Soziale Regelsysteme wirken als Synchronisatoren menschlicher Gemeinschaften | Interessanter Grundsatzartikel des Zukunftinstituts

Ich weiß nicht mehr genau, bei welcher virtuellen Gelegenheit mir Andrea Tretner begegnet ist. Ich grüble gerade, schaue mir ihr Facebook-Profil noch einmal an. Es war wohl über gemeinsame Facebook-Bekannte aus der bayrischen Neue-Volksmusik-Szene, dass wir uns mal über Monitor und Tastatur gelaufen sind.

Matthias Horx
Der Kopf des Zukunftsinstituts, Matthias Horx

Sei’s drum! Auf jeden Fall verdanke ich Andrea Tretner – die eine sehr gescheite Frau sein muss – einen Hinweis auf das Zukunftsinstitut, von dem ich zwar seit einer Begegnung mit Matthias Horx bei den Toblacher Gesprächen tief im Hinterkopf etwas wusste, mit dem ich mich aber nie intensiv beschäftigt habe.

Ein Fehler, wie ich nun meine. Und ich danke meiner Facebook-Freundin für den Anstoß. Sie hat im „Social Medium par excellence“ – auf Facebook – auf einen sehr interessanten und dichten Artikel zum Thema „Wie funktioniert soziale Innovation“ verwiesen, den man auf der Webseite des Zukunftsinstitutes lesen kann. Der Artikel ist dem TREND UPDATE 08/2013 entnommen.

Ich lege den Artikel jedem Leser ans Herz, der in das Thema „Soziale Innovation“ einsteigen möchte. Er enthält eine ganze Reihe zentraler Thesen zum tiefgreifenden Wandel, den wir alle heranziehen spüren, den wir aber irgendwie (noch) nicht erfassen können.

Ich greife hier ein paar zentrale Thesen heraus, um Lust auf mehr zu machen:

Soziale Innovation fand also im Laufe der Geschichte immer wieder statt – das menschliche Sozialsystem passte sich den Ökonomien an und umgekehrt. Oft wurden neue Sozialordnungen von Rebellen initiiert, im Kampf gegen Herrschaft und Unterdrückung. Immer wieder entstanden Gegen-Gesellschaften, in denen neue Regelsysteme ausprobiert wurden – vom Auszug der Juden aus Ägypten bis zu den Freimaurern und Landkommunen.

Soziale Regelsysteme wirken als Synchronisatoren menschlicher Gemeinschaften. In ihnen wird das Wechselspiel von Interessen und Gruppen, Individuum und „Staat“ (Gemeinwesen), aber auch die symbolische und die materielle Ebene koordiniert.

Das 20. Jahrhundert brachte dann jene sozialen Großexperimente hervor, die in Form von Tyrannis und Katharsis die Grenzen sozialer Innovationen aufzeigen sollten. Der Faschismus lässt sich, ebenso wie die mörderischen Neue- Menschen-Versuche des Kommunismus, als Versuch lesen, Gesellschaft als Totalität zu organisieren – also alle gesellschaftliche Selbstorganisation zu unterbinden, alles unter eine zentrale Kontrolle zu stellen. Top-Down-Experimente, in denen der Mensch aufs Ganze radikal „umorganisiert“ werden sollte.

Ähnlich wie technologische Innovationen setzen auch Sozialinnovationen viele graduelle „Mikroinnovationen“ voraus: Wertewandel-Prozesse, neue Kommunikationsformen, symbolische Neu-Codierungen. Erreichen diese graduellen Prozesse einen kritischen Punkt, können sich Sozialinnovationen kaskadenhaft ausbreiten und zu einem großen Freiheits- und Systemgewinn führen.

Inklusion heißt hier, zunächst den Betrachtungsrahmen zu verschieben, in Richtung einer „Anerkennung des Anderen“. Soziale Inklusion beginnt somit mit einer Rechtedebatte, die die Definitionsmacht der alten Mehrheit infrage stellt.

Im Kern der sozialen Innovation geht es immer um bessere Vernetzung.

Systemisierung meint die Professionalisierung des sozialen Innovationsprozesses selbst. Und die Erkenntnis: Wir brauchen auch für soziale Innovationen ein ökonomisches Modell. Statt durch Gefühle und Erregungen wird der soziale Innovationsprozess durch Erfahrung und Monitoring gesteuert.

In der Zukunft der Sozialinnovationen geht es nicht mehr nur wie in der „Sozialinnovation 1.0“ um neue Institutionen und Gesetze. Es geht um Vernetzungen und Kooperationen zwischen Individuen, um Rückkopplungen, die das Verhalten des Einzelnen „validieren“. Soziale Innovationen handeln dabei immer von der Emanzipation aller Beteiligten – und der Frage, wie man kooperatives, produktives Verhalten belohnt, ohne es zu „kaufen“.

Wenn Bildung nicht zu Kulturtechniken der Inklusion führt, ist sie nutzlos. Armut ist eine Kultur, die sich aus bestimmten Kommunikations- und Selbst-Exklusionsformen speist. Arme Menschen in Wohlstandsgesellschaften haben als häufigstes Handicap einen Mangel an sozialer Vernetzung und Selbstkompetenz.

Demokratie wird als eine ewige Wohngemeinschaft gesehen, in der alles von jedem ständig diskutiert werden kann. Das Resultat ist der ewige Shitstorm. Eine Klage- und Beschimpfungsorgie, in der das Politische selbst zerstört wird, weil sich die Sensibleren aus der Rüpelei zurückziehen.

Das Problem, mit dem uns das Internet im Politischen konfrontiert, ist seine radikale Entkopplung von Emotion und physischer Präsenz. Elektronische Netze machen Distanz möglich, aber diese Distanz kann auch entzivilisieren, wie der Trend zum Shitstorm beweist.

Soziale Innovationen erfordern ein neues Denken über Zusammenhänge, Rückkopplungen und Anreizsysteme. Es geht um ein „Sozio-Engineering“, das seine Erkenntnisse aus der Praxis zieht, aber auch aus Erkenntnissen der System- und Spieltheorie. Auf richtige Weise konfiguriert, entsteht aus der Interaktion von Menschen effektivere Kooperation. Es geht um neue Symbiosen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Es geht darum, die vier „Hauptplayer“ auf dem sozialen Feld neu zu vernetzen: Zivilgesellschaft, Individuum, Wirtschaft und Staat. Dieser „Vierte Weg“ ist der Kern einer neuen sozialen Kultur, die sich davon verabschiedet, immer nur „die Anderen“ oder „die Politik“ oder „das System“ verantwortlich für Missstände zu machen. In einem solchen neuen, symbiotischen Denken wird vieles möglich, was in der alten Klassengesellschaft schwierig war. Individualität und Gerechtigkeit. Selbstorganisation und Freiheit. Wir leben in einer neuen Ära sozialer Experimente, in denen die Pioniere heute heißen: Soziale Netzwerke, Car-Sharing und Flat-Sharing, Cofounding, Coworking, Cohousing. All dies sind soziale Innovationen, Prototypen einer neuen Kooperationskultur.

Mit diesem Themenkomplex werde ich mich nächstens sehr intensiv beschäftigen. Im November diesen Jahres wird es in Bruneck Veranstaltungen des UFO/Zigori-Clubs geben, die sich mit „Sozialer Innovation“ beschäftigen. Näheres in Kürze.

 

 

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2 Kommentare zu „Soziale Regelsysteme wirken als Synchronisatoren menschlicher Gemeinschaften | Interessanter Grundsatzartikel des Zukunftinstituts

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