Spannender Kulturaustausch | Die Guaranì besuchen Südtirol

Ein Gastbeitrag von Robert Ladurner (Danke, Robert!)

Bereits seit 8. Oktober und noch bis 4. November sind vier Vertreter des Volkes der Guaranì des Reservates M’Biguacu aus dem Süden Brasiliens zu Besuch bei uns in Südtirol. Es handelt sich dabei um eine ganz besondere kleine Gruppe, nämlich um einen Häuptling und drei Medizinmänner eines indigenen Stammes, deren Besonderheit ist, dass sie ihre Jahrtausende alte Kultur immer noch bewusst pflegen und leben. Die Entscheidung, zum ersten Mal ihr Land zu verlassen, hatten die Guaranì aufgrund mehrerer „Visionen“ getroffen.

Für einen Europäer mag diese Art, eine Entscheidung zu treffen, fremd sein. Vereinfacht ausgedrückt und damit verständlicher für uns ist, wenn wir es damit vergleichen, dass die Gauranì „gespürt“ haben bzw. die Zeichen erkannt haben, dass nun der richtige Moment ist, diesen Schritt zu wagen und zum ersten Mal eine Reise anzutreten, deren Ziel außerhalb Brasiliens liegt, um den Schatz ihrer überlieferten Kultur zu teilen und den Austausch zu wagen.

Guarani2Häuptling Hyral Moreira, sein Sohn Allan, Kuaray Mheemry Mirim (Santiago) und Alexsander Vacaro bei einem Gebetsgesang auf der Terrasse des Berggasthofes „Klammeben“ im Hirzer Wandergebiet, am Sonntag 8. Oktober (Foto von Robert Ladurner)

Wie anders die Guaranì leben als wir, konnten wir bei verschiedenen Gelegenheiten erleben und wie viele falsche Vorstellungen wir voneinander hatten, auch. So waren die Gauranì überzeugt, dass sie in Europa sehr wenig zu essen bekommen werden und ich war wohl genau so erstaunt darüber, dass sie alle einen facebook-account haben. Hyral Moreira, der Häuptling, hat mir erklärt, dass die moderne Technologie für sie ein Segen ist, denn damit können sich die einzelnen Stämme untereinander austauschen, was auch ein besserer Schutz für sie ist, sollten Großgrundbesitzer wieder einmal versuchen, sie mit Gewalt von ihrem angestammten Land zu vertreiben.

Gesprächsrunde

Gesprächsrunde im Mädchenheim „Maria Ward“ in Meran am 29. Oktober 

Besonders spannend sind die Geschichten, die die Guaranì immer wieder erzählen, schließlich, so Alexsander Vacaro, ein Brasilianer weißer Hautfarbe der nun schon seit zwei Jahren im Reservat bei den Guaranì lebt und inzwischen auch ein Medizinmann ist, sind sie ein „Volk der Geschichtenerzähler“. Und ich gebe es gerne zu: die Guaranì sind wahre Meister darin, ein tiefere Moral in eine schöne Geschichte zu verpacken. Als er uns beispielsweise erzählte, wie es dazu kam, dass ein weißer Brasilianer mit seiner französischen Ehefrau in einem Reservat lebt, schilderte er, dass er anfangs eine Mischung aus Neugierde und Anziehung für die Guaranì empfand und dann immer mehr den Kontakt suchte, bis er und seine Frau schließlich über Jahre beinahe jedes Wochenende im Reservat verbrachten. Irgendwann fragten sie dann ihre Freunde, warum sie nicht gleich dort hin zogen, anstatt jedes Wochenende über 100 km hin und wieder zurück zu fahren. Als nach weiteren Monaten der Bedenkzeit Alexsander, seine Frau und die Guaranì sich einig waren, dass sie ins Reservat ziehen würden, wollte Alexsander dieses freudige Ereignis als allererstes dem 108jährigen Vater des Häuptlings erzählen, verbanden sie doch inzwischen viele Gespräche und eine tiefe Freundschaft. Daher malte er sich schon in den schönsten Bildern aus, wie sich der alte Mann über diese vielleicht längst überfällige Entscheidung freuen würde. Als er den Häuptlingsvater antraf, saß dieser auf dem Boden, Alexsander stand vor ihm und berichtete ihm mit Begeisterung von seiner Entscheidung. Der Häuptling sah ihn an, hob seine Hand, streckte den Zeigefinger aus und sagte zu ihm: „aber dass du dich dann ja ordentlich benimmst!“

