Was ist das, ein Tiroler? | Interessanter Beitrag von Benno Kusstatscher auf salto.bz

(aus: salto.bz, Juni 2013)

Die Silvia ist schuld! Allein wäre ich doch nie auf die Idee gekommen, so einen Beitrag zu schreiben. Was ein Tiroler ist? Ist mir doch egal. Unwichtig. Blöde Frage. Und doch: Sieht man sich die aktuellen, politischen Diskussionen an, hat man schon das Gefühl, als ob wir nicht recht wüssten, wer wir denn wären. Rechtzeitig zum Herz-Jesu-Sonntag könnte da ein Selbstversuch einer Eigendefinition schon hilfreich sein. Nur, es ist mir peinlich! Nicht nur wegen der Öffentlichkeit, nein auch gegenüber engstem Freundes- und Familienkreis. Mir schwitzen die Hände, ich spüre, wie ich belächelt werde, wie mein Beitrag genervt weggeklickt wird. Darf man das überhaupt fragen? Darf man sich anmaßen, das zu beantworten? Fühlt sich so ein Tabu an? Na, dann lohnt es sich ja, es zu wagen.

tirolerAlso vorne weg: Ich kann es nur für mich versuchen. Jedem/r seine/ihre eigene Tiroler/in-Definition, alles andere wäre ein nationalistischer Ansatz. Schließlich gehören Tiroler wie Basken, Kurden und den vielen anderen zu den Verlierern der Nationengründungen in den letzten beiden Jahrhunderten. Erst unsere „Italiener“ im Österreich der späten Habsburger, dann unsere „Deutschen“ im jungen Italien, und die Ladiner sowieso.

Jetzt das Outing: Ja, ich habe für mich beschlossen, ein Tiroler zu sein! Natürlich bin ich Kind der südlichen Sonne. Natürlich haben mich unserer Eltern Faschismus-, Options- und Katabombenschulen-Erfahrungen geprägt. Natürlich erlebte ich Bomben auf meinem Schulweg und natürlich lebe ich als Bozner mitten drin in der heutigen Multisprachlichkeit und Multikultur. Die letzten knapp 100 Jahre haben also auch mir ein gewisse Südtiroler Identität beschert, selbstverständlich. Trotzdem, steht Südtirol für mich in erster Linie für Enge. Für eine Enge, die mich würgt. Ich leide wie ein Hund wegen der .bz-Zufriedenheit unserer Medien, Politik und eigenen Schädel. Salurn, Winnebach, Brenner und Sesvenna sind wie Bretter vor den Köpfen, wirken als in Beton gegossene Ursache für die Unlösbarkeit unserer gesellschaftlichen Probleme. Die von Karl Felderer besungene Landesdefinition lastet auf meinen Schultern wie unentlarvte Propaganda einer schon lange vergangenen Ära. „Ich will hier raus!“, um es mit Purple Schulz zu sagen.

Ein Tiroler bin ich, ein tiroler Europäer, wenn ihr wollt. Was das bedeutet, weiß ich ja selber nicht, aber wenn ich in mich hineinhorche, dann werden schon ein paar Dinge klar: Ich mag es nicht, wenn im Herz-Jesu-Land das Tirolersein wichtiger sein soll als minimalste christliche Werte. Das sage ich, ohne mich auch nur ansatzweise als Vorzeigechrist definieren zu wollen. Im Gegenteil. Dem Walschenhass und der Ausländerfeindlichkeit haben wir nicht die ewige Treue geschworen. Und überhaupt, wir Tiroler sprechen seit jeher ladinisch und trentin genauso wie bajuwarisch, manchmal auch alemannisch. Wir sprechen’s nicht nur, wir sind es auch. Von wegen, „tirolerisch“ wäre eine bairischere Abwandlung. Da hat jemand etwas Wesentliches nicht verstanden!

Wenn ich wieder einmal ungeduldig die halbherzige Neugierde amerikanischer Kollegen mit „austrian minority in northern Italy“ abzuwimmeln versuche, wohl wissend wie verkürzt diese Darstellung ist, oder wenn ich erkläre, dass die Trentiner den selben Dialekt sprechen wie wir, nur halt in einer anderen Sprache und dann sofort die Frage bekomme, warum denn die Italiener in Bozen keinen solchen Identitätsakzent in der Aussprache hätten, dann quälen mich wieder diese bösen Gedanken, wie wenig wir auf beiden Seiten die Anomalien unserer gemeinsamen Geschichte aufgearbeitet haben. Ich tue so, als hätten wir ein Sprach- und Kulturgrenzenproblem, so vereinfacht kann es ein Ami verstehen.

