„Artikel spiegeln die tatsächliche Situation nicht wider“ | Willy Vontavon über Frei.Wild

Im Zuge der Facebook-Debatte über die Deutschrock- (oder muss man sagen Deutschpunk-) Band Frei.Wild hat sich nun auch Willy Vontavon zu Wort gemeldet – diesmal in seiner Rolle als Musikexperte mit fundierten und langjährigen Kenntnissen und mit einem sehr guten Überblick über die aktuelle U-Musik-Szene.

(Quelle: Facebook, 23.8.2012, 10 Uhr)

Ein richtiger Musikexperte … 😉 vielen Dank für die Blumen, da gibt es aber in Südtirol eine Heerschar an „richtigeren“ Musikexperten. Trotzdem habe natürlich auch ich mir eine Meinung gebildet zu Frei.Wild. Ich habe mich ausführlich mit dieser Band beschäftigt, einfach deshalb, weil ich verstehen wollte, WARUM sie so erfolgreich ist.

Ich habe ein langes Gespräch mit Philipp geführt, bin im Dezember eigens nach Stuttgart gefahren, wo 11.000 Leute zu ihrem Konzert gegangen sind (das war also kein Festivalpublikum, das zufällig Frei.Wild sieht, sondern alles Leute, die WEGEN dieser Band in der Halle waren). Ich habe backstage mit ihrem Manager gesprochen, mit ihrem phantastischen Team, habe mir die Fans in der ersten Reihe angeschaut, mit ihnen kurz vor dem Konzert geredet, und ich hab mir natürlich auch das Konzert angesehen.

Fazit: Was ich gesehen und gehört habe, spiegelt sich z.B. im Artikel der SZ und auch in jenem der von mir hochgeschätzten ZEIT überhaupt nicht wider, was mich zur Vermutung bringt, dass diese Redakteure sich offenbar weniger Mühe gemacht haben als ich – mit einiger Wahrscheinlichkeit haben sie einfach eine Reihe bereits bestehender Berichte gelesen und sich dadurch ihre eigene Wahrnehmung gezimmert. Vielleicht war es auch ganz anders, aber den Eindruck habe ich eben.

Philipp ist ein faszinierender Gesprächspartner, ein richtig gscheider Bua, dem bewusst ist, dass er in seiner Jugend einer vollkommen falschen Ideologie aufgesessen ist. Er ist – genauso wie sein ganzes Team, das ich als eingeschworene Mannschaft erlebt habe – ein sehr freundlicher, hilfsbereiter, gesprächsbereiter junger Mann, der eben gern auf der Bühne steht. Er schaut ein bisschen wild aus mit seinen Tatoos, und wenn meine Töchter so bei mir auftauchen würden, würde ich drei Wochen schlaflos überlegen, was ich denn falsch gemacht habe, aber vom Äußeren auf das Innere zu schließen ist ein grundsätzlicher Fehler, den man nicht begehen sollte.

Es gibt einen politischen Menschen Burger, der heute nicht mehr in sich hineinschauen lässt, und es gibt einen Musiker Burger, der auf der Bühne eine äußerst ausdrucksstarke Persönlichkeit ist. Das Publikum in Stuttgart – und vom Publikum lässt sich ja relativ leicht die Gesinnung und Denkweise einer Band schließen – war erstaunlicherweise jung und „mainstream“ – man könnte dieselben Leute auch bei einem Take-That- oder Christina-Stürmer-Konzert finden, was der Theorie von Markus widerspricht. Zu den Botschaften, die von der Bühne kommen: Natürlich ist es … strange, wenn 11.000 Leute IN STUTTGART „Südtirol, du bist mein Heimatland“ mit Philipp singen, aber eigentlich tun sie dies in absolut ähnlicher Weise auch bei den Spatzen und – früher – bei den Zillertaler Schürzenjägern – nur eben mit leicht veränderter Instrumentierung und leicht verändertem Outfit ;-).

Die meisten Frei.Wild-Kritiker machen den Fehler, voreingenommen zu urteilen – immer mit der Vergangenheit von Burger im Unterbewusstsein.

Im Grunde kokettiert die Band mit diesem Umstand auch ein bisschen, diesen Eindruck habe ich jedenfalls. Gleichzeitig geht Philipp die unentwegte Konfrontation mit seiner Vergangenheit furchtbar auf die Nerven. Zur Musik: Es ist nicht die Musik, die ich mir als Überlebenspackage auf die Insel mitnehmen würde. Sie ist mir zu primitiv, zu wild, zu eintönig, zu wenig ausgefeilt in den Instrumentierungen. Das sagt nichts aus zur „Qualität“ der Musik – mir haben Ende der Siebziger Jahre mitten in der ach so angesagten Punk-Ära auch die hochgelobten Eddie & The Hot Rods oder die Sex Pistols überhaupt nicht gefallen.

Trotzdem waren sie erfolgreich – wie eben auch Frei.Wild erfolgreich sind. Das ist ein Umstand, dem man Respekt zollen muss. Verstehen tu ich den Erfolg heute auch noch nicht – aber wenn Erfolg verständlich wäre, wäre er auch planbar, und das ist er bewiesenermaßen nie gewesen. Deshalb: Gratulation zum Erfolg, er hat auch viel mit Arbeit und Leidenschaft für ihre eigene Musik zu tun. Von Markus würde ich mir wünschen, dass er unvoreingenommener urteilt (im Grunde geht es auch darum, dass jeder frei seine Kunst ausüben dürfen muss, denn rechte Botschaften kommen schon lange keine mehr von der Bühne), und von Walter würde ich mir wünschen, dass er Kritik an Frei.Wild mit etwas mehr … Gelassenheit sieht 😉

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