Heumilch kommt von Kühen, die nur Gras und Heu bekommen | Denkste!

Wer in Südtirol zu Heumilch greift, glaubt, dass er Heumilch bekommt. Erst wer sich näher mit dem Thema beschäftigt, kommt drauf, dass es naiv ist, das zu glauben, was die Milchhöfe auf die Verpackungen schreiben und womit sie werben.

Heu- und Kraftfuttermilch, müsste es heißen…

Südtirols Heumilch kommt von Kühen, die bis zu 25% des Futters in Form von so genanntem Kraftfutter bekommen, in der Sprachregelung des Sennereiverbandes als Getreideschrot bezeichnet.

Heumilch Mila
Heumilch-Kühe kriegen nur Gras und Heu! Denkste…

 

Meine Aussagen gelten natürlich für alle Heumilch-Produkte aus Südtirol

Kraftfutter gehört zu Südtirols Milch- und Viehbauern wie der Speck zur Marende und manche Konsumenten werden jetzt wieder den Marketingprofis auf den Leim gehen und denken: Naja, da wird halt Getreide geschrotet und verfüttert, was soll da schon dabei sein?

Abgesehen davon, dass der Verdauungstrakt der Kühe nicht auf Getreide eingestellt ist und dass das Grundmaterial dafür zum größten Teil aus Südamerika kommt, ist dessen Zusammensetzung sehr unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von den Preisen der Rohstoffe, die ins Kraftfutter gemischt werden.

Während in Europa jedes Schräubchen und sogar die Krümmungsradien von Bananen und Gurken festgelegt werden, gibt es für Kraftfuttermischungen viel Elastizität und Freiheit. Festgelegt werden so genannte Energiestufen für Mischfutter, die in MegaJoule pro kg angegeben werden. Zusammen mit der Netto-Energie-Laktation (NEL) gibt die Joule-Angabe Aufschluss über den Energiegehalt der Futtermischung, wobei ein Wert von 7 KJ NEL pro kg als energetisch hochwertig eingeschätzt werden kann.

Wo ist die „Kraft“?

Dies ist auch deshalb interessant, weil man sich fragen kann, wo die „Kraft“ im Kraftfutter ist, wenn man weiß, dass gutes Raufutter (Gras, Heu, Silage) auch zwischen 5 und 6 MJ NEL an Energie pro kg enthält. Allerdings kann durch höheren Proteingehalt oder andere Zusatzstoffe die Milchmenge pro Kuh und der Eiweißgehalt der Milch erheblich gesteigert werden.

Fragt man sich, was in den Futtermitteln so alles drinnen ist muss man nicht so bösartig sein, gleich auf Altmineralöl und aufgemahlene Knochen und Schlachtabfälle verblichener Artgenossen zu kommen, was vor Jahren als Bestandteil von Großtierfutter festgestellt wurde und als Mitverursacher für den Rinderwahn eingestuft wurde.

Auf einer Futtermitteltabelle des „Info-Portals für Fütterung und Management proteinmarkt.de“ habe ich rund 40 mögliche Futtermittel gefunden, die zu Mischfuttern zusammengemixt und an Rinderbauern verkauft werden, von A wie Ackerbohnen bis W wie Weizenschlempe.

Interessanter Artikel im ARD-Magazin plusminus

Bei meiner Recherche im Internet habe ich in der ARD-Mediathek ein Beitrag aus dem TV-Magazin plusminus gefunden, der sich kritisch mit dem Einsatz von Kraftfutter in der Milchviehhaltung beschäftigt und die recht steile These aufstellt, den Kühen ginge es ohne Kraftfutter besser: sie würden dabei älter, widerstandfähiger gegen Krankheiten und kalbten öfter – allerdings bei geringerer Milchleistung.

Im Artikel wird herausgearbeitet, dass sich das unter dem Strich durchaus auszahlen kann und ich empfehle allen, die sich etwas mit der Thematik der Milchviehfütterung beschäftigen wollen, die Lektüre des Artikels.

