Alte Ökologie und neue Wirtschaft | Das Global Forum Südtirol und unsere Zukunft

Gestern habe ich erstmals am Global Forum Südtirol teilgenommen. Die Tagung wird von Christian Girardi, Zeno Kerschbaumer und einem Kuratorium organisiert, will einen Beitrag zur Innovationskraft und wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Südtirols leisten und fand gestern bereits zum neunten Mal statt.

Das Thema des Nachmittags im einladenden Auditorium der EURAC lautete „NEO-ÖKOLOGISCHE VIELFALT: Südtirols Chance zur Einzigartigkeit“. Schon im Vorfeld hatte ich einige Zweifel am Begriff der Neo-Ökologie und ließ dies Christian Girardi wissen. Ich sah in dieser Wortschöpfung den Versuch der „Kravattenträger“, sich ein Themenfeld anzueignen, das bisher von irgendwelchen randständigen Schießbudenfiguren vorangetrieben worden war. Im Laufe des Nachmittags verdichtete sich meine anhaltende Perplexität zu einer Erkenntnis. Doch dazu später.

Nach einem treffenden Grußwort durch den verdienstvollen Organisator Christian Girardi begrüßte EURAC-Präsident Roland Psenner die zahlreichen Gäste. Psenner halte ich für eine wohltuende Erscheinung in Südtirols Präsidentenpanorama und für einen überzeugenden Garanten für den Aufbau einer akademischen Kultur in Südtirol, die ich über weite Strecken noch schmerzlich vermisse.

Analytisch, wissenschaftlich, mutlos: Daniel Müller-Jentsch
Den ersten Vortrag hielt ein junger Ökonom. Daniel Müller-Jentsch arbeitet bei AVENIR Suisse, einem Think Tank der Schweizer Wirtschaft. Seine Aufgabe bestand darin, von außen auf Südtirol zu blicken und dem Auditorium vor Augen zu führen, wie ein Ökotopia Südtirol 2030 aussehen könnte. Seine Beschreibung halte ich nur für teilweise gelungen. Neben einigen durchaus interessanten Erkenntnissen im Bereich der Analyse, fand ich seine Ausführungen im Prognose-Teil zu quantitätswachstumslastig, zu technisch, zu wenig phantasievoll und wenig mutig – wissenschaftlich eben.

Aber: Was kann man sich von jemandem erwarten, der Ökologie für ideologisch hält – und damit für pfui – und dem etwas Positives entgegensetzt, das sich „Wirtschaft“ und „Technologie“ nennt. Interessant fand ich seine Beschreibung der Südtiroler Landwirtschaft als von Monokultur geprägt und seine Aussage, der Landwirtschaftssektor trage nur mit 6% zum Bruttoinlandsprodukt Südtirols bei. Und von diesem Betrag – so Müller-Jentsch in einer Antwort im Debattenteil – seien die Subventionen noch als „Negativ-Wertschöpfung“ in Abzug zu bringen.

Verhaftet in dogmatischen Glaubenssätzen: Christian Fischer
Der zweite Referent am Podium war Christian Fischer, Professor für Agrar – und Ernährungswirtschaft an der Freien Universität Bozen. Er sprach als Wissenschaftler über „Vielfalt als Perspektive für die Südtiroler Landwirtschaft?!“ und tat dies wortreich und durchaus interessant. Allerdings wurde mir bald klar, dass er einer der vielen ist, die von bestimmten dogmatisch sanktionierten ökonomischen Glaubenssätzen nicht loskommen und die sich nicht in Bereiche wie Sinnfragen, Ethik oder Zukunftsfähigkeit vorwagen, weil es dort keine simplizistischen Rechenmodelle gibt. Da ist es schon leichter, zu fordern, dass die Landwirtschaftsfläche auszuweiten sei und dass es notwendig wird, Flächen für erfolgreiche Landwirtschaftsunternehmen bereitzustellen und die Anzahl der Landwirtschaftsbetriebe zu verringern.

Visionär, mutig, ethisch getragen: Karl Schweißfurth
Auf den Wissenschaftler folgte ein erster überzeugender Praktiker: Der Bio-Unternehmer Karl Schweißfurth leitet die Hermannsdorfer Landwerkstätten in Glonn bei München und lieferte ein sehr glaubwürdiges Bekenntnis zum wahren Leben ab, dass darin besteht, Sinnfragen zu stellen und Boden in die Hand zu nehmen, anstatt jätende Roboter als Allheilmittel in Aussicht zu stellen.

