Oh komm, oh komm, Immanuel! | Wir brauchen eine neue Aufklärung

Salto.bz ist ein gut gemachtes mehrsprachiges Südtiroler Nachrichtenportal, das dem progressiven Teil der Südtiroler Gesellschaft eine Stimme gibt. Es wird von einer Genossenschaft geführt, die mit dem Portal einen Beitrag zur Öffnung und Dynamisierung der Südtiroler Gesellschaft leiten will.

Enorm gewonnen hat das Portal durch die Zusammenarbeit mit Christoph Franceschini, der Ende 2013 die Redaktion der Neuen Südtiroler Tageszeitung verlassen hat.

Gestern hat Franceschini unter dem Titel „Tomadas Freunde“ eine sehr unappettitliche Geschichte aufgegriffen. Ein ehemaliger Funktionär der Lega aus Meran hat in einem Facebook-Eintrag eine Journalistin des Corriere dell’Alto Adige auf das übelste beschimpft, die einen Südtiroler Zuwanderer interviewt hatte. In diesem Interview fordert der 23-jährige Mohammad Fougali die Italiener auf, sich zum Islam zu bekehren.

Den ganzen Artikel könnt Ihr lesen, wenn Ihr auf das untenstehende Bild klickt:
Salto Tomadas Freunde

In den Kommentaren hat sich eine interessante Debatte ergeben, und ich möchte einen Teil davon, der mir wichtig erscheint, auf diesen Seiten festhalten.

Hier der Auszug. Martin B. hat auf einen Kommentar geantwortet, in dem recht deftige islam-missionarische Zitate von Foughali widergegeben worden waren.

 

(…)

Martin B. Folgen  03.12.2014, 21:28

Nicht dass ich die Aussagen von Strammrechten verteidigen wollte, aber ich habe ein tiefes Mißtrauen gegen Besserwisser und noch mehr gegen Prediger. Wer also ISIS, Boko Haram, etc. als „bedauerliche Selbstverteidigung gegen Unterdrückung“ verharmlost, den eigenen Glauben (bzw. die Interpretation davon) als einzige Chance für alle Mitmenschen sieht und ev. auch noch hassartige Postings verfasst, der ist auf der untersten Stufe des Vertrauens bei mir. Wer vehement, wiederholt und öffentlich Strafen oder Rechtssprechung aus religiösen (oder Religions-Schrift-interpretativen/kulturellen?!?) Gründen fordert, soll m.E. nach einer ersten scharfen Verwarnung das aktive und passive Wahlrecht verlieren, sowie in krassen Fällen auch noch schärfere Maßnahmen zu spüren bekommen. Ich glaube nicht, dass diese Herren auch nur im Ansatz Interesse an einer offenen und zumindest ansatzweise demütigen Diskussion haben. Mit Demut meine ich hier nicht immer meinen Recht zu haben.

 

Markus Lobis 04.12.2014, 08:10

Ein sehr schwieriges Unterfangen, denn es kollidiert mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung, das ich für sakrosankt halte. Ich denke, dass es auf diese Entwicklung nur kulturelle und durch gesellschaftliche Prozesse erarbeitete Antworten geben kann. Allerdings kommt uns dabei die Postmoderne in die Quere, der nach ausgiebiger Dekonstruktion alles Dekonstruierbaren – das wäre dann praktisch alles – breit geteilte Orientierungspunkte oder Bewertungsmaßstäbe abhanden gekommen sind. Meinungsäußerung ist heute oft der Schlußpunkt, Abstruses wird stehen gelassen, jede Meinung hat den selben Wert, eine Bewertung/Debatte findet nicht statt, weil ja jeder alles und das Gegenteil von allem behaupten kann – was auch sein Recht bleiben sollte.

Um aus dieser Situation herauszukommen, benötigen wir breiten öffentlichen Diskurs und auch wieder Weltbilder, an denen wir uns orientieren und die die Grundlage für neue Formen gemeinschaftlichen Handelns darstellen. Die Abschaffung von Ideologien ist der große Wunsch des Neoliberalismus, der an die Stelle von Ideologien (die man engagiert kritisieren kann und zu denen es stets auch Gegenentwürfe gibt) Dogmen setzt, die per se nicht diskutiert werden können.

Nach dem Neoliberalismus brauchen wir eine neue Aufklärung und keinen Rückfall in alte Zeiten. Religionen und Sekten sind mit hohem Engagement und mit einigem Erfolg dabei, in das Sinn-Vakuum des Konsumzeitalters hineinzustoßen, der Wunsch nach mehr Autorität von Führungspersonen geht in die selbe Richtung und sollte als Gefahr nicht unterschätzt werden.

Darum sollten wir uns den folgenden Text in Erinnerung rufen und zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen machen:

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (Immanuel Kant)

 

 

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