Zweites Vernetzungstreffen von rete NORDSUD netzwerk | Der Malser Weg – steinig, anregend, demokratisch

Nach dem ersten Vernetzungstreffen von rete NORDSUD netzwerk am 13. Januar in Stefans Brotmanufaktur in Innsbruck, hat am 3. März 2017 das zweite Vernetzungstreffen stattgefunden. Auf Einladung des Malser Bürgermeisters Ulrich Veith trafen sich rund 30 Interessierte von verschiedenen Initiativen und Organisationen aus dem ökologischen, wirtschafts- und sozialinnovatorischen Bereich aus Nord- und Südtirol und aus dem Obervinschgau zu anregendem Austausch.

(Artikel übernommen aus http://www.nordsudblog.wordpress.com; Fotos: Ursula Mair, Franz Linter)

vernetzungstreffen-mals-hertoge-bis-linter-foto-ursula-maier
Koen Hertoge, Erika Rinner, Rotraut Wittig, Jürgen Wallnöfer, Uli Veith, Markus Lobis, Johannes Fragner-Unterpertinger, Maria Pia Oswald, Sylvia Mayr, Franz Linter

Im Mittelpunkt stand der so genannte „Malser Weg“. In der Gemeinde Mals hat im September 2014 eine Volksabstimmung stattgefunden, in der es um den Einsatz von Pestiziden im Gemeindegebiet ging. Rund drei Viertel der abstimmenden BürgerInnen sprach sich – bei einer Wahlbeteiligung von 70% – für ein Defacto-Verbot aus, im Gemeindegebiet Pestizide auszubringen.

vernetzungstreffen-mals-ausschnitt-schiebel-bis-rinner
Alexander Schiebel, Maja Wallnöfer, Margit Gasser, Martina Hellrigl, Koen Hertoge, Heidi Peer

Im moderierten Gespräch erläuterten Bürgermeister Veith und Promotoren-Komitee-Sprecher Fragner-Unterpertinger die wichtigsten Etappen des Referendum-Projekts. Dabei wurde schnell klar, dass dem Erfolg bei der Abstimmung eine langjährige Vorbereitungsarbeit vorausgegangen war und dass verschiedene und nicht so einfach wiederholbare Umstände zum klaren und weit reichenden Ergebnis geführt hatten.

Zum einen war es sicherlich ein clever im Sinne der BürgerInnen agierender Bürgermeister. So wurde durch die Überarbeitung des Gemeindestatuts und der darin enthaltenen Instrumente zur direktdemokratischen BürgerInnenbeteiligung ein erster wichtiger Meilenstein geschaffen. Überzeugend, klar und sehr aufrichtig legte Uli Veith dar, dass er sehr viel von direkter Demokratie halte und dass ein konsequenter Einsatz direktdemokratischer Instrumente die Verwaltungsarbeit nicht blockiert sondern im Gegensatz zu dieser Befürchtung klar geworden sei, dass große Vorhaben auf Gemeindeebene dadurch in der Umsetzung sogar beschleunigt würden.

vernetzungstreffen-mals-lechhner-bis-grunberger
Simone Lechner, Alexander Bisan, Robert Ladurner, Ursula Mair, Stefan Kempf,
Beatrice Raas, Michi de Rachwiltz, Petra Grünberger

Parallel zur Schaffung von Akzeptanz und Voraussetzungen direktdemokratischer BürgerInnen-Beteiligung agierten verschiedene BürgerInnenkomitess unabhängig voneinander in ihrem jeweiligen Sinne, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unter Einbindung hoher Expertise aus dem internationalen Wissenschaftsbereich und fanden sich meist in gemeinsamen Zielen wieder.

vernetzungstreffen-mals-unterpertinger-bis-raffeiner
Johannes Fragner-Unterpertinger, Maria Pia Oswald, Sylvia Mayr, Armin Bernhard, Lukas Thanei, Michael Hofer, Silke Raffeiner

Ein weiterer Katalysator dieser Entwicklungen ist auch in einem schleichenden Wandel der Landwirtschaftsstruktur zu sehen. In den letzten Jahrzehnten ist der Intensivobstbau durch den Klimawandel, neue Obstsorten und die Frostberegnung in höhere Lagen vorgedrungen. Reiche Obstbauern aus dem Untervinschgau begannen, auch im Obervinschgau Wiesen zu kaufen oder zu pachten und bezahlten hohe Preise dafür. Die traditionell im Obervinschgau verbreiteten Milchbauern erzielen niedrigere Erträge und konnten die hohen Preise für die Pacht nicht mehr zahlen. Durch die historisch im Vinschgau verbreitete Realteilung gibt es einen stark zerstückelten Grundbesitz – im Gegensatz zum Rest des Landes, wo das Prinzip des geschlossenen Hofes gegolten hat und gilt.

