Grün ist die Hoffnung derzeit nicht | Ein Gastbeitrag über die Grüne Woche Berlin

(von Katharina Hohenstein)

Die Internationale Grüne Woche Berlin erkunden bedeutet auch, gute Nerven zu bewahren. Ein Rundgang zwischen Weltmarkt und Region, Bäuerlicher Agrarkultur und Industrie, veralteten Modellen in neuen Kleidern, exzellenter Öffentlichkeitsarbeit und jeder Menge Menschen, die konsequent fordern: Umkehren! Jetzt!

Der Beamte des Umweltministeriumslogo grüne Woche schluckte bereits das Apfelragout an Schmandmousse, da knabberte ich noch am Salat. „Der andere Raum“, so der lange Norddeutsche, „ist deutlich besser im Angebot. Dort gibt es herrliches Wild“. Auf dem Empfang in den Ministergärten ist die Küche anlässlich des Auftaktes der Grünen Woche vorzüglich. Deftige Fleischspezialitäten, generös gehäuft bei den Männern, spärlich bei den Damen, diese arbeiten sich eher in Richtung Dessert vor – Johannisbeer-Sahne-Nachtisch, Feigen im Schlafrock, vorher vielleicht zarte Möhrchen an Orangendressing – sind hier meisterhaft und dekorativ inszeniert.

Wir tauschen uns aus, der norddeutsche Hüne und ich. Auch wenn hier oder dort ein Stück Petersilie in den Zähnen den Redefluss stört, dauert es nicht lange, bis wir sprachlich dort sind, was wir beide zum einen gerade tun, nämlich essen, zum anderen, weswegen wir alle hier sind. Die Grüne Woche Berlin ist sieben Tage lang internationales Zentrum der Landwirtschaft. Auf 130.000 Quadratmetern Messegelände stellen 1.600 Aussteller aus 70 Ländern aus, was sie so produzieren: neben den rund 100.000 Fachleuten erwartete die Berliner Messe weitere 300.000, die durch die Halle bummeln, essen und kaufen, was die Taschen tragen können. Nebenbei werden Geschäfte gemacht, Kontakte geknüpft und für die eigene Sache geworben. Zunehmende Auflagen bei Dün gung und Pflanzenschutz, so der Deutsche Bauernverband, mache Landwirten zu schaffen. Genussorientierte Empfänge mit Sekt, Wein und weit mehr als schnöden Häppchen sind neben Medien und Sonderberichterstattungen ein ideales Pflaster, um sich mit den Richtigen zu verbünden. Deswegen gibt es schon am Abend vor der Eröffnung etliche davon, verteilt auf der Messe und in der Stadt. Kein Wunder, dass ich auf dem Weg von der Messe nach draußen – Können Sie mir bitte sagen, wo die nächste große Straße ist? – erst einmal auf dem Allianz-Empfang lande. Die Versicherungsgesellschaft ist an den Derivatmärkten für Rohstoffe aktiv; sie spekuliert mit Lebensmitteln an der Börse.

„Vergessen Sie Ihre Einstellung, die für Sie funktioniert hat“, sagt der zwei-Meter Mann mit dem Faible für gutes Essen, „Leute werden nicht sensibler, bloß weil sie mal einen Film über Massentierhaltung gesehen haben: Die meisten werden sich über Nahrungsmittel, wie sie produziert werden und welche Auswirkungen diese Produktion für die Umwelt oder die Gesundheit keine Gedanken machen“. Das Petersilienblättchen zwischen den Zähnen ist verschwunden. Hoffnung auf eine Umkehr in der Landwirtschaft irgendwie auch. Denn es kann durchaus sein, dass er recht hat.

