Abschied vom Wachstumsdogma | Serge Latouche zeigt die Grenzen des Neoliberalismus auf

Die Begegnung mit Serge Latouche in der sehr gut besuchten Aula Magna der Universität in Brixen war interessant und anregend. Ich kannte ihn schon von einer Begegnung in Bozen und seine Aussagen waren für mich nicht neu. Es ist aber immer wieder sehr nützlich, einen gesamten Themenkreis – im Fall von Latouche die Kritik des Wachstumsdogmas im neoliberalen Wirtschaftssystem – auf eingängige und systematische Weise aufbereitet zu bekommen.

Latouche Brixen Foto Lorenz spricht
Rektor Walter Lorenz begrüßt Serge Latouche. Neben Serge Latouche sitzt Prof. Susanne Elsen, die in Brixen im Bereich der Sozialwissenschaften hervorragende Arbeit leistet und Francesco Comina, der mit dem Friedenszentrum/Centro della Pace eine für Südtirol eminent wichtige Institution aufgebaut hat.

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Latouche fasste eingangs die Geschichte des Wachstumsdogmas zusammen und wies dann für mich stimmig nach, dass unser Wirtschaftssystem in einer Sackgasse gelandet ist, aus der es sich nicht mehr befreien kann. Der „Terrorismus des Zinseszinses“ tut ein übriges dazu, die Aussichtslosigkeit jeglicher Rettungsversuche zu verstärken.

Für mich waren die Hauptaussagen von Latouche dann die folgenden:

– Wir leben in einer selbst erklärten Wachstumsgesellschaft ohne Wachstum – das ist die fundamentale Krise.

– Wir haben schon seit Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts kein substanzielles Wachstum mehr.

– Die Entfesselung der Finanzmärkte führt zu einer Art fiktivem Wachstum.

– Nur qualitatives Wachstum ist noch verantwortbar.

– Die dem neoliberalen System innewohnende Konkurrenz-Obsession führt zuerst zum Wirtschaftskrieg und dann zu Kriegen.

– Die führenden Wissenschaftler wissen das, äußern sich aber erst dazu, wenn sie aus dem System aussteigen.

– Lokalisierung/Regionalisierung kann zu einer De-Globalisierung führen.

– Das neoliberale Wirtschaftssystem ist ein komplexes Instrument, um den global wirkenden US-Imperialismus zu unterstützen.

Die Wachstumsrücknahme (ein m.E. im Deutschen unpassender Begriff, aber es wurde noch kein besserer entwickelt) ist als Ausweg eine realistische Perspektive, während die Heilsversprechen der neoliberalen Wirtschaftsdogmen sehr utopisch bis absolut unrealistisch sind.

Ein interessanter Aspekt kam bei der Beantwortung einer Frage aus dem Publikum zu Tage: Auf die Frage nach den wesentlichen Etappen seiner Karriere betonte Latouche, dass er nach einer Positionierung als marxistischer Wirtschaftswissenschaftler Professor wurde und man ihn arbeiten ließ.

So konnte – schließe ich daraus – trotz eines gegenläufigen Mainstreams eine Denkschule aufgebaut werden, die nun das Zeug hat, Auswege aus den Krisen aufzuzeigen.

Heute wäre eine solche Karriere nur mehr sehr schwer möglich, die Konzerne greifen direkt auf die Universitäten zu, die Ausbildungswege sind verschult und die Abhängigkeit von Drittmitteln verhindert die Heranbildung alternative Denkschulen, sofern diese nicht durch Stifterwillen oder die Zivilgesellschaft gefordert und gefördert werden.

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