Unaufgeregt und von ruhiger Kraft getragen, erzählte Schweißfurth von der Herkunft seiner Familie aus der Fleischindustrie und von der Visionskraft seines Vaters, der – getrieben von Schweißfurth und seinen Geschwistern – einen der ersten großen Bio-Betriebe Deutschlands gründete. Vision+Mut+Ethische Prinzipien+Ökologie = Erfolg + Nachhaltigkeit, so leite ich eine einfache Gleichung aus den Ausführungen des „Landwirts“ Schweißfurth (Eigendefinition) ab, die für die Wissenschaft nicht verwertbar ist, nachdem sie sich bislang mathematischen Rechenmodellen verweigert.

Immer wieder fiel bei den Ausführungen der Praktiker die Bemerkung: „Ich bin kein Wissenschaftler im Bereich X“. Was früher entschuldigend vorgebracht wurde, scheint heute eine als notwendig empfundene Distanzierung zu sein, kommt mir vor.

Schweißfurth verwies darauf, das die großen Player der so genannten Wirtschaft immer mehr für Marketing ausgeben und immer weniger für Produkte und dass es für die Hermannsdorfer Landwerkstätten das beste Marketing sei, den Kunden die Betriebsstätten zu zeigen.

Bestechend, dachte ich bei mir, wie wahr! Die Lebensmittelkonzerne müssen alles tun, damit niemand mitbekommt, wie sie arbeiten und entführen die Menschen in kunstvoll und teuer inszenierte Markenwelten. Wie bizarr…

Quirlig, unkonventionell, zupackend: Johannes Gutmann
Gutmann GFS 17Nach der Pause kam der Auftritt von Johannes Gutmann, Gründer und Leiter von Sonnentor. Der brillante Selbstinszenierer Gutmann – und das ist durchaus wohlwollend und positiv gemeint – rechnete humorvoll und zugespitzt mit unserem Wirtschaftssystem ab. Er hätte in der an den Eisernen Vorhang grenzenden österreichischen Pampa als Arbeitsloser Zeit gehabt und einige Bauern Produkte, die das Raiffeisen Lagerhaus nicht annehmen wollte, Kräuter zum Beispiel.

Also stürzte er sich in eine alte Lederhose – die er auch beim Vortrag anhatte – und stellte sich auf den Markt in seinem kleinen Dorf. Die Lederhose, ein T-Shirt und eine verrückte rote Brille – und schon war seine Story perfekt, der er dann eine beeindruckende Reihe von Erfolgen hinzufügen konnte.

Er brach Tabus und wusste einfach nicht, dass „bestimmte Dinge nicht gehen“ und weil die Dinge das selbst nicht wussten, wurden scheinbar unüberwindliche Hemmnisse zu Erfolgsfaktoren. Und eigentlich wollte er ja nur 300 Euro pro Woche verdienen! Auch heute noch steht nicht der Profit im Mittelpunkt, sondern die schiere Freude am Leben. Und wenn man Gutmann sieht und hört, glaubt man das sofort.

Bedächtig, demütig, bodenständig: Alexander Agethle
Alexander Agethle GFS 17Nach dem quirligen und begeistert aufgenommenen Auftritt von Gutmann kam der Schleiser Agronom, Kulturwirt und Bauer Alexander Agehtle auf die Bühne. Bedächtig, demütig und mit präziser Wortwahl erzählte er seinen Weg vom Schleiser Bauernbuben über den klassisch ausgebildeten Agronomen, den Wissenschaftler, Berater und Kulturwirt bis zum Schleiser Bauern mit Hofkäserei.

Zentral fand ich seine Aussage, dass er nicht die Pflanzen dünge, sondern den Boden und dass das Stroh, das durch den Getreideanbau auf seinem Englhof zur Verfügung steht, zusammen mit dem Mist ein perfekter Grundstoff für die Kompostherstellung ist. Seine Kühe geben die Hälfte Milch, leben aber mehr als drei Mal länger als Turbokühe, kalben viel öfter, tragen Hörner und sind gesund.