Tiere, Tierkrankeiten und jede Menge tierische Produkte

Grüne Woche - TierseuchenrechtDer erste Eröffnungstag auf der mittlerweile 80. Internationalen Grünen Woche beginnt bereits an jeder der zig Eingangstüren so, wie man es eher nicht haben will: Mit einer Tierseuchenrechtlichen Verfügung des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin. Schon schön, dass gründlich auf die Tier- und Menschengesundheit geschaut wird, könnte man meinen, aber es ist wenig appetitlich, dass Maul- und Klauenseuche, Brucellose, Schweinepest, Aujeksysche Krankheit, vesikuläre Schweinekrankheit, Geflügelpest oder Newcastle-Krankheit eben doch ein Thema sind – denn wer acht Wochen mit Tieren, die daran erkrankt sind, Kontakt hatte, darf die Messe nicht betreten. Vom chronischen Botulismus bei Kühen spricht man lieber nicht. Ute Scheub hat die Krankheit und ihre Auswirkungen für Mensch und Tier in ihrer Publikation Ackergifte, Nein Danke! noch einmal aufgegriffen. Doch daran wird der Besucher nicht denken, während er sich – unter den gigantischen Plakaten der Grünen Woche, die knackfrische Gärtnerin in lila Hotpants, das kleine Mädchen, dass sich winzig neben einer gigantischen Gans macht, der kernige Gemüsebauer mit seinen Staudentomaten – durch die bunten Hallen, im Ohr tschechischem Geigengesang und holländische Seemannschöre, blonden Frau Antjes mit reifen Gouda-Häppchen auf einen zuströmend, zwängt. Es bleibt, Halle für Halle, Land für Land, PR-Bild für PR-Bild, ein deftiger-derber Geschmack zurück.

Es ist der Geschmack von Agrarmodellen, die – trotz der Aussagen eines Weltagrarberichtes von 2008 und seiner klaren Aufforderung von rund 400 Wissenschaftlern aus aller Welt, sich vom industriellen Modell der Landwirtschaft abzuwenden, um den Welthunger in den Griff zu bekommen und anstelle dessen auf eine kleinbäuerliche Agrarpolitik und eine vehemente Ökologisierung zu setzen – eine eindeutige Linie fahren.

Von den Experten lernen – Öffentlichkeitsarbeit vom Feinsten

Der Deutsche Bauernverband wirbt, gemeinsam mit der IVA, dem Industrieverband Agrar e.V., einem Wirtschaftsverband, der die Interessen der deutschen Pflanzenschutz und Düngemittel-Industrie vertritt, in einer Sonderbeilage einer großen Berliner Tageszeitung; ermöglicht ist sie von der Fördergemeinschaft für nachhaltige Landwirtschaft. Das verwundert kaum, auch Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, sitzt bei der Fördergemeinschaft im Vorstand. Diese Sonderveröffentlichung zum „Erlebnisbauernhof 2015“ ist eine Schulung in perfekter PR. „Wir nützen und schützen aus Verantwortung“, so das Motto des Erlebnisbauernhofes. „Pflanzen brauchen Schutz“, steht am Treffpunkt „Pflanzenschutz und Pflanzenernährung“.

Pflanzen brauchen Schutz, so weit sind sich viele Malser Bürger einig, vor allem vor dem Pflanzenschutz. Doch die Message der Industrie wird in die Köpfe der Verbraucher gehämmert, so lange bis sie automatisch wieder ausgespuckt werden kann. Deswegen wird mir später in Köpenick, tief am östlichen Rande Berlins jemand sagen: „Aber die Menschen wissen doch hoffentlich, dass die Lebensmittel teurer werden, wenn man auf Pestizide verzichtet?“ Dass sich ihre Aussage auf den Verbraucher bezieht, kapiere ich schon. Doch fallen Pestizide vom Himmel? Kostenlos von dort zum Bauern, der sie anwendet? Eher nicht, ganz im Gegenteil, die Produktion von Pestiziden und Düngemitteln ist Energie-intensiv, Rohstoff-intensiv und teuer. Für lau kommen sie nicht auf den Acker.

Agrarpolitik funktioniert in Europa weiterhin nach dem Motto: Business as usual, d.h.: mehr Markt, mehr Export, mehr Wettbewerb. Pestizide werden verkauft, benutzt und immer schwingt mit: Ohne können wir die Welt nicht ernähren. Trotz des Protestes der indigenen Bevölkerung, die beispielsweise in Südamerika im Namen der Sojabohne von ihrem Grund und Boden vertrieben wird oder die in Nicaragua im Namen der Banane reihum Krebs zum Opfer fällt und in Argentinien für rätselhafte neue Hautkrankheiten der bäuerlichen Bevölkerung rund um die Gen-Soja-Felder sorgt.