Sprachgrenzenproblem. Bah! Von wegen, in Sachen Sprachgrenze haben wir jahrhundertelange, problemlose Erfahrung. Wir haben wohl eher immer noch ein Zugreistenproblem, mit Zugereisten, die noch immer nicht richtig angekommen, weil immer noch nicht aufgenommen worden sind. Vielleicht wäre es für die damals zugereisten erstrebenswerter, ein Trentiner Tiroler zu werden, denn als zweit-klassiger Südtiroler geduldet zu werden. Ich spreche von der Sicherheit, die ein Trentiner Hinterland auch auf Bozner Boden geben könnte. Welchen Preis wir mit dem damals wohl notwendigen Los von Trient bezahlt haben: chè disagio. Vielleicht würde mir das Wort „Welschtiroler“ leichter über die Lippen gehen, wenn ich mir unserer früheren, schmutzigen Gedanken nicht allzu bewusst wäre, oder wenn wenigsten heute nicht mehr diese Aorta bz-italienischer Bodenverbundenheit von vielen am liebsten an der Salurner Klause gekappt werden würde. „Trentiner“ ist auch ein schönes Wort und ich verspüre überhaupt keinen Bedarf nach Abgrenzung, nicht nur weil Schlagbäume historisch überall nur nie dort gestanden sind. Mein „Tiroler“ schließt den Trentiner selbstverständlich mit ein und das nicht nur, weil Trentino der Schlüssel zur Disagio-Thematik ist. Ich bin kein opportuner, einmal mit einmal ohne Trient Euregio-Tiroler. Ich bin den Trentinern ein verlässlicher und treuer Freund, wie man das von Tiroler Aufrichtigkeit eben erwarten könnte. Das einmal ausgesprochen gehören Italiener beidseitig Salurns so selbstverständlich mit dazu, dass ich mich fast schon wieder trauen dürfte, wie früher „Walsche“ zu sagen, ohne dass mir jemand dabei irgendetwas Böses, Unanständiges, Abgrenzendes oder Abwertendes andichten würde. „La storia siamo noi, attenzione, nessuno si senta escluso.”, nach Francesco De Gregori. Mit neuen Realitäten zurück zur vornationalen Normalität.

Da fällt mir ein romantischer Lagerfeuerabend ein, den ich mit romanischen Freunden im Engadin genießen durfte. Da begannen die zu meiner Überraschung italienische Volks- und Bergsteigerlieder zu singen. Der romanische Kulturkreis wäre nicht so groß, da gäbe es kein so reichlich eigenes Volksgut. Da muss ich unweigerlich an die intelligente, moderne Margarethe von Maultasch denken, die schon im fernen Jahre 1363 erkannt hatte, dass unser kleines Land am zoll-lukrativen Brenner viel zu klein ist, um im rauen Ambiente bestehen zu können. Natürlich schließe ich den Bogen ins moderne, frühe 21ste Jahrhundert, in dem sich ein Bruchteil des Maultasch-Reiches als .bz selber genügt und sich am liebsten noch verfreistaatlichen würde, ohne zu erkennen, dass ein geteiltes Land ein schwaches Land ist.

Ein Blick auf historische Landkarten zeigt mir deutlich: wir Tiroler sind kein, ein gewisses Territorium besiedelndes Völkchen. Einmal mit, einmal ohne Görz. Mit, ohne Tarasp, Trentino, Osttirol, Zillertal, Souramont etc. Da ist mein Tirol territorial anders als das vom Hofer Ander oder das vom Gaismair Much. Und wenn ich mir die kürzlich vom Euregio-Büro herausgegebene Landkarte anschaue, die fast millimetergenau an den momentan geltenden Grenzen der heutigen drei Länder abgeschnitten ist, dann müsste ich mir eigentlich eine Gemütsregung erwarten, wenn ich über dessen Grenzen fahre. Salurner Klause? Ich spüre nichts! Borghetto? Njet! Aber doch, dann irgendwo hinter der Berner Klause, dort wo sich die letzten Alpenausläufer verlieren, da fühl ich mich plötzlich ein bissel fremder. Und von Norden kommend, wenn ich vom Irschenberg erstmals einen Blick bis tief ins Unterinntal erhasche, dann spüre ich schon dieses „ich komm heim“ und zwar dank des „deutschen“ Wendelsteins und nicht etwa wegen der militärisch abweisenden Kufsteiner Burg.