vernetzungstreffen-mals-wallnofer-bis-hertogeMaja Wallnöfer, Margit Gasser, Martina Hellrigl, Koen Hertoge

Hinzu kommt, dass es sich herausstellte, dass der Einsatz von Pestiziden eine biologische Milchwirtschaft unmöglich macht. Wind und Thermik verfrachten die Giftwolken über weite Strecken und verunreinigen angrenzende – aber auch weiter weg befindliche – Mähwiesen und Weiden dergestalt, dass die Gifte in den Produkten wieder auftauchen, obwohl die Bauern nach den Prinzipien biologischer Landwirtschaft wirtschaften.

Im Gespräch mit dem in Mals lebenden Filmemacher und Autor Alexander Schiebel, der durch einfühlsame Videoarbeiten den „Malser Weg“ begleitet hat und der nun unter anderem an einer ARTE-Dokumentation über Mals arbeitet und für den renommierten Oekom-Verlag ein Buch schreibt, das unter dem Titel „Das Wunder von Mals“ erscheinen wird, ging es um die Erfolgsfaktoren der Malser Bewegung. Schiebel erkennt diese vor allem im höchst glaubwürdigen Vorgehen der verschiedenen Initiativen, die durch Eigenständigkeit und Tiefe der Argumentation und des Engagements die MitbürgerInnen nachhaltig von der Richtigkeit neuer Weg überzeugen konnte.

Schiebel mahnte allerdings auch an, dass es ein stärkeres Bewußtsein dafür geben müssen, dass nun zentrale Konflikte als solche zu erkennen und anzugehen sind. Dies komme im Bemühen um Verständnis und Ausgleich manchmal zu kurz und diene nicht der Lösung drängender Zukunftsfragen sondern schiebe diese hinaus.

Im Gespräch mit Armin Bernhard von der Bürgergenossenschaft Obervinschgau ging es darum, welche konkreten Ausprägungen das im Referendumsausgang erkennbare „Wunder von Mals“ annehmen kann. Die Bürgergenossenschaft Vinschgau ist seit rund einem Jahr tätig und startet nun nach organisatorischen und inhaltlichen internen Findungsprozessen eine Reihe von Projekten für die Region Obervinschgau. Diese reichen von konkreten Überlegungen für ein Gründerzentrum, der Führung eines Arztambulatoriums und der Gestaltung der Malser Märkte im Auftrag der Gemeinde bis hin zur Erhebung des landwirtschaftlichen Produktions- und Veredelungspotenzials und zur Einführung einer Obervinschger Regionalwährung.

In den anregenden und vielfältigen Statements der Teilnehmer kamen zahlreiche Detailfragen zur Sprache und viele Anregungen gingen über die Tische des Malser Gemeinderatssaales. Immer wieder wurde betont, dass der „Malser Weg“ aus aller Welt aufmerksam beobachtet wird und debattiert, wie man eine bessere Vernetzung der Malser Player mit der „Außenwelt“ sicherstellen könne.

So klar der Ausgang des Referendums war, so unklar stellen sich zur Zeit dessen konkrete Auswirkungen dar. Eine Klägergruppe hat formalrechtliche Aspekte beim Zustandekommen des Referendums bemängelt und zieht die Zuständigkeit der Gemeinde für die Fragestellung in Zweifel. Die Gemeindeverwaltung hat in der Zwischenzeit eine Verordnung verabschiedet, die den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft in der Gemeinde Mals praktisch unmöglich macht. Der Gerichtsweg wurde beschritten, das Verfahren noch nicht terminisiert, der Ausgang offen.

Bürgermeister Veith würde alles wieder so machen und erweist sich als unbeirrbarer und durch und durch aufrichtiger Demokrat.

marende-4Die Marende zu der Bürgermeister Veith geladen hatte, erwies sich als gute
Gelegenheit zu Austausch und Vertiefung

Bei einer gemütlichen Marende in einem Malser Lokal klang das zweite Vernetzungstreffen von rete NORDSUD netzwerk aus. Und wie so oft wurden dabei spannende Ideen ausgetauscht, die Freude über das Kennenlernen gefeiert und das eine oder andere ausgemacht, das in Kürze Gestalt annehmen dürfte.

Vernetzung at its best, wie die Lateiner zu sagen pflegen.

Advertisements

Ein Kommentar zu „Zweites Vernetzungstreffen von rete NORDSUD netzwerk | Der Malser Weg – steinig, anregend, demokratisch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s