Trotz des Volkswillens der Bürger im Obervinschgau, wo im Namen des Apfels und der Kirsche Wiesenflächen in Monokulturen inklusive Abdrift verwandelt werden. Trotz der Tatsache, dass in Norddeutschland Bauern und ihre Familien an chronischem Botulismus erkranken, oft nachdem die gleiche Krankheit bereits ihre Tiere hinweggerafft hatte, eine Krankheit, die übrigens auch durch den vermehrten Gebrauch von Glyphosat, einem der Hauptbestandteile von Roundup, begünstigt wird, wie zahlreiche Studien belegen.

Der Markt, der Markt! Es lebe der Markt!

Nach den Aussagen von Joachim Rukewied, dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes und dem Bundesminister für Landwirtschaft, Christian Schmidt, nach Ansagen des EU-Kommissars Phil Hogan über den Trend der EU-Landwirtschaftspolitik bis 2020, bleibt sowieso alles beim Alten. Anders ausgedrückt: es wird für viele, die sich eine andere Zukunft für Acker, Land und Boden, Kinder und Enkel, Tiere und Biodiversität vorstellen, für diejenigen, die regional einkaufen und auf die Beschaffenheit ihrer Lebensmittel achten wollen, noch viel schlimmer.

Keine Aussagen der verantwortlichen Politiker (aus der EU/Deutschland/Südtirol) scheinen darauf hinzudeuten, dass an einer enkeltauglichen Landwirtschaft, d.h. einem schonenden Umgang mit Ressourcen, Boden, einem Fördern von bäuerlichen Strukturen anstelle von Agrarriesen, einem Fördern von regionalen Kreisläufen anstelle von Wettbewerbsdrang auf einem äußerst volatilen Weltmarkt konsequent gearbeitet wird. Geplagt von klimatischen Bedingungen, die konsequent auf Vielfalt setzten müssten, fallen wir derzeit weit hinter der Notwendigkeit, die Biodiversität der Nutzpflanzen nicht weiter schwinden zu lassen, zurück. Nichts deutet darauf hin, dass eine Umkehr auch nur angedacht wird.

Kein gesundes Szenario: Weder für die Umwelt noch für den Menschen

Mit TTIP und CETA kämen – zu diesem Zeitpunkt weder absehbare und langfristig unüberschaubare – agrarpolitische Entwicklungen auf Europa zu, die einer bäuerlichen und ökologischen Landwirtschaft den Garaus machen könnten. Deswegen ist vor allem eine hartnäckig weiter vorangetriebene Aufklärung und Bildung so unabdingbar: Was bedeutet TTIP eigentlich? Warum brauchen wir Vielfalt in der Landwirtschaft? Wohin muss die Reise gehen, wenn Kinder und Enkel die Chancen haben sollen, nicht nur regional erzeugte Lebensmittel zu erwerben, sondern im besten Fall auch selbst einen Hof bewirtschaften wollen? Angesichts der weltpolitischen Lage wäre – wenn auch dieses Bild kaum ein hoffnungsvolles ist, möge man es verzeihen – eine vorausschauende Landwirtschaftspolitik, die Regionen oder gar Ländern, manchmal auch einer Talschaft die Möglichkeit gäbe, Ernährungssouveränität auf die Beine oder besser: auf den Boden zu stellen, sogar eine Verpflichtung der Politik am Bürger. Oder wie will man bei einem Versorgungsengpass (Öl) einer landwirtschaftlich geprägten Region erklären, dass die eigene Versorgung mit Lebensmitteln ähnlich prekär ist wie in großen Ballungsgebieten? Weil das, was dort angebaut wird, weder, wie oft zitiert, der Weltbevölkerung hilft – im Fall von Äpfeln sorgt der Anbau eher für einen gehörigen Weltdurchfall – noch der Bevölkerung vor Ort ausreichend Nahrung garantiert. Wie will man erklären, dass das, was dort nicht angebaut wird, aber hätte angebaut werden könnte, da ja rurales, landwirtschaftliches Gebiet, vehement verhindert wurde, da auf Masse, Monokultur und Weltmarkt gesetzt wurde? Wenn sich die Bevölkerung nicht dafür interessiert, was sie isst, wessen Produkte sie isst und wie diese hergestellt wurden, wird sich kein vielbeschworener Paradigmenwechsel vollziehen. Dann ist der Wirtschaftsfaktor Landwirtschaft eine Angelegenheit von Industrie, Finanzmärkten und politischen Entscheidungsträgern, die oft, so scheint es zumindest, lediglich kleine Figuren in einem gigantischen Weltmonopoli sind. Geworben wird mit großen Zahlen: durchschnittliche Milchleistungen einer Kuh von 22 Litern täglich, in Deutschland ist jeder neunte Arbeitsplatz mit der Landwirtschaft verbunden, die jährlich Waren im Wert von 54 Milliarden Euro produziert.

