„Aufgabe der Zivilgesellschaft, sich einzubringen“ | Hans Herren redet Klartext in Mals

Ein Gastbeitrag von Katharina Hohenstein, für den ich mich sehr herzlich bedanke!

Alternativer Nobelpreisträger, geschäftsführender Präsident des Millennium-Institutes, World-Food-Preisträger und Präsident der Stiftung Biovision: Der Schweizer Agrar- und Insektenforscher Hans Herren bestätigt in seinem Vortrag „Kurswechsel in der Landwirtschaft – Weiter wie bisher ist keine Option“ die Malser Bevölkerung in ihrem Weg in eine pestizidfreie Zukunft.

 

Es war unerwartet und für viele Malser einfach traumhaft. Südtiroler Landespolitiker strömten am 3. Februar in Scharen und stellten in der anschließenden Diskussion mit Hans Herren in der Aula Magna des Malser Oberschulzentrums neugierige Fragen, vor allem zur Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit einer möglichen Umstellung der Südtiroler Landwirtschaft in eine ökologisch sinnvolle, wirtschaftlich rentable, vielseitige und allen Teilen der Gesellschaft zuträgliche Form des Landbaus.

Einer nach dem anderen, Gesundheits- und Tourismuslandesrätinnen, Umwelt- und Landwirtschaftslandesräte wetteiferten vor rund 500 Interessierten um die Aufmerksamkeit des Wissenschaftlers. Ich! Ich! Ich! schienen die aufgeregten, in die Höhe gereckten Arme ausdrücken zu wollen: Ich bin politischer Entscheidungsträger, ich kann damit etwas anregen und viel bewegen und am Ende sogar die Welt retten!

Denn auf viele der möglichen und in jedem Fall auf alle der gestellten Fragen hat Hans Herren auch deswegen eine Antwort, weil er sich seit fast einem halben Jahrhundert mit biologischem Landbau und mit den zahlreichen Insektenarten in Feld und auf dem Acker beschäftigt, weil er als CEO des Millennium-Institutes über 40 Länder berät, wie Wege zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beschritten werden können und weil er einer der 400 Wissenschaftler ist, die ihre Erkenntnisse und ihr Wissen in den Weltagrarbericht 2008 fließen ließen.

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Hans Herren mit Vinschger Umweltaktivisten auf dem Tartscher Bühel. Er ist gerne der Einladung der Umweltgruppe Vingschgau gefolgt, in Mals zu sprechen                                (Alle Fotos: Katharina Hohenstein)

 

I must have had a dream

Schön wär’s gewesen, doch das Interesse der Südtiroler Landesregierung war lediglich geträumt. Tatsache am kalten Februarabend war: Eine grüne Abgeordnete fand den Weg in den windigen Obervinschgau und der Malser Bürgermeister kündigte am Ende der Veranstaltung das Umsetzen der pestizidfreien Gemeinde an.

Der Südtiroler Bauernbund schickte keinen offiziellen Vertreter, aber der persönliche Referent von Arnold Schuler, Landesrat für Landwirtschaft, Peter Möltner, wurde aus Bozen gesandt und erklärte, der Landesrat wolle die nachhaltige Landwirtschaft stärken; einige Kontaktpunkte zur Arbeit von Hans Herren, so Möltner, „gibt es ja bereits, wenn man sich beispielsweise die Maikäferbekämpfung im integrierten Obstbau in den 80er Jahren mit Hilfe eines Pilzes ansieht“.

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Eine der Kernbotschaften des Schweizer Botschafters für eine nachhaltige Agrarökologie ist, dass dieser Kurswechsel am besten gestern stattgefunden hätte. Und weil er das nicht tat, dann wenigstens jetzt. So dringend ist die Situation des Klimawandels, als deren Verursacher zu über 50 Prozent das industrielle Nahrungssystem gilt; es produziert weit mehr CO², als aufgenommen und gebunden werden kann. Es zählt jedoch gleichzeitig zu denjenigen Verursachern, die sofort und, wie Herren mehrmals betonte, wirtschaftlich und organisatorisch machbar, umstellen könnten.

Was es braucht? Eine Landwirtschaft, die auf kleine, geschlossene Kreisläufe setzt, Arbeitsplätze schafft, regionale und gesunde Lebensmittel produziert und die Böden im Laufe der Zeit besser zurück lässt als der Bauer sie vorfand.

Nur einer nachhaltigen Landwirtschaft kann gelingen, die immensen CO² -Vorkommen in der Atmosphäre wieder zurück in die Böden zu binden. Also worauf wartet die Welt? Auf Politiker mit Mut zur Umstellung und einer zu Taten anspornenden Erkenntnis, dass Hans Herren und die 399 weiteren Verfasser des Weltagrarberichtes womöglich recht haben könnten. Gerade Südtirol, so Herren, täte sich leicht, einen solchen Schritt durchzuführen.

