratischen Gesetz, das es erlaubt,
    die Meinung (zu was auch immer) frei zu sagen;
    aber wie können Sie es trotzdem wagen,
    auch nur die leiseste Kritik an Israel vorzutragen?

    Was Sie – nach Biermann – so stümperhaft
    in Prosa ausgesprochen,
    hat ganz und gar der Wahrheit nicht entsprochen;
    vor allem, wie Sie nach Westerwelle,
    die Gefahr aus Iran verharmlosend
    sich der Realität verweigern,
    und sich – nach Reich-Ranicki –
    in die Gemeinheit steigern,
    so etwas überhaupt zu publizieren,
    ohne sich auch nur ein wenig zu genieren.

    Vom Staate Israel wird Günther GRASS schließlich
    zur persona non grata erklärt,
    ein Verdikt, das bis in alle Ewigkeiten währt.

    Dabei wird sein klares Bekenntnis zu Israel
    ganz schlicht und einfach übergangen;
    zu groß ist das Begehren,
    den „nie zu tilgenden Makel“,
    den er als Deutscher trägt,
    noch zu vermehren!

    Ich, der diese Zeilen schrieb,
    bin – gottlob – recht unbekannt,
    in meinem, ach so schuldbeladenen Vaterland!

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