So unvorhersehbar diese Reaktion zu sein schien, geht es wohl darum, dass sich dieser kleine Stamm (im Reservat leben derzeit 125 Menschen) und mit ihnen das ganze Volk, schützt. Um den vier Guaranì die Möglichkeit zu geben, auf die Situation der indigenen Völker in Brasilien aufmerksam zu machen, organisierten wir verschiedene Treffen: mit Vertretern aus Politik, darunter einigen Bürgermeistern und Landtagsabgeordneten oder Institutionen wie der Eurac und Vertretern der Kirche. Faszinierend dabei fand ich, dass egal, wohin die vier Guaranì kamen, es ihnen immer gelang, die Herzen der Menschen anzusprechen.

Neben den offiziellen Treffen nahmen sich die Guaranì auch die Zeit für Einzelgespräche für Menschen, die ihren Rat suchten, für Gesprächsrunden, an denen teilweise jeweils an die 50 Teilnehmer gezählt wurden. Hier tauschten sich alle beim Rauchen der traditionellen Pfeife (Petygua) aus, ein „entschleunigtes“ Zusammentreffen, wo die Worte genau so wichtig waren, wie zu spüren, was jede/r zu sagen hatte. Außerdem luden die Guaranì mehrmals zu sogenannten „Schwitzhütten“. Ein Höhepunkt ihres Besuches aber waren zwei traditionelle Zeremonien, die jeweils eine ganze Nacht lang dauerten. Für alle, die dabei waren, sicherlich ein unvergessliches Erlebnis. Die Guaranì betonten immer wieder, dass alle diese Erlebnisse und die Begegnung mit jedem einzelnen noch über Generationen in ihren Geschichten weiterleben werden.

Doch es gab auch sehr traurige Momente während ihres Besuches: so haben sie während ihres Aufenthaltes bei uns erfahren, dass das Brasilianische Parlament dabei ist, eine Verfassungsänderung zu genehmigen, laut welcher die Besetzung der Ländereien durch indigene Völker einem erneuten Prüfungsverfahren unterzogen werden kann, wenn Zweifel über ihre Rechtmäßigkeit aufkommen sollten. Damit wären alle erworbenen Rechte und Sicherheiten wieder in Frage gestellt. Dieses Vorhaben läuft in Brasilien unter der Kennung PEC215. Schlimm war es auch, als uns der Häuptling erzählte, dass viele Großgrundbesitzer immer wieder paramilitärische Söldner anheuern, um die Häuptlinge seines Stammes zu töten und die Menschen zu vertreiben, um sie ihrer Ländereien zu berauben. Wenn man sieht, mit welcher Einfachheit und Naturverbundenheit diese vier Guaranì leben, dann ist es beinahe unerträglich, mit anzusehen, wie grausam mit ihrem Volk umgegangen wird.

Aber anstatt darüber zu jammern, zeigten sie uns immer wieder, worum es im Leben wirklich geht: das Leben zu feiern und seine Schönheit zu „zelebrieren“.

Es war ein Austausch, der auch mich tief geprägt hat und der eine Verbindung aufgebaut hat, die unauslöschlich ist.

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Robert Ladurner mit Guaranì-Pfeife

Robert Ladurner, Jahrgang 1972, von Beruf Gemeindesekretär; Mitglied der „Be-the-Change-Community“, einer weltweiten Bewegung, die sich für eine ökologisch nachhaltige, sozial gerechte, und sinnerfüllte Welt einsetzt. www.be-the-change.de

https://www.facebook.com/robert.ladurner?fref=ts

ZUR VERTIEFUNG

Nähere Infos über die Guaranì:
http://www.survivalinternational.de/indigene/guarani

Zur Verfassungsänderung in Brasilien zu Lasten der indigenen Völker:
http://www.survivalinternational.de/emails/pec215-stoppen

Über den Besuch der Guranì Indios aus Brasilien in Südtirol
https://www.facebook.com/events/1005860016125530/Ein

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