Kluge Köpfe haben in den letzten Jahren Computerprogramme entworfen, die Zukunftsszenarien für Regionen durchspielen können. Und das keineswegs nur als optische Darstellungen einer kultivierten Landschaft ferner Tage, sondern z.B. mit Werten, die Rückschlüsse zulassen, wieviele Arbeitsplätze in Landwirtschaft, Handel und Tourismus gewonnen würden, welche Veränderung der Kulturlandschaft und der Biodiversität, welche Einsparungen in Energieaufwand und Veränderung der Volksgesundheit langfristig zu erwarten wären. Ein ideales Instrument für jeden Entscheidungsträger. Eigentlich.

Stillstehen ist nicht. In Zusammenhängen denken sehr wohl.

Die Forschung im agrarökologischen Bereich, so weit sie heute sein mag, muss weitergehen. Etliche Forschungseinrichtungen an Universitäten und Thinktanks bleiben jedoch unter dem Einfluss der Industrie, die sie finanziert. „Auch diese Seilschaften“, so Herren, „müssen öffentlich gemacht werden“. Herren macht deutlich, dass die Bauern, wenige Landwirtschafts-Riesen und die Topakteure der Chemie-, Gentech- und Saatgutkonzerne ausgenommen, eigentlich alle in einem Boot sitzen. Denn sie sind es, die in Abhängigkeiten getrieben werden. Die Gewinnerin des großen Absahnens ist nur eine: die Industrie.

Deswegen wird Herren mit dabei sein, wenn dem Konzern Monsanto in Den Haag ein Schauprozess mit dem Vorwurf des Ökozids gemacht wird. Die Menschen sollten wissen, welche Verbrechen Monsanto begehe, sagt der Wissenschaftler, nun kurzzeitig die Herren’sche Gelassenheit hinter sich lassend: „Missbildungen bei Kindern in Argentinien, schwere Krankheiten in Brasilien, unfassbares Leid: all das wegen Monsanto’s Pestiziden und kurzfristigem Profitdenken“. Das Tribunal soll vom 12. bis zum 16. Oktober mit Hilfe dieses Prozesses evaluieren, was dran ist an den Vorwürfen gegen das Riesenunternehmen mit Sitz in St. Louis. Der Vorwurf Ökozid hat in diesem Fall Auswüchse – so groß wie Besenwuchs, Feuerbrand und Prozessionsspinner gemeinsam: dauerhafte Schäden an der Umwelt durch Pestizide, dauerhafte Schäden an der Biodiversität und dauerhafte Schäden am Menschen, dauerhafter Beitrag zur globalen Erwärmung, Vertreibung von Kleinbauern und Bedrohung der Nahrungssouveränität ganzer Länder.

Die Produkte im Visier sind PCB, das in Europa verbotene Lasso und die 2,4,5-T-Säure, sowie das in Südtirol häufig verwendete Produkt Roundup, das am meisten verwendete Totalherbizid weltweit. Der Wirkstoff Glyphosat wurde im vergangenen Jahr von der IARC (Internationales Institut für Krebsforschung), einem Zweig der WHO, als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen eingestuft. Monate später rückte die EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) das angekratzte Image von Roundup in der Öffentlichkeit wieder zurecht. Bis Mitte des Jahres 2016 wird die EU entscheiden, ob Glyphosathaltige Stoffe wie Roundup weiterhin zugelassen werden.

Energie, Nahrung, Flüchtlinge

Vernetzt denken muss nicht immer global handeln bedeuten. Die Erkenntnisse des Weltagrarberichtes zusammengefasst, sieht Herren vor allem in kleinen Kreisläufen die Chance, nachhaltig zu wirtschaften und bescheinigt der industriellen Landwirtschaft nicht nur, dass sie den weltweiten Hunger, den sie angeblich verhindern will, selbst fördert und herbeiführt, sondern auch, dass die daraus entstehenden Produkte in etlichen Ländern Übergewicht (1,4 Milliarden Betroffene weltweit), das wiederum zu Diabetes, Schlaganfällen, Bluthochdruck und Mangelernährung führt, hervorruft.

Doch wenn genug Nahrung da ist, wie Herren behauptet, warum wird die Welt nicht satt? Alleine die Hälfte der Weltgetreideproduktion geht nicht an Menschen, sondern ist Tierfutter, Treibstoff oder wird als Industrieprodukt weiterverarbeitet. 40 Prozent aller produzierten Lebensmittel, die als Menschennahrung dienen sollen, landen im Müll. Die Verschwendung beginnt bei der Produktion und endet beim Verbraucher. Letzteres auch, so Herren, „weil Lebensmittel zu billig sind“.