Neue Fächer für die Schulen: Regionalentwicklung und Landwirtschaft

Schulen in Europa könnten Fächer wie vergleichende Agarwissenschaften gut gebrauchen. Wenn Modelle wie Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, demokratische und diktatorische Regierungsformen in Schulen gelehrt werden, so könnten in Zukunft verschiedene Agrarmodelle im wahrsten Sinne des Wortes durchgekaut werden. In Südtirol wären die Möglichkeiten gegeben, in ihrer Ausrichtung grundverschiedene Produktionsstätten zu besuchen. EU-Landwirtschaftspolitik, Flächenprämien, Milchquoten, Subventionen, Export, Auswirkungen der Förderpolitik von Lebensmitteln, Lebensmittelspekulation an der Börse, Lobbyismus in Brüssel, die Auswüchse von Öffentlichkeitsarbeit, samt ihrer Umwandlung von Worten wie Pflanzenschutz und Nachhaltigkeit, Kostenberechnungen für die Produktion von Düngemitteln und Pestiziden, die Entstehungsgeschichte der Industriellen Landwirtschaft, die Gründe für die massive Gegenwehr von Bauern aus ganz Europa gegen die aktuelle Landwirtschaftspolitik der EU, gegen TTIP und CETA, Massentierhaltung, Arzneimitteleinsatz bei der Tierhaltung, Auswirkungen des vermehrten Fleischkonsums, Aquakulturen, Überfischung der Meere, Lebensmittelsicherheit, Saatgut, Forschung, freie Forschung, Lehrstühle an Universitäten der Pharmaindustrie, die verschiedenen Ansichtsweisen zu Pestiziden und gentechnisch manipulierten Pflanzen, Bodengesundheit…

Sie alle wären Themen, die in die Schulen und keineswegs nur in die Landwirtschaftsschulen gehören. Sie gehören in die Köpfe der Menschen: Verbraucher sind wir alle. Der Kritische Agrarbericht, herausgegeben vom AgrarBündnis, ist ein guter Anfang, sich mit der Thematik gründlich zu befassen. Er legt den Finger tief in die Wunde der deutschen, aber auch der europäischen Agrarpolitik. Warum eine Wende gefordert wird, legen die Autoren ebenso klar dar. Und wer etwas sucht, womit man leichter verdaulich einsteigen kann, der beginnt mit Ackergifte? Nein Danke! (Ute Scheub: Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Think-oya.de). Wenn digitale Medien mittlerweile an den Schulen als Arbeitsmittel angekommen sind, könnte damit begonnen werden, die Lehrstoffe zu aktualisieren. Über solche Lehrstoffe würden vielleicht neben den Kindern auch die Eltern verstehen, warum viele Menschen in ganz Europa das Pestizid Glyphosat im Urin haben. Wo die Petersilie herkam, die sich so hartnäckig zwischen Zähnen einlagerte, habe ich übrigens nicht herausgefunden.

 

Katharina Hohenstein

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