Wirkt noch heute | Nazis und Faschisten im Dienst der globalen US-Interessen

Ich habe in diesen Tagen zufällig eine höchst interessante und auch brisante ARTE-Dokumentation entdeckt. „Dienstbereit – Nazis und Faschisten im Dienst der CIA“ lautet der Titel der packenden Doku, in der es vor allem darum geht, wie die amerikanischen Geheimdienste Nazi-Kriegsverbrecher und führende Faschisten aus Italien weltweit für ihre Zwecke eingesetzt haben.

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Sehr aufschlußreich und beunruhigend ist der Teil, der sich mit dem 1970 in Italien versuchten Rechtsputsch beschäftigt, der mir nur wenig präsent ist, obwohl ich damals schon acht Jahre alt war. In der Doku kommt der Gründer von „Avanguardia Nazionale“, Stefano Delle Chiaie, vor, der zeitlebens ein unverbesserlicher Faschist geblieben ist.

Die Dokumentation zeigt auf, auf welche Weise die US-Administration in diesen Rechtsputsch und in die neofaschistischen Aktivitäten verwickelt war, bzw. diese auch gezielt gesteuert hat. Im Kalten Krieg war Italien zu einem unwägbaren Risiko für die Weltmachtansprüche der USA geworden. Schon bei den Wahlen im Jahr 1948 gab es die begründete Aussicht, dass die italienischen Kommunisten die Mehrheit erreichen könnten.

Um die Geheimdienstoperationen der USA zu finanzieren und die antikommunistischen Kräfte in Italien zu stärken, verwendete die US-Regierung die um Rahmen der Operation „Save Haven“ beschlagnahmten Goldbestände und Devisen, ohne je einen Gedanken daran zu verschwenden, die geraubten Wert den rechtmäßigen Eigentümern zurückzuerstatten oder deren Opfer zu entschädigen.

Hier gibt es auch einen Südtirol-Bezug, der im Film nicht vorkommt. Denn es ist davon auszugehen, dass die im September 1943 in der Franzensfeste eingelagerten Gold- und Devisenbestände der Banca d’Italia, die zwischen Februar und April 1944 nach Norden verbracht wurden, im Rahmen der Aktion „Save Haven“ in den Besitz der US-Truppen gekommen sind.

Sehr interessant und aufschlußreich sind die Passagen im Film, in denen es um die in Italien aufgestellte Geheimorganisation „Gladio“ geht, die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg als Partisanentruppe ausgebildet wurde, um im Fall einer kommunistischen Machtübernahme militärische Aktivitäten in Italien durchzuführen. Viele der Gladio-Kämpfer waren Mitglieder der berühmt-berüchtigten Kampfschwimmertruppe „Xa Flottiglia MAS“, die seinerzeit von Junio Valerio Borghese angeführt worden war und die für ihre mutigen und gefährlichen Kommandoeinsätze von den Amerikanern gefürchtet wurde. Borghese wurde von den Amerikanern in ihre Dienste übernommen und konnte unter ihrem Schutz zu einem führenden Neofaschisten aufsteigen, der unter anderem 1968 den „Fronte Nazionale“ gründete.

„Gladio“ wäre 1948 bereit gewesen, militärisch einzugreifen, wenn die Kommunisten an die Macht gekommen wären. Die geheime Sondereinheit kam aber nicht zum Einsatz, weil die Kommunisten die Wahlen verloren.

In der Doku kommt auch die Ermordung des italienischen DC-Politikers Aldo Moro vor, der im März 1978 von den „Roten Brigaden“ entführt wurde und nach 55 Tagen tot im Kofferraum eines Autos in Rom gefunden wurde. Im Film wird die These vertreten, Moros Tod hinge mit der Verwicklung zahlreicher Geheimdienste in die Entführung zusammen, die Moros Absichten unterlaufen wollten, Italien auf einen „dritten Weg“ jenseits der Zweiteilung der Machtsphären von Jalta zu führen.

Zurück zum 1970 geplanten Rechtsputsch geht die Doku in der Folge auf die Rollen von Giulio Andreotti und Licio Gelli ein. Giulio Andreotti wird als „Statthalter der Amerikaner“ bezeichnet, Licio Gelli als Mitarbeiter amerikanischer Geheimdienste. Sie werden als die Drahtzieher des Putschversuches bezeichnet.