Sehr interessant auch die Bezugnahme auf Sinnfragen und den hohen Stellenwert von Kultur für den Arbeitsalltag, so wie auch die Forderung nach einer Rückkehr zur humanistischen Bildung. Auch Agethles Vorschlag, jungen Bauern „supporting leaders“ zur Verfügung zu stellen, die ihnen weiterhelfen war um Längen überzeugender als die Forderung von Prof. Fischer nach „gut ausgebildeten Experten“.

Ich kenne Alexander Agethle schon länger und halte ihn für ein großes Vorbild und einen genialen Querdenker. Deshalb war er auch schon bei meiner Reihe quer.denken. – Impulse für den Wandel zu Gast und wer ihn gut kennenlernen will, kann sich die Ton-Aufzeichnung des Abends vom 16. März 2017 anhören, die ich hier anfüge:

Was bleibt nun vom Global Forum?
Was bleibt nun bei mir hängen, nach diesem dichten Nachmittag?

Erstens – und ich habe mir erlaubt, dies auch in ein Statement zu packen – die Erkenntnis, dass wir nicht eine NEO-Ökologie brauchen sondern viel mehr eine NEO-Ökonomie!

Zweitens die Gewissheit, dass wir im Prinzip auf dem richtigen Weg sind und dass es nur eine Frage der Zeit ist, die grundlegende Ökologisierung der Landwirtschaft aber kommen muss!

Drittens: Tiefe Dankbarkeit gegenüber Christian Girardi, Zeno Kerschbaumer und den anderen Promotoren des Global Forum Südtirol. Sie sind wichtige Treiber der überfälligen Öffnung Südtirols und des Weges zur fruchtbaren Vielfalt!

Dass der Bauernbund diese Veranstaltung boykottierte, fällt auf ihn zurück und disqualifiziert die einst mächtige Standesvertretung als Ansprechpartner im Prozess, der Südtirols Zukunftsfähigkeit sicher stellen kann.

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5 Kommentare zu „Alte Ökologie und neue Wirtschaft | Das Global Forum Südtirol und unsere Zukunft

  1. ein großes Kompliment den Organisatoren und MItarbeiterInnen. ich, Johannes Gutmann durfte dabei sein und bin sehr dankbar dafür. ich bin weiters sehr dankbar, dass es viel Asche des alten Systems gibt, das heißt, dass es auch hier viel Glut gegeben haben muß. heute bin ich deshalb so kritisch, weil wir in Südtirol, in Österreich und der ganzen EU nach wie vor die Asche anbeten, wir brauchen neue Glut und Mut für die Zukunft unserer ländlichen Regionen, viele sind schon weg gezogen und über 30.000 bäuerliche Betriebe schließen jährlich innerhalb der EU. kalte Asche wärmt nicht!

    1. Vielen herzlichen Dank für die Rückmeldung, lieber Herr Gutmann! Ihr Auftritt beim Global Forum Südtirol war sehr beeindruckend, stimmig, motivierend und lehrreich! Ich habe Ihnen auch eine Mailnachricht geschickt, weil ich mich gerne gelegentlich mit Ihnen treffen würde. Wäre schön, wenn das klappte!

      Herzlichst!
      Markus Lobis

  2. Die „Wissenschaftsschelte“ kann ich nachvollziehen, es mangelt an unabhängiger Grundlagenforschung. Diese wird viel zu oft ersetzt durch abhängiges Wiederkäuen vom Wiedergekäuten. Ok. Aber ohne Wissenschaft geht es nicht. Parallel zu den wichtigen Themen, die genannt wurden, braucht es auch einen Diskurs um einen Neuaufstellung der Wissenschaft. Unabhängig und da, wo es unserer (gesellschaftlicher) Zukunftsfähigkeit dient. Diese muss dem Gemeinwohl dienen und von der Gemeinschaft finanziert werden, nicht von der Wirtschaft. Weniger ist da mehr.
    Astrid Köppel

    1. Ja, hier wäre etwas mehr zu differenzieren, was aber auf Grund anderweitiger Schwerpunkte des Textes den Rahmen wohl sprengen würde. Bin auf jeden Fall gespannt auf die Moderation des Abends mit Prof. Kreiß am 30. Oktober in Schlanders. Kreiß hat das Buch „Gekaufte Wissenschaft“ geschrieben und dabei Beunruhigendes herausgearbeitet.

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