Vom Proletariat zum Pöbel | Und dann zu Trump

palmeIn der Januar-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ ist neben vielen anderen höchst interessanten Analysen, Berichten und Essays zu aktuellen Themen auch ein sehr stimmiger Artikel von Micha Brumlik erschienen. Unter dem Titel „Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt“ analysiert der Schweizer Erziehungswissenschaftler, Publizist und Mitherausgeber der Blätter die aktuellen Entwicklungen der Arbeiterklasse als politisches Subjekt.

Ausgehend von der Wahl Trumps, die von Brumlik als von Karl Marx vorausgesagter Sieg der Bourgeoise gesehen wird und mit der Tatsache vor Augen, dass Marine Le Pen gute Chancen hat, Frankreichs Präsidentin zu werden, analysiert Micha Brumlik den aktuellen Zustand der Arbeiterschaft und deren Rolle im politischen und gesellschaftlichen Alltag.

Paradoxerweise ist heute – so Brumlik – die laut Marx zur Revolution berufene (Arbeiter-)Klasse selbst zum Kern jener politischen Kräfte geworden, die Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ als „Reaktionäre“ bezeichnet hatten. Die in Europa und den USA zu beobachtenden und erfolgreichen Rechtspopulisten sind die eigentlichen Arbeiterparteien geworden.

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Micha Brumlik (Foto: Wikipedia)

Brumlik versucht in der Folge, diese Entwicklung geschichtlich zu ergründen und arbeitet sich durch Georg Lukács und Theodor Adorno zur Frage durch, wer überhaupt das Proletariat sei – und wo es sich befinde. Er verortet das proletarische Erbe in den Formationen des demokratisch und keynesianisch geprägten Sozialstaates.

Ist das Proletariat als revolutionäres Subjekt verloren gegangen? Diese Frage stellt sich Micha Brumlik im weiteren Verlauf des Artikels und sucht bei Herbert Marcuse nach Antworten darauf, der starken Einfluss auf die „Neue Linke“ hatte, die im Irrweg des linken Terrorismus ein blutiges und schmähliches Ende fand.

Andre Gorz sprach in seiner 1980 erschienen Kampfschrift „Abschied vom Proletariat“ vom Ende der Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt und sah die Verlagerung des revolutionären Potenzials in andere sich neu herausbildende Schichten und vor dem Hintergrund eines neuen „Kampfes um Aufteilung der Arbeit, Verkürzung der Arbeitszeit, die tendenzielle Abschaffung der Lohnabhängigkeit durch Ausweitung der Eigenproduktion sowie eines allen garantierten Lebenseinkommens.“

Dann führt Brumlik aus, dass die bereits bei Marx und Engels ausführlich beschriebene Globalisierung offensichtlich nicht – wie von Marx und Engels ausgeführt – zur Aufklärung der Arbeiterklasse führt, sondern zu deren reaktionärer Regression. Durch die von Marx und Engels in dieser Form nicht voraussehbaren Effekte des Maschineneinsatzes und der Digitalisierung der Produktionsprozesse rückt das Ende der konventionell verstandenen Arbeiterklasse rapide heran.

Wie aber sehen die Antworten auf den Untergang der Abeiterklasse aus?

Micha Brumlik stellt die These auf, dass sich die Reaktionen der Rechten und vieler (Traditions-)Linker immer ähnlicher werden und dass sie strukturell vielfach jenen Wirtschaftsprogrammen entsprächen, mit denen faschistische Bewegungen vor etwa achtzig Jahren die sozialen Krisen ihrer Länder beheben wollten. Hier taucht auch der Geist des „geschlossenen Handelsstaates“ von Johann Gottlieb Fichte auf, der in seiner Bevölkerung und Kultur homogen ist und sich als wirtschaftlich autarke und ständisch organisierte politische Einheit abschottet.

Und plötzlich sind wir bei den politischen und ideologischen Kerninhalten, die von der Neuesten Rechten, den „Identitären“ vorangetragen werden und die sich auf frappierende Weise mit vielen Inhalten und Grundlagen der Politik von Donald Trump decken, wie Micha Brumlik mit Bezug auf den Chefberater von Trump, Steve Bannon, nachweist.

Micha Brumlik schreibt weiter:

Die Gegenwart, jedenfalls in den westlichen Ländern – und das macht das Erschrecken für die Linke aus – ist nun dadurch gekennzeichnet, dass die Arbeiterschaft diesen reaktionären Milieus und Schichten an die Seite tritt: Nichts anderes als eine mächtige Koalition all dieser Schichten trägt den aktuellen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Dabei wird die Arbeiterklasse wieder zu dem, als das sie von jenem Philosophen (Hegel, Anm.d.V.), den Marx in der Sache – ihn aufhebend – überwinden wollte beschrieben wurde: zu Pöbel.

Im Paragraphen 244 der Rechtsphilosophie schrieb Hegel: „Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert – und damit zum Verlust des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen -, bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenigen Händen zu konzentrieren, mit sich führt“

Hier der Pöbel, dort exzessiver, dekadenter Reichtum: Das genau ist die Lage, in der sich westliche, postindustrielle Gesellschaften derzeit befinden – und zwar in derart zugespitzter Form, dass eine neue Form des Faschismus nicht mehr ausgeschlossen erscheint.

Motor dieses Abgleitens in eine zeitgemäße Form des Faschismus aber ist die durch Digitalisierung und Globalisierung „objektiv“ überflüssig werdende Arbeiterklasse, die in der Führungsmacht des Westens einen Abenteurer wie Donald Trump an die Macht brachte, einen Typus über den wiederum Marx 1852 alles Nötige gesagt hat.

So heißt es am Ende von Marxens „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“: „Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich […] gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die einen revolutionsgeduldig, die anderen revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.“

Man ersetze nur den Namen „Bonaparte“ durch Trump und man kann sich eine Vorstellung davon machen, was uns noch alles bevorsteht.

Damit kommt Micha Brumlik auch bereits an das Ende seiner stimmigen Analyse, die er mit einer Schlussfolgerung für die aufgeklärte Linke abschließt:

Die Antwort einer aufgeklärten, liberalen, aber eben auch desillusionierten Linken kann daher nur darin bestehen, die Kritik am Kapitalismus aufrechtzuerhalten, freilich um die Einsicht bereichert, „dass kein Kapitalismus auch keine Antwort ist“ (Ulrike Hermann). Ansonsten wird der Kompass einer aufgeklärten Linken umso mehr das Prinzip der Würde des Menschen in politischer Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und versöhnter Verschiedenheit sein – und zwar weltweit.

(Aus: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1’17)

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