Ein Tiroler ist halt ein Bergler. Ich auch und irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass mein Herzschlag vielmehr der eines Alpenländers ist. Dieses Gefühl definiert aber nicht den Tiroler und schon gar nicht einen Großtirolwahn. Ich bemerk aber dieses Blitzen in meinen Augen, wenn immer jemand mit uns gemeinsame Sache machen will, vielleicht in Belluno, in Salzburg oder in Vorarlberg oder so, und dann wird mir diese abgrenzende Tirolerdefinition so etwas von wurscht, weil mir das Gemeinsame eben viel wichtiger ist als das Trennende. Nennt mich einen schlechten Tiroler, wenn ihr wollt. Ich spüre derweil, dass der „Tiroler“ zwar meine kulturelle Identität ist, dass ich aber meine Zukunft als europäischer Alpenländer bestreiten werde.

Reise ich nach Osten, dann kann ich mich noch in der tiefen Steiermark als Österreicher durchaus heimisch fühlen. Im Westen lasse ich mich in Bormio gerne als Italiener bezeichnen, in St. Moritz schmeichelt mir der „Schweizer“ fast, und zwar nicht nur, weil in meinen Adern auch Schweizer Blut fließt. Trotzdem, stehen für mich die Nationen Austria, Germany und Switzerland genauso emotionslos im Nirgendwo wie Italy. Es ist ganz bestimmt kein Anti-Italien-Sentiment, es ist dieses Anti-Nationen-Sentiment, das mich an der Nahtstelle zwischen Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien dann doch wieder bemüßigt, mich als Tiroler zu definieren, als Nicht-Nationalist sozusagen, vielleicht gar als aktiver Anti-Nationalist, oder um es keck zu formulieren: als Post-Nationalist.

Ist das mit den Grenzen schwierig, so versuch ich die Definition über die Menschen: „Ihr Tiroler seid kulturelle Lahmärsche und spießig oben drein“ sagen mir die aus dem Salzkammergut. Einspruch! Aber dann fliegen die Bilder Goisern, Hardbradler, Frei.Wild durch meinen Kopf und komprimieren sich zu Kopfschmerzen. Dann stelle ich mir den Aufschrei vor, wenn eine Gitsch oben ohne am Montiggler See.. aber wir haben doch die Tania Cagnotto, die für den Playboy… und da bin ich irgendwie stolz auf die Tania, die ausgebrochen ist aus unserem üblichen, mit Sicherheit spießigen Rahmen. Ein Ausbrechen, das anderswo nichterwähnenswert normal wäre. Dumm, so etwas zu erwähnen hier. Und dann fällt mir unweigerlich Benedikter Junior ein, der schon lange keine Plakate mehr geschmiert und ein Messner, der auf alles eine Antwort hat. Seh den stolzen Bauern, breitbeinig, stolz und frei, den Individualisten, eben. „Ich will nicht mit den Wölfen heulen, schreib mich in keinen Verein ein“ hätte Reinhard Mey ein guter Tiroler sein können? Aber dann, Feuerwehr, Musikkapelle, Schützen, Jäger, SSV, AVS, ACI, Partei… Richtige Vereinsmeier sind wir, Verein.Wild, und ich verwerfe den freien Individualisten sogleich wieder. Woher ich bloß dieses verklärte Hofer-Prototypen-Klischee habe?

Vielleicht von den strammen Mander der Schützen, wie neulich, als ein paar Orden behangene die Erstkommunionsfeier meines Buben verschönten, und ich meinen Kindern keine zufriedenstellende Auskunft geben konnte, warum diese schönen Tiroler in der Kirche nicht wie alle anderen den Hut abnehmen und sich nicht einmal bei der Wandlung niederknien. Schön stolz die Tiroler, sakra! Ob denn die feinen, weißen Offiziershandschuhe zur Tiroler Tracht gehörten und ob man mit dem Vorderlader über der Schulter dem Herz Jesu besser dienen könne? Und ob denn die Freiheitskämpfer am Berg Isel mit der Mistgabel auch so stramm marschiert wären wie die Franzosen und letztes Jahr die Schützen? Wie unverkrampft die Kinder den Bogen zum Computerspiel „The Lemmings“ spannen und die unvorstellbare Vorstellung so lustig finden, auch mich in Reih und Glied zu sehen. Wie gut, dass meine Kinder als auch ich den post-war dream noch immer leben dürfen und ich ihnen diesen Anblick, also mich in Reih und Glied, hoffentlich ersparen werden kann und zwar in bester Tradition des Landlibells.

