Die globale Überwachung | Ein packendes Buch von Glenn Greenwald

Ich habe schon eine Weile nicht mehr ein so packendes und gut geschriebenes Sachbuch gelesen, wie „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald.

Glenn Greenwald ist der The Guardian-Journalist, dem Edward Snowden seine geheimen Unterlagen anvertraute und der zusammen mit Laura Poitras und Ewen MacAskill den NSA-Überwachungsskandal aufgedeckt hat. Minutiös beschreibt Greenwald die erste Kontaktnahme mit Snowden, die im Dezember 2012 über die kritische Dokumentarfilmerin Laura Poitras zu Stande kam.

Greenwald Poitras Quelle FAZ net
Glenn Greenwald und Laura Poitras (Quelle: FAZnet)

Dann die erste Begegnung mit Edward Snowden in einem Hotel in Hongkong, wo Greenwald am 20. Mai 2013 eingetroffen war. Es liest sich wie ein packender Krimi, unter welchen Umständen die Reise zu Stande kam, wie oft das Unterfangen auf der Kippe stand und mit welchen Widerständen Greenwald und Poitras schon in dieser Phase zu kämpfen hatten.

Detailreich und spannend beschreibt Greenwald in seinem Buch die dramatischen Tage in Hongkong und zeichnet ein vielschichtiges und akribisch herausgearbeitetes Bild des weltbekannten Whistleblowers aus North Carolina.

Nach der Sichtung einer ersten Lieferung von zahlreichen geheimen Unterlagen und täglichen Treffen mit Snowden schrieb Glenn Greenwald noch in Hongkong eine erste Artikelserie. Der erste Artikel, der am 6. Juni 2013 im The Guardian erschien, beschäftigte sich mit der aufgedeckten Zusammenarbeit zwischen der NSA und dem amerikanischen Telefondienst-Anbieter Verizon, der sich bereit erklärt hatte, Millionen von Verbindungsdaten seiner Kunden zur Verfügung zu stellen.

Was wenige wissen: Die Veröffentlichung des ersten Artikels stand auf des Messers Schneide, weil die Chefredakteurin des amerikanischen The Guardian, Janine Gibson, amerikanische Behörden in einer Art vorauseilender Vorsicht darüber informiert hatte, dass die Zeitung beabsichtige, einen Bericht über die NSA-Praktiken zu veröffentlichen. Trotz enormen Drucks durch die Behörden entschloss sich Gibson, bestärkt durch den eigens nach New York gereisten Chefredakteur des britischen The Guardian, Alan Rusbridge, am 6. Juni 2013 um 17.40 Uhr diesen ersten Artikel freizuschalten. Greenwald beschreibt den hochdramatischen Tag im Detail und macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen Papierkorb und Weltereignis sein kann.

Weitere Artikel folgten, Greenwalds Enthüllungen schlugen wie eine Bombe ein.

Im zweiten Teil des Buches beschreibt Glenn Greenwald, mit welchen Methoden die US-Behörden versuchten, die Enthüllungen zu unterlaufen und ihn als Journalist zu diskreditieren. Nicht zuletzt wurde auch sein Lebensgefährte David Miranda im Transitbereich des Londoner Flughafens Heathrow rechtswidrig über neun Stunden lang festgehalten.

Greenwald geht in seinem Buch auch mit einigen seiner Journalisten-Kollegen hart ins Gericht, die sich von Regierungsstellen und politisch interessierten Herausgebern in die Anti-Greenwald-Hatz einspannen ließen und verschiedentlich auch eine Verhaftung und Verurteilung Greenwalds gefordert hatten. Der Autor beschreibt die vielfältigen Verstrickungen zwischen der US-Administration, Parteien, Behörden und Medien, die zu einem dichten Filz geführt haben. Einige hochbezahlte Star-Journalisten werden offenkundig von Regierungsstellen mit Geheimdokumenten versorgt, um immer wieder journalistische Scoops zu landen. Im Gegenzug lassen sie sich in die die PR-Arbeit der Regierung einbinden.

Sehr aufschlussreich auch der Abschnitt des Buches, der sich mit den Auswirkungen einer massiven Überwachung beschäftigt und in dem der Autor aufzeigt, wie vorauseilendes Wohlverhalten „produziert“ wird.

Mein Fazit: Der NSA-Skandal ist auch durch sehr dubioses Verhalten europäischer Regierungen etwas in den Hintergrund geraten und es ist nicht zu vermuten, dass sich durch die Aufdeckungen von Snowden, Greenwald, Poitras und MacAskill die Arbeit der NSA und der Five-eyes-Geheimdienste sowie der europäischen Partner-Organisationen substantiell geändert hat.

Dennoch hat die Arbeit der Whistleblower und der damit kooperierenden Journalisten die Einschätzung der Öffentlichkeit über das „Land of the free“, das die ganze Welt beherrschen will, massiv verschlechtert und die Ablehnung der transatlantischen Freihandelsabkommen durch eine stark zunehmende Anzahl von EuropäerInnen hängt wohl auch damit zusammen, dass man Uncle Sam nicht mehr über den Weg traut.

Die EuropäerInnen tun gut daran, sich dem US-Imperialismus zu entziehen. Europa wird sonst zum US-Vasallen und riskiert, in die Bedeutungslosigkeit zu stürzen.

 

*****
DROEMER Verlag, 2014
ISBN 978-3-426-27635-8

Übersetzung: Gabriele Gockel, Robert Weiß, Thomas Wollermann, Maria Zybak

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