Salerner Gespräche zur Berglandwirtschaft | Hoch interessantes Forum für Nachhaltigkeit

Seit 30 Jahren gibt es die Fachschule für Land- und Hauswirtschaft in Salern bei Vahrn. Dort geht es um die Milch-, Vieh- und Berglandwirtschaft, Gemüseanbau sowie Ökologie und die Nachwuchsbauern und -bäuerinnen holen sich dort ihr berufliches Rüstzeug. Am 1. Dezember wurden dort die „Salerner Gespräche“ zur Zukunft der Berglandwirtschaft abgehalten.

 

Hatte ich bisher die Landesschulen für einen Hort konventioneller Landwirtschaftsdogmatik gehalten, muss ich mich nach dem Besuch der Salerner Gespräche für diese Unterstellung entschuldigen. Wenn auch nur ein wenig von dem Geist auf die Schule wirkt, den man bei den „Salerner Gesprächen“ zur Zukunft der Berglandwirtschaft verspüren konnte, dann wird in Salern tatsächlich ernsthaft und im besten Sinne an der Zukunftsfähigkeit der Südtiroler Berglandwirtschaft gearbeitet.

Programm Salern

Grundlegender Vortrag von Prof. Lintner
Die „Salerner Gespräche“ begannen nach einer Begrüßung durch die Direktorin Juliane Gasser Pellegrini und durch Bildungslandesrat Achammer mit einem sehr beeindruckenden Vortrag von Martin M. Lintner, Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen. Ich kenne Prof. Lintner bereits von mehreren Gesprächen und er war auch in meiner Reihe quer.denken. zu Gast.  Er hat im letzten Jahr mit dem Buch „Der Mensch und das liebe Vieh“ ein neues Standardwerk im Bereich der Tierethik vorgelegt.

Salerner Gespräche Lintner
Prof. Martin M. Lintner hielt einen grundlegenden Vortrag mit akkurater Analyse und Handlungsvorschlägen – das gefiel nicht allen. (FOTO: Fachschule Salern)

Prof. Lintner stellte eine These an den Beginn seiner Ausführungen und ging dann detailliert auf einzelne Aspekte ein.

Eine Berglandwirtschaft, die zukunftsfähig sein will, muss nachhaltig im umfassenden Sinn des Wortes sein – ökologisch, ökonomisch und sozial, und zwar im Kontext der globalisierten Landwirtschaft und Ökonomie und mit Blick auf die Menschen, die heute auf unserem Planeten leben, sowie auf die künftigen Generationen.

Die einzelnen Aspekte können nicht unabhängig voneinander behandelt werden, sondern sind im Sinn der Retinität zu betrachten. Unter Retinität versteht Lintner nach Werner Veith  ein Leitbild für gesamtgesellschaftliche und weltweite Entwicklung, das zugleicht die sozialen, ökologischen und ökonomischen Erfordernisse in modernen Gesellschaften berücksichtigt und durch deren entsprechende Vernetzung eine globale Entwicklung fördert, die den gegenwärtigen und künftigen Generationen gerecht werden soll.

In der Folge ging Lintner auf zahlreiche Problemfelder und ethische Herausforderungen in den Bereichen Land- und Viehwirtschaft im Kontext von Globalisierung und Verbrauch von Ressourcen, auf Fragen der Tierethik und schließlich auf sozial-ökonomische Aspekte ein.

Manuskript LintnerLintner legte bei seinen Darlegungen schonungslos die Fragwürdigkeit zahlreicher Aspekte unserer Wirtschaftsweise offen, zitierte aus den Erfahrungen Bruno Haspingers bei seiner Arbeit mit Landlosen in Südamerika ebenso wie aus wissenschaftlichen Studien und persönlichen Erfahrungen und mehr als einmal konnte man einer gewissen Unruhe im Auditorium entnehmen, dass er mit seinen Südtirol-Bezügen immer wieder auf einen Nerv getroffen hatte. Der in der ersten Reihe sitzende Landesrat Schuler soll mehrfach deutlich seinen Unmut geäußert und Anstalten gemacht haben, den Raum verlassen zu wollen.

Breiten Raum nahmen in Lintners Ausführungen tierethische Aspekte ein. Der Moraltheologe arbeitete auch vor dem Hintergrund einer Kontroverse zwischen dem Berliner Erzbischof Heiner Koch und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt zur Massentierhaltung konzise heraus, welche Chancen und Potenziale hohe tierethische Standards für die Südtiroler Landwirtschaftsproduktion bieten.