Dann fällt mir der Arbeitskollege aus Kenya ein, der so wie ich in der Krachledernen auf der Münchner Wiesn mit mir, mit ein paar Ober- und Niederbayern und ein paar preusischen Mädels, die übrigens auch respektierlich ihr Dirndl füllen, ausgelassen feierte. Und keiner hat Stress, dass irgendwelche Kultur geschändet werden könnte, wie bei uns. Bei uns, wo man wegen der Lederhosn von den einen, wegen des dunkelhäutigen Kollegen von den anderen und wegen der prall gefüllten Dirndln von wieder anderen suspekt beäugt wird, weil den unseren eben jedes Selbstbewusstsein fehlt und bei jedem bissel Andersartigkeit gleich der totale Heimatverlust prophezeit wird. Ein Chapeau der „Lederhosn-Lite-Fraktion“, die mit den bescheidenen, manchmal auch lustigen, blauen Schürzen die Gratwanderung mit lobenswerter Leichtigkeit bewältigt.

Wenn ich dieses Wochenende meinen Kindern beim Anblick der vielen Herz-Jesu-Feuer ein bissel Tirolerstolz vermitteln möchte, frage ich mich innerlich bekümmert, wie viele dieser Feuer für den christlichen Gedanken des Herzens Jesu entfacht werden, und wie viele eben gegen Italiener und Zuwanderer und für die „Freiheit des Landes“ und ob ich mir und den Kindern etwas vorlüge, beim Anblick der Feuer etwas Romantisches zu verspüren. Ewiggestriges mit einer Würze von Aufbruchsstimmung flammt über, aber Aufbruch wohin? Da flammen die Feuer in unterschiedliche Richtungen und das ist gut so. Diversität ist eben das Gemeinsame der vielen Feuer. Vielleicht auch noch dieser Stolz auf unsere Berge, die wir geschenkt bekommen und uns nicht etwa verdienen mussten. Ich zündle heuer auch und hebe Herz und Hand zu meinem ganz privaten Himmel – und zu meinem Ortler natürlich.

Und dann weiß ich, was den Tiroler ausmacht: es sind diese Widersprüche tief im Herzen, dieses Ringen zwischen Nostalgie und Moderne, zwischen Opfer und Leader, zwischen Knecht und Bauer, zwischen IG-L und 150km/h, zwischen Nordwand und Hintergrat. Eben diese Widersprüche, die jedes menschliche Wesen in sich trägt. Da können wir zögerlichen Tiroler und Tirolerinnen schon stolz drauf sein, aber nur, wenn wir immer diesen einen Schritt nach vorne gehen, oder halt den einen Salto. Wenn wir diesen und die nächsten Schritte als menschliche Menschen, als alpenländische Europäer und ein bissel weniger als Tiroler gehen, na, was kann dann noch schiefgehen?

 

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Ein Kommentar zu „Was ist das, ein Tiroler? | Interessanter Beitrag von Benno Kusstatscher auf salto.bz

  1. Der Artikel über den Tiroler ist wunderbar. Über die Nachteile der (Süd-)tiroler wollen wir wegen der Enge auch dieser Fläche nicht reden. Auch nicht darüber, dass hier alle immerzu Weltmeister sind (Waldmeister würde schon reichen). Nein, wir wollwn über die Sprache reden – nicht über den Dialekt mit dem falschen Deutsch – sondern über das Deutsch, das eine grenzübergreifende Heimat des Denkens, Sprechens ist. Dieser Sprachlandschaft (incl. der Dialekte) fühle ich mich als Deutscher und – meinetwegen – Wahltiroler verpflichtet. Auch wenn ich noch ziemlich gut vier weitere Sprachen spreche – die Mutter- (oder auch Vater- ohne land! -sprache) -sprache ist meine unverrückbare Zugehörigkeit. Da kann ich machen was ich will, hier komme ich nicht heraus, will ich auch nicht, hier schreibe und träume ich in diesem Deutsch, meiner Identität, meiner (Zwangs-)zugehörigkeit. Schade, dass ich die anderen Sprachen nicht genauso beherrsche, zum Denken, Reden, Schreiben und Träumen – dann wäre ich ein Weltmann. Auch in Tirol, wo wir doch etwas mehr Weltläufigkeit brauchen – mit und ohne Oben ohne. Und Gottseidank ohne den klerikalen Nationalismus eines AH.
    Andreas Gottlieb Hempel

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