(auf das Bild klicken, um zum Artikel auf der ARD Mediathek zu gelangen)
header plusminus ard milchviefütterung

Ich finde es interessant, dass der Schleiser Agronom, Biobauer und Bio-Käserei-Betreiber Alexander Agethle sowohl bei den quer.denken.-Gesprächen im März 2017 als auch bei anderen Gelegenheiten zum selben Schluss gekommen ist. Zuletzt habe ich ihn zu diesem Thema bei den „Salerner Gesprächen“ zur Zukunft der Berglandwirtschaft gehört (dazu wird ein eigener Bericht auf diesem Blog folgen).

agehtle breit

Für mich stellt sich die Frage, warum die Landwirtschaftschulen, die Bauernverbände und die Milchwirtschaft immer nur eine möglichst hohe Milchmenge in den Mittelpunkt der bäuerlichen Arbeit stellen.

So wie der Konsument und die Konsumentin sollten wohl auch die Bauersleute weniger dem glauben, was ihnen vorgepredigt wird, sondern sich dem Beispiel einiger Pioniere anschließen und sich aus der Abhängigkeit von zugekauften Futtermitteln und provisionentlohnten Futtermittelberatern befreien.

Sowohl Bauer Westenrieder im plusminus-Artikel als auch sein Kollege Alexander Agethle im idyllischen Vinschger Ort Schleis haben über mehrere Jahre hinweg den Kraftfutteranteil reduziert und sind nun beide soweit, dass ihre Kühe nur mehr das fressen, was der Hof selbst zu produzieren im Stande ist.

Dass unter dem Strich auch noch die Rechnung aufgeht und der Minderertrag durch Kostenersparnis aufgefangen werden kann, sollte den Südtiroler Bäuerinnen und Bauern die Entscheidung noch leichter machen. Und erst dann werden wir richtige Heumilch bekommen, die – warum nicht? – auch noch bio ist.

 

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NACHTRAG (2.12.17 – 23.40 Uhr)

Von berufener Seite wurde ich darauf hingewiesen, dass auch Alexander Agethle geringe Mengen an Getreide zufüttert. Das stimmt. Ich glaube mich, daran zu erinnern, dass es sich dabei um ca. 200 kg Getreide pro Kuh und Jahr aus dem Anbau des Englhofes handelt.

 

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7 Kommentare zu „Heumilch kommt von Kühen, die nur Gras und Heu bekommen | Denkste!

  1. Da im Text erwähnt, der Vollständigkeit halber ein Nachruf für die „Gurkenverordnung“ welche schon 2009 von der EU Kommission wieder abgeschafft wurde.
    http://www.zeit.de/2014/18/stimmts-eu-gurken-kruemmung
    https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung_(EWG)_Nr._1677/88_(Gurkenverordnung)
    http://www.handelsblatt.com/politik/international/die-eu-gurkenverordnung-verspottet-und-doch-besser-als-ihr-ruf/8341428.html

    Anscheinend zieht das immer noch als Argument für die allgegenwärtige „Eurokratie“…

    1. Des Weiteren sollte man in Betracht ziehen, dass die erwähnte Liste von proteinmarkt.de auf den Stand vom 20.12.2011 ist und die Heumilch, das EU Zeichen für „garantiert traditionelle Spezialität“ (g.t.S.) erst im März 2016 erhalten hat und deshalb erst seit dem reguliert und standardisiert wird.

  2. werter herr lobis, herzlichen dank das sie das thema heumilch aufgreifen, dies ist längst überfällig.
    trotzdem erlaube ich mir, auf 2 kleine unschärfen aufmerksam zu machen: auch extensive milchkühe benötigen geringe mengen kraftfutter ( bei alexander agethle weniger als 1 kg pro kuh und tag). diese menge entspricht einem zehntel des sonst üblichen.
    völlig zurecht kritisieren sie die passivität von lehre, forschung und verbänden. aber es gibt auch hier einen anderen weg, den die lehrkräfte und angestellten der fachschule salern nicht erst seit gestern beschreiten. als einzige landwirtschaftliche bildungseinrichtung südtirols denken, lehren und handeln wir konsequent im sinne einer ökologischen und nachhaltigen berglandwirtschaft.
    wir freuen uns bereits auf ihren beitrag über die „salerner gespräche“!

    1. Vielen Dank für den Hinweis. Ja, das ist klar, ich habe das den Ausführungen von Alexander Agethle, aber nicht in den Artikel eingearbeitet. Ich werde einen Nachtrag verfassen.

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