Klar und deutlich wie immer | Josef Stricker im „Katholischen Sonntagsblatt“

(Josef Stricker, Katholisches Sonntagsblatt, 8.2.2017)

Das Versprechen Wohlstand für alle ist nicht eingelöst worden. Anti-Bewegungen und Anti-Politiker haben Zulauf. Die kleinen Leute wollen ernstgenommen werden.

Es existiert etwas in der westlichen Welt, was es nach dem Anspruch der politischen Eliten gar nicht geben dürfte: die Abgehängten, die Verlierer. Jene Menschen, die vom Fortschritt, von der Globalisierung, vom Freihandel nichts haben. Dabei sollte dieses Dreigestirn allen Menschen mehr Wohlstand bringen – so war es versprochen worden. Globalisierung, Freihandel, Digitalisierung würden allen nur Vorteile bringen, hieß es.

OWZC 12.12. Stricker - Foto Wallnöfer 10
Josef Stricker, hier am 12.12.12. im Ostwest Zigori Club (hier geht’s zur Aufzeichnung des Abends)

Jetzt stellt sich heraus, dass von einer Wohlstandsmehrung für alle nicht die Rede sein kann. Es häufen sich die Belege, dass sich in den westlichen Gesellschaften tiefe Risse auftun. Die Konzentration von Reichtum nimmt zu, das Armutsrisiko steigt. Die Einkommen der Bevölkerungsmehrheit stagnieren, während die Zahl der Topverdiener nach oben klettert. Die Mittelschicht zerfällt. Ein Teil steigt auf, ein anderer sinkt ab. Der Sozialstaat, der von seiner Zielsetzung und Tradition her eigentlich die ökonomischen Ungleichheiten ausgleichen sollte, ist in Bedrängnis geraten. Wen wundert’s, wenn die Bürger aufgebracht sind.

Die Menschen sind verunsichert durch den permanenten Wandel, dem sie ausgesetzt sind. Die Geschwindigkeit des Wandels hat gegenüber früher ein geradezu Furcht einflößendes Tempo angenommen. Man kann das am Beispiel der Globalisierung, noch deutlicher am Wandel in der Arbeitswelt beobachten. Mit der digitalen Revolution hat ein neues Zeitalter begonnen, das verständlicherweise Ängste bei denen auslöst, die zu Recht fürchten müssen, dass sie nicht mehr mitkommen.

Früher haben sich Innovationsschübe über mehrere Jahrzehnte hingezogen, jetzt verunsichert vor allem die Geschwindigkeit des Wandels. Diffuse Ängste kommen hoch und mit den Ängsten Emotionen. Die wiederum entladen sich im Protest, in der Wut.
Eine Anti-Haltung entsteht, mit der die Regierenden überhaupt nicht gerechnet haben. Die neuen Bewegungen lassen sich nicht ohne Weiteres in das vertraute Schema von Links und Rechts einordnen. In Griechenland und Spanien klingt der Protest eher links, in Deutschland, Frankreich, Italien eher rechts. In England nach dem Brexit ist die Zuordnung schon weit schwieriger.
Politiker, Meinungsmacher setzen in der Kommunikation auf Politfloskeln, die wenig durchdacht sind. Ihre Rezepte seien ohne Alternativen, sagen sie. Nach neuen Lösungen wurde erst gar nicht gesucht.

Schwellenländer, Konzerne und Gutsituierte bei uns mögen profitiert haben, aber überall blieben Menschen auf der Strecke, wurden von der Entwicklung abgehängt. Jetzt sind sie unzufrieden, wehren sich. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, in den Verbänden wären gut beraten, viel genauer hinzuschauen, was sich in der Gesellschaft abspielt. Jawohl, die soziale Frage meldet sich mit Wucht zurück. Die kleinen Leute werden aufmüpfiger, trotziger. Sie verlangen politische Aufmerksamkeit.

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2 Kommentare zu „Klar und deutlich wie immer | Josef Stricker im „Katholischen Sonntagsblatt“

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