Das sei keine Wertschätzung der Arbeit von Bauern, es könne nicht sein, dass sich jeder ein Handy kaufe, aber im europaweiten Durchschnitt lediglich elf Prozent seines Einkommens in Lebensmittel investiere. Und dann sei da noch die Sache mit der Energie, sagt Herren. „Bei biologischer Produktion steckst du eine Kalorie rein und bekommst bis zu dreissig raus. Konventionelle Landwirtschaft investiert jedoch für jede gewonnene Kalorie zehn Kalorien, die sie erst einmal aufwenden muss“.

Ist das wirtschaftlich? Wohl kaum. Die industrielle Landwirtschaft ist eine Wirtschaft, die durch Agrarsubventionen am Leben gehalten wird – und oftmals in jedem Sinn des Wortes billige Nahrung produziere, so Herren. Ein Resultat der EU-Agrarpolitik ist übrigens der Effekt auf Drittländer, wo sie teilweise den Markt der Kleinbauern zerstört. 43 Prozent des gesamten EU-Haushaltes fließt in die Landwirtschaft. Der Überschuss wird ebenso subventioniert und überflutet die Märkte vor allem in afrikanischen Ländern. Eines der ärmsten Länder des Planeten, Burkina Faso, bekam das in den vergangenen Jahren zu spüren: Die subventionierten Produkte der EU-Milchindustrie kamen als billiges Milchpulver ins Land, die Milch der dortigen Milchbauern konnte damit nicht mehr konkurrieren. Vor den Küsten Ghanas fischten sich EU-Großflotten die Kassen voll, die Mägen der einheimischen Fischer blieben leer. Im Senegal erwirkte der Import von EU-Hähnchen in der Zeit von 1999 bis 2003 ein Schließen von 70 Prozent der einheimischen Betriebe.

Und dann stellt Herren die Frage, die Europa derzeit am meisten zu beschäftigen scheint. Steht auf der Bühne, völlig unaufgeregt und fragt das 500-Menschen-Publikum im Saal: „Was machen wir mit den Millionen Menschen, die aufgrund dieser Zustände bis 2050 noch zu uns kommen werden?“

Wirtschaft gefragt

Zurück nach Plaus und Bozen, in die Malser Hoache und auf die Malser Haide, zurück zur Präsenz oder nicht Präsenz und zurück zu den Grundzügen eines Gesetzesentwurfes, der am 5. Februar 2016 von Arnold Schuler dem II. Gesetzgebungsausschuss vorgestellt wurde. Auch hier sollen Neuerungen rund um Pestizide auf die Südtiroler zukommen; wann darf gespritzt werden, mit welchem Abstand darf gespritzt werden, auf welchen Flächen darf gespritzt werden und welche Sanktionen gibt es für welchen Tatbestand? Die Südtiroler Landesregierung ist immer wieder zu kleinen Änderungen im Ressort Landwirtschaft bereit.

Die Ursache an der Wurzel packen war jedoch das Anliegen, das Malser Bürgerinnen und Bürger im September 2014 bei der Volksabstimmung wählten. Es scheint, als haben die Malser erkannt, dass ihre Vielfalt auf dem Teller nur durch eine Vielfalt auf dem Feld gewährleistet werden könne. Und diese Vielfalt ist nur dann gegeben, wenn Monokulturen und Pestizide den Kulturgrund der Gemeinde nicht vereinnahmen.

Der 68-jährige Schweizer, der sich ab und zu auf seinen Weinberg nördlich von San Francisco rettet und per Beschäftigung mit den Reben eine kräftige Dosis Optimismus tankt, ist sich sicher, dass die notwendigen Gelder für diesen Kurswechsel vorhanden sind. Man müsse als Politiker nachhaltigen Anbau belohnen und Nicht-nachhaltiges Arbeiten in der Landwirtschaft bestrafen.

Die Bauern sollten in ihrem ökologischen Tun gefördert werden. Die Aufgabe der Politik? Hier die Weichen zu stellen. Er jedenfalls kam nach Mals, ohne ein Honorar zu verlangen. Und er würde dieses einzigartige Statement von Mals gerne in der Welt als Beispiel anführen, damit andere Regionen den Mut haben, diesen Kurswechsel einzuläuten. „Der Wechsel muss kommen“, sagt Herren, „sonst hat die ganze Menschheit keine Chance“.

Das von Peter Möltner angesprochene Treffen zwischen Vertretern der Gemeinde Mals und Arnold Schuler Anfang März interessierte neben zahlreichen Talbewohnern auch den Referenten selbst: „Ich würde gerne zurückkommen, um mit euch gemeinsam zu arbeiten“. Gemeinsame Zukunftsszenarien einer Region, so Herren, sollten von allen Beteiligten gemeinsam entwickelt werden: „Natürlich gibt es Leute, die das nicht wollen. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass alles mit allem verbunden ist. Auch die Landwirtschaft“.

Wenn es nach dem Wunsch etlicher engagierter Malserinnen und Malsern geht, soll die gemeinsame Arbeit aller Beteiligten an einer nachhaltigen Malser Landwirtschaft kein Traum bleiben.

 

 

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