Der bis ins kleinste Detail geplante Putsch wurde – offenkundig durch ein Telefonat aus Andreotti-Kreisen – im letzten Augenblick gestoppt. Die beteiligten Faschisten Delle Chiaie und Borghese tauchten in Südamerika unter und werden in der Doku in einen Zusammenhang mit dem Pinochet-Putsch gegen Salvador Allende im September 1973 gebracht. Delle Chiaie und Borghese konnten offenkundig von Chile aus ungehindert und mit Unterstützung des Pinochet-Geheimdienstes DINA und amerikanischer Stellen die Aufbauarbeit für einen weltweiten Faschismus vorantreiben, der in einen dritten Weltkrieg münden sollte – bis die Amerikaner befürchten mussten, ihren Einfluss auf die südamerikanischen Diktatoren einzubüßen und die Kontrolle über den terroristischen Antikommunismus zu verlieren.

In Chile entstand die „Colonia Dignidad“ als Herzstück der faschistischen Aufbaubemühungen und hier schließt sich der Kreis mit den Alt- und Neo-Nazis deutscher Herkunft. Als Riesenfarm getarnt, war es in Wirklichkeit ein Folterzentrum und eine Forschungs- und Produktionsstätte für Giftgas und Kampfgifte.

Von Chile aus wurde auch der Putsch in Bolivien im Jahr 1980 unterstützt, bei dem General Garcia Meza an die Macht kam und die Kooperation zwischen Faschisten und Mafia besiegelte. Dabei trat der „Schlächter von Lyon“ Klaus Barbie als wichtiger Drahtzieher in Erscheinung.

Barbie stand in den Diensten amerikanischer Geheimdienste, ihm wird eine wichtige Rolle in der „Operation Condor“ zugeschrieben, bei der über 50.000 Menschen getötet wurden. Immer mittendrin: Henry Kissinger, der über alles Bescheid wusste und die unheilige Allianz der Faschisten gewähren ließ.

Diese finanzierten sich neben US-Quellen vor allem aus der Kokain-Produktion und dem Kokain-Handel. Bei der Finanzierung faschistischer Aktivitäten taucht auch der Schweizer Bankier Francois Genoud auf, der ein großer Bewunderer der Nationalsozialisten war und der in vielfältiger Weise in wichtige Finanztransaktionen des Nazi-Regimes eingebunden war – und der auch dafür gesorgt haben soll, dass hohe Nazi- und SS-Vermögenswerte nach dem Krieg nach Südamerika transferiert wurden, um die geflüchteten Nazis zu versorgen. Später spielt Genoud auch eine Rolle bei der Finanzierung der Aktivitäten des berüchtigten Terroristen Carlos und der Attentate palästinensischer Terroristen – bis hin zum Olympia-Attentat in München.

Es ist der Zynismus der Geschichte, dass dabei wohl auch Vermögenswerte ermordeter Juden und Antifaschisten verschwanden und in diesem Lichte ist auch die Karriere des Südtiroler Nazis Karl Nicolussi Leck zu hinterfragen, der nach 1949 in Südamerika „sein Glück gemacht hat“ und als wohlhabender Mann nach Südtirol zurückkehrte.

Im Schlußteil geht die Doku auf die Agententätigkeit von Paul Dickopf ein. Dickopf war ein schwer belasteter Nazi-Kriegsverbrecher, der kurz vor Kriegsende beim amerikanischen Geheimdienst anheuerte und dann zu einer wichtigen Person in Deutschlands Innerer Sicherheit wurde: Er war in den Sechziger-Jahren Präsident des Bundeskriminalamtes und wurde später Chef von Interpol. Gleichzeitig spionierte er im Dienst der Amerikaner und informierte sie vor allem über die Tätigkeiten von Willy Brandt, der den Amerikanern als Sozialdemokrat und Selberdenker suspekt war.

Weitere beunruhigende Details gelangen an die Öffentlichkeit: Dickopf ist mit Genoud befreundet. Der wichtigste Polizist der Welt und der Finanzier und Profiteur der Terroristen, die damals bis zu 30 Flugzeuge pro Jahr entführten stecken unter einer Decke – mit Wissen der US-Administration!

Und heute erleben wir die Nachfahren dieser unheiligen Allianzen als die großen neoliberalen Sieger über den Weltkommunismus, über tatsächliche oder einfach nur erfundene Feinde.

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2 Kommentare zu „Wirkt noch heute | Nazis und Faschisten im Dienst der globalen US-Interessen

  1. In diesem Zusammenhang wären auch Geheimdienstaktionen in den 60er Jahren intressant zu beleuchten, allen voran das „Attentat“ auf der Porze Scharte

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