In unserer Gesellschaft, so eine von Lintners Forderungen, müssen wir den Umgang mit den Nutztieren neu bedenken: Wir dürfen sie nicht nur auf ihren Nutzwert reduzieren, sondern haben auch ihren Eigenwert anzuerkennen und ihr Recht darauf, ein Leben entsprechend ihren artspezifischen Bedürfnissen zu leben und dass ihnen keine Schmerzen zugefügt und dass sie stress- und schmerzfrei geschlachtet werden.

Im Bereich der sozioökonomischen Aspekte verwies Lintner auf unerlässlichen Beitrag der Berglandwirtschaft für die Erhaltung der Natur- und Kulturlandschaft in Südtirol und nahm neben dem regionalen Handel und den örtlichen Konsumenten als Kunden für die bäuerliche Produktion auch den Tourismus in die Pflicht, der in besonderer Weise von der Kulturlandschaft profitiert.

Lintner vertrat die Ansicht, dass die Bauern ein Anrecht darauf haben, von ihrer Arbeit leben zu können und dass sie sich eine ökologische und tierethisch verantwortbare Landwirtschaft leisten können müssen – und zwar ohne Bittsteller oder Subventionsempfänger zu sein.

Abschließend ging Lintner auf die laufende Glyphosat-Debatte ein und kritisierte die Missachtung des in Europa traditionell gepflegten Vorsorgeprinzips durch die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung.

Interessante Fakten aus der Agrarwelt von Anita Idel
Nach Prof. Lintner sprach die Tierärztin und Mediatorin Anita Idel zum breiten Feld der Ökologie und unternahm einen breiten Streifzug durch landwirtschaftsökologische Aspekte der globalen aktuellen Entwicklungen. Die Ausführungen waren reich garniert durch erdgeschichtliche Detailinformationen, die ich in dieser konzisen Dichte selten präsentiert bekommen habe.

Einen besonderen Schwerpunkt legte Idel auf die Bodengüte, die durch die industriell betriebene Landwirtschaft in weiten Teilen der Erde massiv leidet. So hat die Bodenfruchtbarkeit in den USA in den letzten 150 Jahren um rund 30% abgenommen. In der Ukraine muss man davon ausgehen, dass 13 Tonnen Boden pro Jahr und Hektar verlorengehen, was über die Fläche gerechnet rund einen Millimeter Boden ausmacht. Idel begründete mit diesen Beispielen und mit weiteren eindrücklich dargestellten negativen Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftsweise die Notwendigkeit, die Landwirtschaft weltweit und natürlich auch in Südtirol massiv zu ökologisieren.

Idel arbeitete in der Folge die Chancen und Potenziale der Berglandwirtschaft heraus und unterstrich auch die ökologische Bedeutung der Wiesen- und Weidewirtschaft, auch wenn man manchmal der Eindruck vorherrsche, diese gebe es dort, wo man sonst nichts Gescheites mit dem Boden machen kann.

Die Biodiversitätspotenziale der Berglandwirtschaft
Immer wieder kam sie auf die Biodiversitätspotenziale der Berglandwirtschaft zurück und empfahl den Südtiroler Bauern, sehr genau auf die gut durchmischte Zusammensetzung der Wiesengräser zu achten, die auf Grund verschiedenster Ausprägungen des Wurzelwerks einen entscheidenden Beitrag zur Erhaltung der Bodenqualität leisten.

Landwirtschaft sehr wichtig für das Tourismusprodukt Südtirol

Thomas Aichner
Thomas Aichner (Archivfoto)

Als dritter Gast sprach mit Thomas Aichner der oberste Marketing-Verantwortliche der IDM-Organisation in Südtirol. Er ist im letzten Jahr von der Präsidenten-Ebene in das operative Geschäft gewechselt und fühlt sich sichtlich wohl dabei.

Aichner unterstrich die bedeutende Rolle der Berglandwirtschaft für das Tourismusprodukt Südtirol und präsentierte die Ergebnisse einer Studie zu den Bestimmungsgründen für die Nachfrage nach der Destination Südtirol. Es ist der Mix aus dem Menschenschlag, den Landschaften und den Produkten des Landes, wobei den Milchprodukten eine besonders hohe Wertschätzung gilt.

Dieser Mix bringt 7 Millionen Gäste ins Land, die 32 Millionen Mal übernachten und nicht zuletzt auch Landesprodukte konsumieren, wenn die Tourismusbetriebe sie in das Angebot integrieren. In diesem Bereich gibt es noch Potenzial.

Dritter Michelin-Stern dank Regionalkonzept
Den Stellenwert regionaler Produktion kann man laut Aichner auch daran ermessen, dass der Spitzenkoch Norbert Niederkofler den 3. Michelin-Stern für sein Restaurant in St. Kassian auch ausdrücklich deshalb erhalten hat, weil er ein strikt regionales Angebot zur Meisterschaft entwickelt hat.

Aichner betonte, dass die Tourismuswirtschaft gut daran tut, die regionalen Landwirtschaftserzeugnisse noch viel stärker in die Produktgestaltung einfließen zu lassen und ortet in diesem Bereich noch große Potenziale.

Abschließend räumte Aichner ein, er sei sich bewusst, dass aus seinen Ausführungen mehr Fragen als Antworten resultieren, dass die Diskussion über Südtirols Zukunft aber nun offen und auf Augenhöhe aller Beteiligten zu führen, mit dem Ergebnis, dass in Südtirol weiterhin Landwirtschaft betrieben werden kann, das Land aber auch als attraktiver Lebensraum wahrgenommen wird.

Kontroverse Diskussion

alexander agethle
Alexander Agethle (Archivfoto)

Auf die dichten Ausführungen der Gäste folgte eine Diskussion, die vom SWZ-Redakteur Hannes Peintner moderiert wurde. Zur Diskussion war auch der Schleiser Bauer Alexander Agethle eingeladen worden, der auf seinem Englhof ein alternatives Bio-Landwirtschaftsmodell praktiziert und eine Bio-Käserei betreibt. Agethle ist hoch qualifizierter Agronom und Kulturwirt und versteht es bestens, die Sinnhaftigkeit und die Vorteile der von ihm gewählten sanften und nachhaltigen Wirtschaftsweise darzustellen. Er unterbreitete sehr klar formulierte Vorschläge für die Berglandwirtschaft, die in diametralem Gegensatz zur offiziellen Landwirtschaftspolitik stehen.

Salerner Gespräche Diskussion
Bei der Debatte prallten kontroverse Standpunkte aufeinander (Foto: Fachschule Salern)

Auch Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler nahm an der Debatte teil und verteidigte die konventionell betriebene Landwirtschaft mit großem Engagement und etwas dünnhäutig, nicht ohne gleichzeitig auf die Notwendigkeit der ständigen Ökologisierung hinzuweisen. Schuler betonte, dass auch Südtirol einen Beitrag zur Ernährung der Menschheit leisten muss und kritisierte die Aussagen von Prof. Lintner mit dem Hinweis, durch ethisch geleitetes Handeln würde die Produktion erheblich sinken.

Das Publikum bestand zu einem erheblichen Teil aus Bio-Bauern, die sich engagiert in die Debatte einbrachten und aus ihrer Alltagspraxis berichteten. Sie forderten ein stärkeres Engagement der Tourismuswirtschaft und kritisierten Aussagen des im Publikum anwesenden HGV-Vertreters Helmuth Tauber, der von einer guten Zusammenarbeit zwischen Bauern und Wirten gesprochen hatte. Aus den Reihen konventioneller Bauern war auch Kritik an den Ausführungen von Prof. Lintner zu hören, der Brixner Stadtrat Josef Unterrainer bezeichnete sie als Schwarzweißmalerei.

 

 

markus lobis (Foto Ingrid Heiss - Ausschnitt) 350 pxDie „Salerner Gespräche“ haben sich für mich als hochinteressantes Forum erwiesen und es ist bemerkenswert und wichtig, dass sie durch die mutige Zusammensetzung der Gäste am Podium und bei der Diskussion einen sehr breit gesteckten Rahmen für kontroverse Debatten vorgegeben haben.

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir in Südtirol nur Zukunft schaffen können, wenn alle in den Diskussionsprozess eingebunden werden. Dass sich die konventionelle Landwirtschaft und vor allem ihre Verbandsvertreter schwer damit tun, immer stärker die traditionelle Deutungshoheit über Fragen der Landwirtschaft zu verlieren, ist bekannt und war auch in Salern zu spüren.

Nachgerade schockiert bin ich über das Verhalten von Landesrat Schuler, der nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Augenzeugen während des Vortrages von Prof. Lintner mehrfach Anstalten machte, den Saal aus Protest zu verlassen und während des Vortrages gesagt haben soll, er müsse sich das nicht anhören.

Was geht in den Köpfen des bäuerlichen Establishments vor? Sind die Leute dort wirklich schon so hysterisch, dass sie es nicht einmal mehr aushalten, einem hochkarätigen – wenn auch in einigen Punkten für sie vielleicht unbequemen – Redner zuzuhören?

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